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Chronik einer Auferstehung

14.10.2010

Udo Lindenberg - extrovertierter Künstler und zugleich verborgen unter Panikhut und Sonnenbrille. Seine Partnerin Tine Acke zeigt den Sänger jetzt für einen Bildband in Nahaufnahme. Frank Grieger sprach mit dem ungleichen Paar.

Uns Udo, einer für alle. Seit Jahrzehnten ein Poser, ein Meister der Selbstinszenierung, extrovertiert und allgegenwärtig wie kaum ein Zweiter. Und doch auch einer, der Panikhut und Sonnenbrille benutzt wie einen Schutzhelm ? was drinnen ist, geht niemanden was an. Ein neuer Bildband zeigt Udo Lindenberg (64) nun in Nahaufnahme, auf über 400 Fotos. Geschossen von einer, die dichter an ihn herankommt als irgendjemand sonst: Tine Acke, 33, und seit mehr als zwölf Jahren seine Komplizenfrau (wie er es nennt). Frank Grieger sprach mit den beiden ungleichen Partnern.
Mal vorab: Ihr habt aus eurer Beziehung lange Jahre ein echtes Geheimnis gemacht. Warum eigentlich?
Udo Lindenberg: Na ja, ich will mal so sagen: Die ganz privaten Dinge gehören nicht unbedingt an die Öffentlichkeit. Und es ist ja auch keine eheähnliche Beziehung, die wir führen. Sie macht ihr Ding, ich mach meines. Wir wohnen auch nicht zusammen. Du weißt ja, ich bin ein Nomade. Hotel-Nomade.
Sie ist 33, du 64. Ein Problem?
Udo Lindenberg: (zögert ganz kurz) Manchmal ein bisschen. Aber nicht wesentlich.
Tine Acke: 30 Jahre Unterschied ? sind zwar manchmal etwas schwierig, aber das befruchtet sich auch. Udo hat ja unglaublich viel Erfahrung und kann mir gute Tipps geben, in vielen Bereichen. Und er hat sich diese große Leidenschaft erhalten. Wir ergänzen uns sehr gut.
Gibt?s denn irgendwann noch mal einen Linden-Zwerg?
Udo Lindenberg: Nee, ist nicht vorgesehen. Kinder von Prominenten haben es oft sehr schwer: Der kann nicht so schön singen wie sein Alter und wieso hat der keinen Hut auf, oder so... Muss nicht sein.
Reden wir über die Fotografin Tine Acke und das Modell Udo Lindenberg. Viele Bilder wirken sehr persönlich, fast intim. Tine, ist es ein Vorteil oder ein Nachteil, wenn man emotional nah dran ist und keine professionelle Distanz hat?
Tine Acke: Also ich empfinde das als Vorteil. Man weiß, wie der andere reagiert und so weiter.
Die stärksten Bilder sind eigentlich die, in denen Udos seine Panik-Maske lüftet. Weil er nicht reflexartig in eine Pose fällt, sondern in sich gekehrt ist.
Udo Lindenberg: Tine ist total unauffällig, wie ein Schatten. Oft schießt sie aus der Hüfte raus: auch in Momenten, in denen ich mich unbeobachtet fühle. Oder von hinten auf die Bühne. Meistens krieg? ich das gar nicht mit: Klick.
Hätte jemand anders diese Fotos machen können? Jemand, der dir nicht so nahe steht?
Udo Lindenberg: Es ist schon ein Unterschied, wenn da Fremde mit einer Kamera vor dir rumstehen. Du weißt ja nicht: Welche Bilder suchen die jetzt aus, was machen die damit... So eine Vertrautheit schafft große Sicherheit. Außerdem sind Tine und ich gut eingespielt, sehr effektiv, ja?
In dem Buch sind etwa 400 Bilder zu sehen, aber es gab ja sicher weitaus mehr. War die Auswahl schwierig?
Tine Acke: Nöö, geht so. Auch wenn wir insgesamt aus ungefähr 100 000 Fotos selektiert haben. Mir war nur wichtig, dass die ganze Seitenkomposition stimmt. Das hab? ich größtenteils selber gemacht. In dem Buch steckt ungefähr ein halbes Jahr ? von mir und meinen ganzen Gefühlen.
Darfst du ihn auch ohne Hut fotografieren?
Tine Acke: Na klar!
Ist aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, oder?
Tine Acke: Das wird unter Verschluss gehalten. In Tresoren! (lacht)
Udo, du nennst sie ?das Auge?, die ?Königin des Observatoriums?. Eigentlich sagt man sonst Männern nach, dass sie auf Optik geeicht sind... Frauen weniger.
Udo Lindenberg: Sicher ist die Tine da ein bisschen aus der Art geschlagen... Sie spricht auch nicht viel mit Worten, sondern mit ihren hellblauen Husky-Augen. Aber sie kriegt ungeheuer viel mit. Jedenfalls mehr als ich, der King der Sonnenbrille und der tiefliegenden Hutkrempe (lacht).
Die Bilder decken einen Zeitraum von vier Jahren ab: 2007 bis 2010. Das ist ziemlich genau der Zeitraum, in dem aus dem ? na ja ? Lebenskünstler Udo Lindenberg wieder der Erfolgsmusiker wurde. Das Album ?Stark wie Zwei? ist ja mehr als 600.0000-mal verkauft worden und wurde Nummer eins, deine erste überhaupt. Hättest du im Traum damit gerechnet, dass dir noch mal so ein großer Wurf gelingt?
Udo Lindenberg: Nee, hab? ich eigentlich nicht. Bei der ganzen Durchdreherei, Rock?n?Roll und Exzess, hätte ich ja nicht mal gedacht, dass ich überhaupt so alt werde. Aber Panik hält frisch. Offenbar unterliege ich nicht der irdischen Zeitrechnung. Jetzt sieht?s so aus, als wenn ich mit 70 noch Party mache. Weißt du noch, wie wir uns vor vier Jahren in Bochum bei der 1Live-Party getroffen haben?
Als du die ?Krone? für dein Lebenswerk bekommen hast...
Udo Lindenberg: Genau. Das war wie ein Startschuss. Aufbruch zu neuen Ufern.
Im Vorwort zu eurem Buch beschreibt Tine die Phase, als aus ?unendlich vielen Demos? das Material für das Album gesichtet wurde. Das muss Anfang 2007 gewesen sein. Zitat: ?Der Künstler lag unter seinen vielen Textzetteln voller Themen begraben, gelähmt.? Und weiter: ?Es folgten zwei Jahre Einsamkeit, Selbstzweifel. Lethargie, Whiskey.?
Udo Lindenberg: Na ja, das gehört auch dazu. Die Suche nach dem nassen Gold, ja? Notarzt, Krankenhaus... Das normale Leben eines Künstlers.
Was man so normal nennt... Das meinst du nicht symbolisch, sondern wörtlich?
Udo Lindenberg: Die Jungs mit den weißen Kitteln, Entgiftung... ja, klar.
Das zeigt aber auch, dass dieses Buch mehr ist als irgendein Fotoband. Eigentlich ist es die Chronik einer Auferstehung.
Udo Lindenberg: (lacht) Ja... das trifft es ganz gut. Oder wie Tine sagt: eine Maßnahme gegen die Vergänglichkeit.
Wenn man sich so durch die Archive gräbt, fällt auf, dass du, Udo, so eine Art ?Everybody?s Darling? bist. Man muss lange suchen, um mal etwas Böses zu finden. Da gab es zum Beispiel 1988 ein Interview mit Rio Reiser. Er klagte über den desolaten Zustand des deutschen Rock und sagte über dich: ?Was ich nie mochte, war diese sogenannte Szenesprache, die teilweise so was von blöde ist, die auch kein Mensch spricht. Das soll irgendwie proletarisch sein, so locker ? mein Gott, strengt der Mensch sich an, locker zu sein.? Fühlst du dich erkannt?
Udo Lindenberg: (denkt kurz nach) Nee, ich fühle mich nicht erkannt, sondern verkannt. Die lockere Sprache war vielleicht nicht immer da, aber irgendwann kam die mal so angeflogen... Da wurde mir klar, dass es nur locker geht ? und dass mir das auch Spaß macht. In meinen Texten war ja vorher auch manches Esoterische, aber das hat nicht so gut funktioniert.
Das heißt: Du bist so, wie du sprichst. Das ist keine Masche oder so was.
Udo Lindenberg: Nee, da ist nichts konstruiert. Das ist der pure Udo.
War?s das jetzt? Ruhst du dich auf deinen musikalischen Lorbeeren aus? Oder riskierst du bald ein Nachfolge-Album?
Udo Lindenberg: Schwierig. Weißt du: Das ist so wie bei einem Stabhochspringer, der Angst vor der eigenen Höhe hat. Weil die Latte so immens hoch liegt. Und er Bedenken hat, dass er da noch einmal rüberkommt.
Was heißt das jetzt genau?
Udo Lindenberg: Das heißt, dass ich mir Zeit nehmen muss. Ein Jahr, oder drei. Oder vielleicht noch mehr. Wer weiß. Mit den Themen wird es auch nicht gerade leichter. Worüber schreibst du? Älterwerden, Tod, raus aus den kleinen Städten und so... Alles was mit mir zu tun hat... aber vieles davon steckt ja schon in ?Stark wie Zwei?.
Wie steht?s mit einer Tournee?
Udo Lindenberg: Nach den Rock-Linern, wir sind ja in diesem Jahr auf Kreuzfahrtschiffen aufgetreten, wollen wir auch mal wieder was für die Landratten und die Seekranken tun (lacht). Erst mal läuft in Berlin im Januar das Musical ?Hinterm Horizont? an...
... und danach gibt?s dann eine Hallentour? Wann genau?
Udo Lindenberg: Mmh... vielleicht im nächsten Herbst.
Ich freue mich darauf. Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: www.derwesten.de, 14.10.2010