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"How about an Eierlikör?"

08.07.2018

Lindenbergs Udopium fürs Volk

Udo Lindenberg zeichnet in Hamburg sein zweites MTV Unplugged Konzert auf. Es ist ein denkwürdiger Abend mit vielen tollen Gästen wie Jan Delay oder Angus und Julia Stone. Und eben Maria Furtwängler.

Sieben Jahre ist es her, dass Udo Lindenberg in der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel sein erstes MTV Unplugged Konzert aufgezeichnet hat: "Live aus dem Atlantic" wurde ein großer Erfolg und verkaufte sich mehr als 1,2 Millionen Mal. Für Lindenberg Grund genug, nun an den Ort des Geschehens zurückzukehren, und zwar für die Aufzeichnung des offiziellen Nachfolgers "MTV Unplugged 2".

Wie man das von Fernsehaufzeichnungen kennt, versucht ein Moderator vorab für Stimmung zu sorgen. Das Publikum habe man nach Schönheit ausgesucht, damit die im Frühjahr 2019 erscheinende DVD auch optisch etwas hermacht, erzählt er. Stimmt natürlich nicht. Wer die 1.500 Tickets für die Generalprobe und die zwei Aufzeichnungen kaufen durfte, wurde ausgelost. Einige Fans warteten schon Stunden vorher vor der Halle, um sich die besten Plätze zu sichern. Ihr Einsatz hat sich gelohnt, denn sie erwartet rund drei Stunden beste Unterhaltung.

Schon das Bühnenbild ist ein echter Hingucker: Mit einem großen Segelschiff stechen Lindenberg, das in Matrosenoutfits gekleidete NDR Elbphilharmonie Orchester und die elfköpfige Unplugged-Band in die Lindenbergsche See. Die Show wirkt wie eine Zeitreise durch das Leben und Schaffen des 72-Jährigen. Standen bei seinem ersten MTV Unplugged Konzert noch seine großen Hits im Vordergrund, hat Lindenberg - neben einigen neuen Songs - dieses Mal selten gespielte Stücke und in Vergessenheit geratene Schätze aus seinem rund 600 Lieder umfassenden Oeuvre ausgegraben.

Viele Songs sind höchst biografisch: In "Meine erste Liebe" erinnert er sich an seine erste große Flamme, um sie wieder zu finden schrieb er Jahre später den "Radio Song". Bei dem Stück wird er von Andreas Bourani unterstützt. "Hat sie sich denn eigentlich gemeldet", will der hinterher von Lindenberg wissen. "Ihr Mann hat angerufen", antwortet Lindenberg. "Es haben mehrere Männer und Frauen angerufen …"

"I gurgel with it ..."

Musikalisch verpassen Lindenberg und seine Mitstreiter vielen Songs ein völlig neues Gewand. Zugegeben, das Konzept der Unplugged-Reihe ist ein bisschen aufgeweicht, denn nicht alles bleibt unverstärkt. Aber was soll's, es klingt schließlich toll. Instrumente wie Harfe, Slide Gitarre, Banjo und Glockenspiel kommen zum Einsatz. Bei "Cowboy Rocker" bittet Lindenberg die amerikanische Tex-Mex-Band The Last Bandoleros auf die Bühne. "How about an Eierlikör?", will Lindenberg in perfektem Denglisch wissen. "I gurgel with it." Lindenberg ist und bleibt einfach ein Unikat.

Neben Andreas Bourani und The Last Bandoleros hat Lindenberg noch eine ganze Menge weitere Gäste eingeladen: Jan Delay, der schon beim letzten Unplugged-Konzert dabei war, Gentleman und Rapper Marteria kommen für jeweils einen Song auf die Bühne. Das Alice-Cooper-Stück "No More Mister Nice Guy" singt Lindenberg mit Pascal Kravetz - Cooper sei heute verhindert gewesen, aber am Folgetag dabei. Auch das australische Geschwisterpaar Angus & Julia Stone, das auf seiner letzten Deutschlandtour "Durch die schweren Zeiten" gecovert hat, hat Lindenberg eingeladen.

Die blonde Dame im Udo-Look derweil, die zu "Bist du vom KGB?" auf die Bühne kommt, entpuppt sich als Maria Furtwängler. Die beiden hätten sich im Hotel Atlantic kennen gelernt, als die Tatort-Schauspielerin auf eine Kostümparty wollte und Udo ihr netterweise spontan mit Klamotten aushalf. "Auch was ich jetzt anhabe, ist von Udo. Sogar die Unterhose", lacht sie, und entdeckt dann eine E-Zigarette in ihrer Jackentasche, an der sie sofort zieht. "Da ist was drin", grinst Lindenberg. "Udopium für's Volk."

Doch so kurzweilig der Abend auch ist, hat Udo Lindenberg sich offenbar mehr vorgenommen, als bloß zu unterhalten. Immer wieder wird er politisch und sozialkritisch. Beschwert sich, dass Nestlé in Afrika Wasser abpumpe, Shell in der Arktis bohre, und über Trump, den "Weggetretenen". "Wie pervers ist diese Welt?", fragt er. "Wir müssen etwas tun!" Dass er vor solchen Botschaften auch in seinen Texten nie zurückschreckt hat, beweist er mit Stücken wie "Bananenrepublik", "Kleiner Junge" und "Wir ziehen in den Frieden", für das 20 Kinder von "Kids on Stage" auf die Bühne kommen. "Woodstock ist nächstes Jahr 50 Jahre her", sagt er. "Man kann mit Musik etwas bewegen. Dafür habe ich dieses Lied geschrieben." Das Publikum quittiert es mit Standing Ovations. Ein denkwürdiger Abend. Gut, dass es ihn bald auf DVD gibt.

Text: Nadine Wenzlick
Fotos: Tine Acke

Quelle: NTV.de, 07.07.2018