Termine

alle Termine »

News

Neues Album von Udo Lindenberg: Der Pate

27.04.2016

Ein großer Kindskopf, ein romantischer Spinner, aber auch Deutschlands einziger echter Rockstar: Mit fast 70 veröffentlicht Udo Lindenberg mit "Stärker als die Zeit" eines der besten Alben seiner Karriere.

Der Typus des Rockstars ist eigentlich nicht vorgesehen in diesem Land. Deutsche Musiker, auch die ganz jungen, sind idealerweise vernünftig, bescheiden, strebsam und geleitet von einer professionellen Grundhaltung. Kurzum: Sie sind ein bisschen so wie Philipp Lahm, über den man ja auch nichts Schlechtes sagen kann. Das passt gut und soll so sein in einem Land, in dem es grundsätzlich immer und überall als eine Tugend gilt, auf dem Boden geblieben zu sein.

Udo Lindenberg allerdings hatte nie Interesse am Boden. Alles, nur das nicht. Er hatte ihn bereits verlassen, als er mit 15 aus seiner westfälischen Heimat nach Triopolis aufbrach, um dort mit einer Jazzband auf einer amerikanischen Luftwaffenbasis zu spielen, tatsächlich aber die meiste Zeit mit Saufen zubrachte. Ungefähr seit dieser Zeit trug er seine Exzesse stolz vor sich her, schrieb Lieder darüber, zelebrierte sie öffentlich. Es fährt auch kein anderer deutscher Rockmusiker derart offensiv Porsche wie Udo Lindenberg, und natürlich wohnt kein anderer dauerhaft im Hotel.

Insofern ist Lindenberg, ebenso natürlich, der einzige deutsche Rockstar. Und er wird es auch weiterhin sein, wenn jetzt sein neues Album "Stärker als die Zeit" erscheint. Was auch daran liegt, dass Lindenberg deutschsprachige Rockmusik überhaupt erst erfunden hat, zusammen vielleicht noch mit Rio Reiser: Dem Durchhalteschlager und der Nachkriegstristesse entriss er eine künstlerische Sprache, die mit den jüdischen Künstlern in der Asche des Holocaust untergegangen war, darum ging es ihm.

Aus dieser immer auch etwas bescheuerten Sprache, der Sprache des Udo Lindenberg, sowie aus England und Amerika importierter Baukastenrockmusik und einigen liebenswert versponnenen Manierismen destillierte der Jazzschlagzeuger Udo Gerhard Lindenberg vor ungefähr 45 Jahren eine Kunstfigur, mit der er über die Jahre in völliger Harmonie verschmolz.

20 Jahre Suff und weg

Irgendwann leider: zu sehr. Durch den Filter seiner vielen Sehnsuchtsorte und Fantasiegestalten hatte Lindenberg erfolgreich die Brandt- und Schmidt-Republik erklärt. Die des HB-Männchens, der Kaffeekränzchen, Ölkrise, des Deutschen Herbsts und Günter Netzers. Udo Lindenberg verhandelte bundesrepublikanische Wirklichkeiten wie heute höchstens noch der "Tatort". Für sein junges Publikum war er eher kumpelhafter großer Bruder als väterlicher Freund. Er übernahm den aufregenderen Teil der Erziehung, weshalb er von ihnen bis heute messianisch verehrt wird.

Doch spätestens mit dem Ende der Bonner Republik gingen auch Lindenberg die Konzepte aus. Es folgten "20 Jahre Suff und weg", wie er die dunklen Jahre, die er mehr oder weniger dauerbenebelt als Karikatur seiner selbst verbrachte, jetzt in einem der neuen Songs, "Einer muss den Job ja machen", besingt.

Was dann passierte, ist oft beschrieben worden und trotzdem noch unglaublich: Lindenberg kriegte die Kurve. Er wurde nüchtern, begann sogar Sport zu treiben. Wie aus dem Nichts gelang dem längst Verlachten 2008 mit "Stark wie zwei" nicht nur ein strahlendes Comeback, das Album und die folgende Unplugged-Gala alter Hits, "Live aus dem Hotel Atlantic", verkauften sich besser als jede Lindenberg-Platte zuvor. Danach spielte Udo zum ersten Mal in seiner Karriere in Stadien, und plötzlich wollte ihn jeder schon immer gutgefunden haben.

Jetzt stand mehr auf dem Spiel

Nie zuvor hat Udo Lindenberg so akribisch und lange an einem neuen Album gearbeitet wie jetzt an "Stärker als die Zeit". In den Siebzigern erschienen oft zwei Platten pro Jahr, Lindenberg war Produzent, ausführender Sänger, Texter, Komponist und Arrangeur in Personalunion. Der penible "Dr. Nervenberg", als der er sich einmal beschrieb, trieb die Musiker unermüdlich an, schlief kaum jemals, arbeitete unablässig und war ständig entweder im Studio oder auf Tournee.

Später drosselte er sein Tempo, aber auch in den schwarzen Zeiten, in denen er angeblich zwei Flaschen Whiskey am Tag trank, gab es noch alle zwei, drei Jahre ein neues Album. Manche waren gar nicht so schlecht, wie es die kanonisierte Lindenberg-Geschichtsschreibung aus dramaturgisch nachvollziehbaren Gründen heute behauptet. "Und ewig rauscht die Linde" zum Beispiel, ein Album, das Udo 1996 mit der damals populären Hamburger Band Selig und deren Produzent Franz Plasa aufnahm, hat große Momente.

Jetzt aber stand mehr auf dem Spiel, viel mehr. Lindenberg umgab sich erneut mit dem Erfolgsteam von "Stark wie zwei", den Produzenten Andreas Herbig, Henrik Menzel und Peter Seifert. Aufgenommen wurde in London, Los Angeles, New York und Berlin. Haufenweise Musiker gaben sich die Klinke in die Hand, jeder wurde um Rat gefragt, alles zigmal besprochen, verworfen, neu gemacht. Udo wollte es allen zeigen, sämtliche Fähigkeiten bündeln. Das klingt nach Anstrengung und totaler Konzentration, aber das Ergebnis ist tatsächlich von einer Souveränität getragen, wie es sie lange nicht mehr gab im Lindenbergschen Werk.

"Stärker als die Zeit" ist immer dann am besten, wenn Udo die Brille runternimmt und ein bisschen den Gerhard zulässt. Es ist ein extrem schmaler Grat, auf dem das Lindenbergsein überhaupt funktioniert, und er selbst hat ihn oft genug überschritten. Nun ist der große Kindskopf und romantische Spinner spürbar bei sich - und damit auch bei uns. Songs wie "Der einsamste Moment", "Blaues Auge", "Eldorado", "Kosmosliebe" oder "Stärker als die Zeit" behandeln letzte Dinge. Es geht um Abschied, innere Einkehr, die große Frage, was bleibt. Udo Lindenberg wird am 17. Mai 70 Jahre alt, und es liegt eventuell auch an diesem runden, lange unerreichbar geglaubten Geburtstag, dass er auf diesem Album immer wieder traurig, politisch resigniert und nachdenklich klingt.

Erfüllung eines alten Traums

Der Verzicht auf die typisch utopistische Udo-Wendung steht ihm allerdings gut. Früher war das so: Bei Lindenberg gab es immer Hoffnung und meistens ein Happy End. Das muss nichts Schlechtes sein. Aber einige seiner Songs wären noch intensiver und stärker gewesen ohne Licht am Ende des Tunnels. Denn es ist ja in der sogenannten Realität meistens nicht so, dass Typen wie der Verlierer Freddie aus dem Song "Satellit City Fighter" am Ende irgendwo anders landen als im Knast oder auf dem Friedhof. Aber Udo glaubte eben an das Gute und animierte die Leute, immer weiterzumachen.

Für ihn selbst ging diese Rechnung schließlich auf, und so hat er ein Lied einfach noch mal aufgenommen: "Mein Body und ich" fand sich 2003 bereits auf der eventuell überflüssigsten Udo-Platte überhaupt, "Der Panikpräsident". Damals klang seine Stimme, zu blechernem Klavierspiel, nach Autopilot, heute wird der Song zu einem rührenden Dankeschön eines Überlebenden an den eigenen Körper. Das liegt auch an der herausragenden Produktion von "Stärker als die Zeit": sehr analog, mit sehr viel Wärme und Tiefe, werden die Songs als im besten Sinne zeitlos inszeniert. Passend zu Lindenbergs Stimme, die fast so warm und mitreißend wirkt, wie ganz am Anfang seiner Karriere.

Zum Schluss des Albums folgt dann auch noch die tongewordene Erfüllung eines alten Lindenberg-Traums. Sein Freundschaftsbegriff, sein Familienkonzept, all das ist der Klischeewelt von Francis Ford Coppolas Mafia-Epos "Der Pate" entlehnt, Udos erklärtem Lieblingsfilm. Nun erteilten ihm die Erben des Komponisten Nino Rota tatsächlich die Freigabe für die Nutzung der legendären Titelmelodie, was sie zuvor noch nie getan hatten.

Lindenberg textet darüber gemeinsam mit Beatrice Reszat ein ewiges Bekenntnis zu seinen Fans und Freunden, aufgenommen mit einem 60-köpfigen Orchester in den Londoner Abbey Road Studios. Fast schon ein vorweggenommenes musikalisches Vermächtnis. Wobei er sich eigentlich gar nicht mehr selbst ehren müsste: Das Land hat inzwischen verstanden, dass es einen wie Udo Lindenberg kein zweites Mal geben wird - und man ihn besser feiert, so lange er noch da ist.

Quelle: Spiegel Online, 26.4.2016