Unterm Hut
2010 Odyssee im Weltall - Rock the Ocean Teil 4
28.05.2010 | Kommentare [4] DAS CONCERTO MAGICO
Gleich startet Woddy Wodka mit der Weltpremiere seiner Pionier-Tournee auf See: Die erste Rock-Show der Seefahrtsgeschichte, in Kürze im Theater auf Deck 7. Die Security musste in Deckung gehen beim Ansturm auf die ersten Reihen, alles ist voller Hüte und Plakate, bemalte und benähte Kutten aus den Siebzigern, Panikgürtel, selbstbedruckte T-Shirts, das volle Programm. Hier rottet sich zusammen, was sich sonst bundesweit verteilt und in den großen Hallen die ersten Reihen füllt: Eintausend Hardcore-Fans auf engstem Raum. Der Pyrotechniker geht jetzt schon in Position, er scheint diese Energie zu spüren - lieber kein Risiko eingehen, so kurz vorm Vulkanausbruch! Der Schiffs-Manager himself hält eine kleine Ansprache, man möge doch bitte nicht die Kopfstützen von den Sitzen reißen und nicht auf den Glastischen tanzen. Ach was, keine Panik, das sind doch alles Piraten mit Stil.
Als das Licht ausgeht, brüllt der ganze Saal. Beim Lift-Off, beim ersten Trommelschlag springt alles auf, und als dem Astronauten der Helm abgenommen wird und der Hut zum Vorschein kommt, strecken sich ihm 2000 Hände entgegen - "oh yeah, was für ein grandioser Empfang!" Er hatte ja keine Ahnung, wer da so kommt, das sei ja unglaublich, wirklich NUR Experten an Bord, Delegationen aus Gronau, Cottbus, dem Ruhrgebiet, und natürlich die Berliner Panikgemeinde, "hier geht's konsequent zur Sache, jede Menge Action in jeder Ecke - geilomatic!" Und nach dem ersten Powerblock kommt die etwas intimere Schmusefix-Stimmung auf mit "Cello", das aus tausend Kehlen erklingt - natürlich setzt sich niemand hin bei diesem Sitzkonzert, und die meisten haben verdächtig feuchte Augen. Der Udonauten-Captain freut sich über die panische Abenteuerreise, wo es um einiges lockerer zugeht als sonst auf so einem Luxus-Kreuzer: statt reisenden Greisen und Steiftieren im Dinnerjacket rennen hier die lockerlosen Leichtmatrosen in Reizwäsche rum. "Wir hatten ja heute 'ne Sturmwarnung, sind wir dran vorbei gefahren, haben die Ölbohrinseln und Ölberge locker umschifft und die Eisberge ausgeknipst..!"
Und die Familienfeier wird zelebriert, mit einem seiner besten Freunde, Jan Delay on stage, und unten im Saal verbrüdert sich auch alles, wildfremde Menschen legen sich den Arm um die Schultern und singen aus vollem Herzen "Wenn du durchhängst". Da bleibt die Sonnenbrille heute mal bisschen länger auf der Nase, und nicht mal der kühle Nordseewind des legendären Seemannsliedes von 1973 verschafft Abkühlung - der Captain fällt vor der Sologitarristin auf die Knie. Ein paar heiße Greise - Besucher von anderen Schiffen, vom derben Rock'n'Roll angelockt - dancen über die Bühne, alles ist durchgeschwitzt und gut angetörnt, und es kommt einem so vor, als wäre man in eine andere Dimension gebeamt, direkt ins Weltall, wo ganz andere Gesetze gelten, weit hinter'm Horizont... Die wenigen Augen, die bei dem Song noch trocken bleiben, tragen einen Sichtschutz und halten die Hand auf's Herz gedrückt; beim Mädchen aus Ost-Berlin rufen einige: "Ich bin's, Udo! Ich bin hier!!!" und beim großen Finale, dem Song, der dann auch auf der lautesten Bord-Party des Universums gespielt werden wird, dreht alles komplett durch, Eddy Kante bringt Eierlikör zum Gurgeln für alle, ein heißer Greis rockt verdächtig nah am Herzinfarkt mit Udos persönlicher Michelle Huizinga, und Jan Delay filmt das Spektakel mit dem Camcorder, spontaner Rollentausch mit dem Publikum.
Doch das war's natürlich noch lange nicht - die selten live gespielte, lang ersehnte Seemannshymne "Good Bye Sailor" wird vom rhythmischen Schaukeln des Schiffes begleitet, everybody's waving Goodbye, und sogar der Bodyguard, der seit zwei Stunden ohne die geringste Regung auf dem Barhocker sitzt, wippt mit dem Fuß und bewegt die Lippen zum Abschiedsgruß: "Bye Bye..."
Gut aufgeladen mit irdischer Energie ist der Udonaut nun bereit, sein Shuttle wieder zu besteigen. Er lugt durch den schmalen Spalt zwischen Hut und Brille, steht da wie ein Cowboy, bis die Kapsel wieder startklar ist - doch dann muss er wieder los, und die Tränen sind groß...
Danach bleiben viele noch lange regungslos stehen und starren gebannt auf die Bühne - so als könnten sie gar nicht glauben, was sie gerade gesehen haben.
Doch der Rock'n'Roll holt sie wieder zurück, es geht direkt weiter im Casino, Session mit den Midnight Ramblers und allen wild entschlossenen Gitarreros - der Exzess nimmt kein Ende, das Chaos seinen Lauf, das Schiff noch nicht gesunken und alle so gut drauf - AHUAHUA - A E G, wir gehen auf Tournee!









