News
"Wenn die Leute mich wollen, werde ich Bundespräsident!"
13.02.2012 Udo Lindenberg im SZ-Interview über den Anti-Rocker Christian Wulff, seine Zeit als Blechtrommler und die Frage, wie man in Würde altert
Es ist 17 Uhr, und Udo Lindenberg ist gerade aufgestanden. Noch müde schlurft er durch das Foyer des Hotels Atlantic in Hamburg, in dem er seit Jahren lebt. Tagsüber schläft er, nachts malt er, sitzt an der Hotelbar oder schreibt Songs. Lieder wie „Hinterm Horizont geht’s weiter“ und „Cello“ und so. Nun geht er auf Tour, mit 65 Jahren und dem bisher erfolgreichsten Album.
SZ: Udo Lindenberg, reden wir über Geld. Hat Christian Wulff auch von Ihnen Geld geliehen?
Lindenberg: Sie meinen, ob der mich mal angepumpt hat, so: Udo, haste mal ne Mark, oder so? (lacht) Nee. Ist der immer noch im Amt? Erstaunlich.
SZ: Aber Sie kennen ihn von diesen Partys in Hannover.
Ja, bei Manfred Schmidt. Die Niedersachsen-Connection. Aber Wulff kenne ich nur flüchtig. Mit dem Sigmar Gabriel, mit dem habe ich mich gut verstanden. Der war mal selbst Konzertveranstalter. Der ist ein Cooler.
SZ: Ach, jetzt die Zigarre.
Eine ganz leichte. Eine Frühstückszigarre.
SZ: Rauchen Sie auch mit dem Zigarren-Kenner Gerhard Schröder?
Ja klar. Der raucht. Und er singt dann.
SZ: Schröder singt?
Lindenberg: (singt) „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt . . .“ Er ist ein lustiger Vogel. (Ein Kellner bringt Tee.) Das ist meiner, ohne Ho-
nig und ohne Zucker, oder?
Kellner: Ja, wie immer.
Lindenberg: Ich will leicht wie eine Feder auf die Bühne gehen, jetzt bei der Tour. Das wird eine super Show.
SZ: Wir haben draußen gerade Peter
Kraus gesehen . . .
. . . der ist auch fit! Mit 73. Sexy Body, nein? Peter Kraus war der Erste, der mir gratuliert hat. Per SMS: „Herzlichen Glückwunsch zu Deinem neuen Album, das turnt mich total an.“
SZ: Sind Sie denn fit? Was macht der Alkohol?
Der Trick ist, damit umgehen zu lernen. Ich hab’ das nicht immer beherrscht, ich war ganz drinnen im nassen Gold wie im Song, ich stand knietief im Whiskey und so. Jetzt habe ich das besser im Griff.
SZ: Ohne geht es nicht?
Es geht auch ohne. Aber oft eben mit. Viele Texte sind mit einem etwas schwindligen Kopf geschrieben und nüchtern gegengelesen. Oder auch andersherum: Ich hab’ sie nüchtern geschrieben, und dann hab’ ich mir einen reingebreitet und bin noch mal rüberge-
gangen. Ich sehe das dann von zwei Hochsitzen des Lebens aus. Ich bin jetzt nicht der Sprecher fürs Komasaufen, sondern ich mach’ das wie Faust.
SZ: Goethes Faust?
Lindenberg: Klar. Man braucht mal seine Kicks, nachdem man alles studiert hat und noch immer nichts weiß. Erleuchtungstrinkerei. Wie Harry Haller aus
dem „Steppenwolf“ von Hesse. Das ist der Kollege von Faust und mir.
SZ: Wann haben Sie Hermann Hesse gelesen?
Mit 20. Das hat mich gepackt. Wie kann einer über mich schreiben, der mich nicht kennt? Hab’ ich gedacht. Die kleine Stadt, die bürgerliche Enge, der Stress in der Schule, die Suche nach Coolness, der Ausbruch.
SZ: Sie sind in den fünfziger Jahren in Gronau in Westfalen aufgewachsen.
Mit zehn war mir schon klar, ich kann hier nicht leben. Ich muss hier raus. Elvis, James Dean, Bill Haley, das klang so nach Aufbruch, nach freiem Leben, nach Revolution gegen diese Agonie der Nachkriegszeit, gegen das große Schweigen. Angeblich war ja keiner dabei bei den Nazis. Ich hab’ meine Eltern gefragt, habt ihr nichts mitgekriegt?
SZ: Und?
Schweigen. Mein Vater hat getrunken, um seine Zeit im Krieg zu vergessen.
SZ: Wie sind Sie geflüchtet?
Mit elf fing ich an zu trommeln.Das kam supergeil. Ich hab’ so Stöcke aus Bäumen rausgeschnitten.Gegen-
über war eine Riesengroßhandelskette, die hatten Benzinfässer. Da-doing-da-doing, das hörte die ganze Straße. Ich war der Blechtrommler. Es war wie eine
Sucht, wie ein Motor, der immer lief. Mit 13 habe ich den ersten Preis geholt bei einemWettbewerb in Osnabrück.
SZ: Christian Wulff kommt aus Osnabrück.
Schon wieder Wulff? Kommen Sie mir nicht auch noch mit Maschmeyer. Da war nichts. (lacht)
SZ: Wollen Sie nicht Bundespräsident werden? Das wär’ doch was.
Vielleicht.
SZ: Was hat Ihr Vater gearbeitet?
Installateur war er, Heizungsbau.Das musste er machen, der einzige Sohn übernimmt die Firma. Dabei
wollte er raus in die Welt, Dirigent werden. Er war nur fröhlich, wenn er soff - sonst schwieg er. Jeden Tag um fünf ging er in seine Kneipe, da trank er und lebte
auf. Dann war er Entertainer und Witzeerzähler und Sprachjongleur. Wenn er nach Hause kam, weckte er die Kinder, weil er Publikum brauchte. Er stellte sich auf den Tisch und dirigierte, mit wehenden Haaren.Wir Kinder dachten: eigenartiger Vogel. Mir war klar, ich muss weg aus Gronau.Mit 13 war ich dauernd am Trampen. Den Daumen im Wind. Nach Luzern, zu
meinem damaligen Star Hazy Osterwald.
SZ: Mit 13.
Ich wollte ein Autogramm. Der lebte auch im Hotel wie ich heute, im Grand Hotel Luzern. Er gab mir das Autogramm. Ich traf ihn später wieder, er übernachtete hier im Hotel Atlantic. Ich kam ein bisschen schwindlig
nach Hause und klopfte, weil ich dachte, jetzt mit Hazy eine Flasche Champagner trinken, wäre doch ganz charmant.
SZ: Wann zogen Sie aus?
Lindenberg: Mit 15 bin ich nach Düsseldorf. Als Liftboy, als Kellnerlehrling - ich wollte ja Schiffssteward werden und die Meere bereisen. So wie James Cook.
SZ: Der wurde aufgegessen.
Das wollte ich natürlich vermeiden.Na ja, dann kam der Jazz. Eine Band suchte einen Trommler, und ich
wurde halt Berufstrommler. Mit 16 hab ich ein Jahr in Tripolis bei der US Airforce getrommelt. Whisky, Lucky Strike soldiers. Die hatten nichts zu tun, das war ein Camp mitten in der Wüste, und es war ja Ruhe im Land. Die konnten nicht den ganzen Tag Flugzeuge putzen und Oasen abchecken. Deshalb gingen
die einen saufen, und in den Bars spielten wir Jazz. Da gab’s Exzesse, getrunken haben wir. Als ich zurückkam, war ich mit den Nerven ziemlich flatterig. Das war meine Grundausbildung.
SZ: Ihre Eltern haben sich sicher Sorgen gemacht.
Ich sagte immer: Leute, vertraut mir, ich werde der beste Trommler der Welt. Ich war mir sicher, ich kriege was Großes hin. Gut. Und dann wurde ich halt Sänger. (lacht)
Sie haben keine klassische schöne Stimme. Da braucht es schon Selbstbewusstsein, sich auf die Bühne zu stellen.
Ich war anfangs sehr unsicher. Ob das überhaupt klargeht. Ich konnte keinen Ton halten. Aber ich wusste: die Texte und die Band, die sind der Hammer. Gab es sonst auch nicht, so was. Gegen das Lampenfieber habe ich dann 15 Doppelkorn getrunken. So konnte ich wenigstens irgendwie glauben, dass ich der King bin, der Strahlefix.
Und es hat geklappt.
Ich glaube, gerade weil es schnörkellos war. Die Leute identifizierten sich mit mir, die konnten ja auch nicht singen. Weil ich wollte, dass die Band auch diese Ausstrahlung hat, mussten die vor dem Auftritt alle in ein Polizeiröhrchen pusten, und unter 1,2 Promille ließ ich sie nicht auf die Bühne.
Jetzt sehen wir Probleme mit der Kandidatur zum Bundespräsidenten.
Nee, die meisten Leute finden das doch lustig, denke ich.
SZ: Wie geht es Ihnen heute?
Dass ich in meinem Alter meine erfolgreichste Platte mache, das freut mich so; wie ein Kindchen
hüpf’ ich manchmal und wach mit einem Lächeln auf. Nach den Krisenjahren tut das gut.
SZ: Die Krisenjahre waren die 90er.
Da war ich auf der Suche. Ich musste von nem Teeniestar und Bravo-Starschnitt zu ’nem Rock-Chansonnier werden, der seines Alters würdig ist.
SZ: Würde ist eher was für Bundespräsidenten.
Jeder braucht Würde. Ich musste den Umgang mit Alter und Tod lernen. Und den mit Alkohol. Nüchtern fühlte ich mich krank.
SZ: Wie kamen Sie da raus?
Ich dachte nach, da an der Bar, bis um fünf oder sechs Uhr morgens, mit Daddy’s little helpers. Und dann ging’s irgendwann. Jetzt, durch die Attacke meiner neuen Songs, entdecken mich junge Leute. Die sagen: „Da ist so ein neuer Sänger, so ein Typ mit ’nem Hut. So ein Crazyman. Und das ist das Heißeste, was gerade so auf'm Markt ist.“ Ja. Udo ist für alle da. Udo VEB Lindenberg – ich bin ein Volkseigener Betrieb.
SZ: Also doch Bundespräsident.
Wenn die Leute ein Volksbegehren machen und mich wollen, dann mach’ ich’s. Der Christian Wulff, so ein richtiger Rocker ist er ja nicht.
Interview: Hannah Wilhelm und Willi Winkler








