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"Nationalismus ist Verrat an der Jugend"

13.12.2018

Der Hamburger Musiker Udo Lindenberg über Rechtsextreme, politischen Klartext, Schockrocker und sein Unplugged-Album "Live vom Atlantik".

Herr Lindenberg, wie kamen Sie auf die Idee, etwas so Singuläres wie ein MTV-Unplugged-Konzert zu wiederholen?

Eigentlich ist das etwas Einmaliges, aber wir sind ja von der Firma Uneigentlich. Die Leute sprechen mich auf der Straße an, die fanden das damals so gut. Nach den ganzen großen Konzerten hatte ich auch mal wieder Lust auf ein etwas intimeres Abenteuer. Dann habe ich einen Wunschzettel geschrieben, mit wem ich gerne arbeiten würde ...

Nun sind unter anderem Marteria und Alice Cooper dabei.

Genau. Marteria war bei uns auf der Bühne in Köln, da habe ich ihn näher kennengelernt. Er hat mich dazu gebracht, meinen alten Song „Bananenrepublik“ wieder auszugraben. Alice Cooper kannte ich von früher aus Los Angeles, da haben wir uns in den siebziger Jahren mit Slash und Lemmy getroffen.

Moment, das kann nicht sein. Slash war in den Siebzigern noch ein Kind.

Dann waren es die Achtziger, ich komme da manchmal ein bisschen durcheinander. Alice Cooper konnte sich auch kaum noch erinnern, der Nebel der Rock’n’Roll-Exzesse. Aber wir sind Brüder im Geiste und haben eine ähnliche Story. beide Schockrocker, beide eine Alkoholkarriere.

Das erste Unplugged-Album war sehr erfolgreich. Wählen Sie Gäste wie Andreas Bourani auch aus, um eine möglichst breite Zielgruppe zu erreichen?

Wenn man 1,2 Millionen verkauft, wie bei der ersten Unplugged-Platte, ist das natürlich sehr schön, aber planen oder wiederholen kann man es nicht. Es kann sein, dass die Leute von der Plattenfirma solche Ideen an mich herantragen, aber für uns ist das nicht entscheidend. Es geht immer um den Abenteueraspekt, neue Leute kennenzulernen, neue Sachen auszuprobieren. Mein Produzent arbeitet mit Andreas Bourani zusammen, so haben wir uns kennengelernt.

Wie umfangreich haben Sie das Album für die Veröffentlichung nachbearbeitet?

Besonders viel machen wir da nicht mehr. Der richtige Mix spielt eine sehr große Rolle. Wenn einer von den Musikern mal in die Tinte greift, korrigieren wir das. Ein, zwei Sachen habe ich nicht ganz so optimal gesungen. Dafür haben wir ein Mikro in meiner Hippie-Suite aufgebaut, wo minimale Kleinigkeiten ergänzt wurden. Es ist mir aber sehr wichtig, den Spirit des jeweiligen Abends aufrechtzuerhalten.

Bei Ihren Studioalben arbeiten Sie heute mit mehreren Produzenten und Songschreibern zusammen, während Sie in den Siebzigern das meiste alleine gemacht hatten. Könnten Sie sich vorstellen, auch mal wieder ganz alleine zu arbeiten?

Ich finde die Dynamik sehr reizvoll, die sich aus der Zusammenarbeit mit diesen Leuten ergibt. Ich plane ohnehin nie weit im Voraus, kann sein, dass ich nächstes Jahr Lust habe, so was zu machen. Ich bin da sehr flexibel und lege mich nie fest. Das Einzige, was ich weiß: Ich mache weiter. Es gibt ja keine anderen Rock ’n’ Roller, die nachgekommen sind.

„Bananenrepublik“ und andere Ihrer älteren Lieder sind heute wieder aktuell: Rechtsruck, Nationalismus, Armut, Kriege – alles Themen, die wieder auf der Agenda stehen. Frustriert Sie das bisweilen?

Natürlich, manchmal schon. Aber das bringt ja keinen weiter.

Kann Musik politisch überhaupt etwas bewirken?

Mit Musik alleine kann man das natürlich nicht machen, Songs können Bewegungen begleiten, Dinge infrage stellen, Impulse setzen. Aber auf die Straße müssen die Leute schon selbst gehen. Und das passiert ja auch, das Potenzial ist da: Wenn in Berlin rund 250 000 Leute demonstrieren wie vor einigen Wochen, stimmt mich das wieder optimistisch.

Sie sprechen von der Unteilbar-Demonstration im Oktober?

Genau. Oder in Hamburg, wo auf 2000 Pegida-Leute 50 000 Gegendemonstranten kamen. So was ist wichtig, denn über den Daumen ist das ein ganz geiles Land hier, in dem man gut zaubern kann. Die paar Sachen, die nicht in Ordnung sind, kriegen wir auch noch geregelt. Da muss mehr Klartext kommen, schnellere Behörden, schnellere Justiz. Vor allem aber muss man reden, damit nicht so ein Vakuum entsteht, in dem der braune Müll sich immer mehr ausbreitet.

Früher waren die Fronten klarer. Man ging automatisch davon aus, dass zum Beispiel Ihr Publikum die Botschaften der Songs teilte und tendenziell politisch links stand. Vor einigen Jahren war ich bei einem Lindenberg-Konzert in Leipzig und da mischten sich unter den Applaus nach einer antirassistischen Ansage auch Buhrufe.

Viele von der Schwankstelle sind keine erklärten Nazis. Vor allem im Osten sind das auch Leute, die Ängste haben. Wenn ich dann von der bunten Republik singe, denken die, ich wollte alle reinlassen, aber das meine ich ja nun auch wieder nicht. Eine ordentliche Zuwanderung brauchen wir schon. Politisch ist es wichtig, dass man im Gespräch bleibt und diesen Leuten positive Utopien und Visionen vermittelt. Wo früher Disserei war und Rivalität etwa mit Grönemeyer und Campino, ziehen wir heute alle an einem Strang. Auch die Jüngeren wie Marteria und Casper.

Malen Sie da nicht ein zu positives Bild? Aktuell hat man in den USA und Europa eher den Eindruck, dass die Gesellschaften immer weiter auseinanderdriften.

Der Schwachmat Trump meint mit seinem Motto eigentlich „Make America rich again“ und hier vor allem die Rüstungsindustrie. Nächstes Jahr müssen wir wohl wieder gegen Mittelstreckenraketen auf die Straße gehen. Bereits jetzt werden Waffen an Saudi-Arabien verkauft, ob da Oppositionelle in Salzsäure aufgelöst werden, scheint keinen zu interessieren. Aber wir machen die ganze Scheiße nicht mit. Wir müssen hier die Friedensmacht Europa werden.

Eine Voraussetzung hierfür wäre Einigkeit, davon ist Europa aktuell weit entfernt.

Der Rückfall in Nationalstaatlichkeit bringt uns nicht weiter, was die wirklich großen Herausforderungen der Zukunft betrifft: Klimawandel, die Plastikvermüllung der Meere, die Vernichtung der Regenwälter – diese Dinger können wir nur international regeln. Nationalismus ist Verrat an der Zukunft und den jungen Leuten. Wir dürfen unsere Idee vom europäischen Haus nicht aufgeben, dafür müssen wir ordentlich powern. Wenn die Musik nicht reicht, muss ich in die Politik gehen, dann werde ich eben doch noch Bundespräsident.

Interview von Torsten Gross
Fotos: Tine Acke

Quelle: Tagesspiegel, 13.12.2018