Unterm Hut
"Der Greis ist heiß"
07.10.2010 | Kommentare [1] Auf der Frankfurter Buchmesse stellt der Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf einen Bildband über Udo Lindenberg vor.
Udo Lindenberg schleicht mit brennender Davidoff durchs Nichtraucherhotel Atlantic, seinem Erstwohnsitz, in Richtung Raucherlounge, seinem Zweitwohnsitz. Hier ein Schnack mit dem Portier, da ein Winken zur Rezeption. Man kennt sich. Ein Gespräch mit dem Panik-Rocker.
Herr Lin...
Udo!
Gern - Udo, du bist im Bildband ohne Brille zu sehen. War das ein Unfall?
Nein, nein. Das Ding hat ja Tine gemacht und es ist ihr Lieblingsfoto von mir. Very personal. Eigentlich sollte das ja nur ein Geburtstagsheftchen werden für mich. Da meinte ich, das sind so geile Fotos, die dürfen wir der Öffentlichkeit nicht vorenthalten, die Blackbox der letzten vier Jahre meines Lebens, immer zwischen Notarzt und großer Bühne.
Auch ein Abgesang?
Nein, nur eine fotografische Zwischenbilanz. Ich habe noch viel vor. Nächstes Jahr erstmal MTV-unplugged, da checke ich gerade Lou Reed und es sieht ganz gut aus. Jan Delay ist natürlich auch dabei.
Gibt's 2011 auch eine Platte?
Ein ganz neues Album schaff ich erst in drei Jahren. Vorher brauche ich Zeit zum Spielen, Scheißbauen, Unterwegssein, Aufnkopfstellen, für Abenteuer, neue Eingebungen, weltweit. Es ist ja nicht so schwierig, Musik zusammenzustellen; das Themenfinden ist es.
Politischere Themen als früher?
Das wäre mein Plan.
Ist das eine Frage des Alters?
Ich war ja früher auch politisch. Straßenlieder, die DDR, wozu sind Kriege da, Waffenhandel, Atomkrieg aus Versehen, all so was. Aber nicht so sehr Tagespolitik und Barschel in der Badewanne. Doch jetzt freu ich mich erstmal über den Bildband.
Sind die fast 400 Bilder darin ein Ausschnitt deines Lebens oder ein Querschnitt?
Only four years. Es ist vor allem ein Feierbuch, weil because: there was a big party. Natürlich auch mit Schwierigkeiten.
Du bist auf jedem Bild mit Hut und Brille zu sehen. Ist das vor allem ein Image, das die Öffentlichkeit von dir hat?
Das bin schon ich. Ich gehe zwar nicht mit dem Hut ins Bett, aber mit ihm schwimmen. Ich hab eine tolle Frisur, nur dass der Scheitel immer höher rutscht... Der Hut steht mir seit 1980. Warum soll ich da jetzt noch was dran ändern.
Und die Brille? Man weiß gar nicht, wie du ohne aussiehst...
Nicht ganz so lang, aber mit der sehe ich besser, vor allem in die Ferne. Außerdem ist es ein Schutzvisier, mein Schutzschild, weil ich den ganzen Tag observiert werde. Aber ich wollte ja immer, dass die Leute über den kleinen Jungen aus Gronau sagen, da geht der berühmte Udo L., der Macher aus der Provinz, der sein Ding regelt. Ich bin ein Trademark und das pfleg ich.
Wenn du auf vier Bühnenjahrzehnte zurückblickst - gibt es da eine Konstante, die dich durchgängig kennzeichnet?
Die eigene Sprache, die ich erst erfinden musste. Meine Shows sind auch die gleichen, felliniesk, würde ich mal sagen, mit vielen Darstellern, viel Wirkung. Dazu meine Scheißegalhaltung, ob so was im Radio gespielt wird. Obwohl ich immer ein bisschen auf die Charts geschielt habe; ich bin Breitensportler, kein Nischenkünstler. Vor mir gab es im deutschen Rock ja nur Rio Reiser, "Macht kaputt was euch kaputt macht", sehr wichtig für mich, für alle.
Und ungeheuer politisch.
Ernst vor allem. Dem wollte ich eine Partyband gegenüberstellen und alles auf den Kopf stellen mit Udo ohne Hut, ein good looking man, das kam an.
Bis Mitte der Neunziger wenigstens.
Da hatte ich eine künstlerische Krise. Die Sinnkrise nicht zu wissen, wie man den Schritt vom Jugendidol zum würdevollen Rockchansonnier hinkriegt. Das haben nur wenige geschafft, McCartney, Dylan, David Bowie, solche Kaliber. Ich zuerst nicht. Da hat mir die Malerei geholfen. Trotzdem dachte ich Anfang der Neunziger, jetzt ist alles vorbei, mein Lebenswerk ist over.
Also Ruhestand.
Ich hatte jedenfalls große Zweifel. Dazu Notarzt, Kliniken, zu viel Alkohol, der ganze Scheiß. Dann hab gemerkt: Das schaffst du nur, wenn du fit bist. Viel Sport, kein Saufen, lieber andere Drogen, sonst kriegst du die Kurve nicht.
"Der Greis ist heiß", steht im Buch.
Das ist eine Persiflage auf Gleichaltrige, die im Sterbeflanell rumlaufen und Kindern Angst vorm Alter machen. Ich bin der Meinung, es steht für Radikalität und Meisterschaft; je knapper die Zeit wird, desto weniger hat man zu verlieren, desto weniger Rücksicht muss man auf Hierarchien und Karriere nehmen.
Fühlst du dich denn alt?
Manchmal, wenn ich meine Glieder strecke. Innerlich bin ich zeitlos.
Aber 100 wirst du nach deinem Lebenswandel nicht?
Ich sage immer, wenn grad keine Freunde zuhören (flüstert): noch zehn, vielleicht 15 Jahre.
Interview: Jan Freitag - Freies Wort - 07.10.2010
Udo Lindenberg: Stark wie Zwei, 2007-2010. 400 Fotografien von Tine Acke", erscheint am 15. Oktober im Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Nur 3333 handsignierte Exemplare - HIER vorbestellbar!









