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Die Udographie

09.10.2018

Thomas Hüetlin erzählt das zweite Leben von Udo Lindenberg, Deutschlands einzigem Rock’n’Roller – ungeschönt, mitreißend und ehrlich wie der Dreck, den man unterm Fingernagel trägt. Eine Begegnung in Berlin, kurz vor Mitternacht. Von Alexander Smoltczyk

Warum winkt der Typ da? Vermutlich ein Rentner, behängt mit Einkaufstüten und schwer zu erkennen im Gegenlicht der Lobbystrahler. Bisschen aufgeschwemmt. Udo Lindenberg ist gerade aus Hamburg angerollt, sitzt in der Lobby des Hyatt-Hotels am Potsdamer Platz und tippt letzte Anweisungen in sein Handy.

Der Rentner winkt immer noch, schüchtern wie ein Selfiejäger.

»Der Bass ist da’n bisschen zu stark, ne?«, sagt Udo, und dass ihm das auf der Fahrt aufgefallen sei, beim Anhören der Aufnahme für sein zweites Unplugged-Album.

»Die eine Stelle, da steht das Orchester vor der Stimme, geht nicht…« – »Udo«, sagt Thomas Hüetlin, der keine Sonnenbrille auf hat. »Ich glaub, das ist dein Freund Gerhard da drüben. Der da winkt.«

Tatsächlich ist auch Gerhard Schröder im Hyatt abgestiegen, zusammen mit seiner jüngsten Frau, für die er diese Tüten schleppt. »Mönsch Gerd, du bist breiter geworden. Deutschland ja auch, ne?« Sagt Udo. Es ist der 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit. »Ein breite Bunte Republik Deutschland, haben wir auch bisschen mitgemacht.«

Der Altkanzler dieses Landes und sein größter Rockstar. Zwei Legenden, einer breiter, der andere wieder schmal. Einer hier, um wieder mal zu heiraten, der andere, um sein neues Leben vorzustellen, morgen Abend, die Biographie »Udo« von Thomas Hüetlin. Meinem Freund und Kollegen. Das vorneweg. In den späten Siebzigern verbrachte man in der Provinz einen großen Teil der Schulzeit damit, Lindenberg-Texte zu können und die Gitarren-Riffs des Panik-Orchesters herunterzuhören.
Bei mir war das so. Seither bin ich textsicher und kann keinen Reggae hören, ohne an Reggae-Meggie und die Never-Come-Back-Airline zu denken.Und genauso gut kenne ich Thomas Hüetlin. Wir waren zwanzig Jahre Reporterkollegen beim »Spiegel«, und machen seit fünfzehn Jahren zusammen Musik, stümperhaft, begeistert und viel zu selten, in letzter Zeit nur über zweifelhafte Skype-Verbindungen. Außerdem war Hüetlin in letzter Zeit mit seinem Buch beschäftigt. Einem Buch, das anfangen sollte wie eine der frühen Udo-Balladen: »Stell dir vor, du kommst nach Ostberlin, und dann triffst du…«

Udo Lindenberg.

Eigentlich sollte man Legenden seiner Jugend später nicht begegnen. Mythen sind nichts für Verabredungen. Da ist immer die Furcht, plötzlich einer Witzfigur gegenüber zu stehen, oder schlimmer noch, einem eitlen alten Sack.

Ich bin dann doch hin. Thomas hatte ein Gespräch im »Atlantic«-Hotel arrangiert. Und alles war ganz anders.

Wir saßen in seiner Präsidentensuite, wo’s nicht reinregnet und nicht zieht, im fünften Stock des »Atlantic«. Früher mal die Hausmeister-Dienstwohnung, wenn auch rätselhafterweise mit Spiegeln an der Decke. Auf dem Boden Papierrollen und Farbstifte, dazwischen ein Gymnatikhocker und der Gitarrenkoffer einer Fender- Telecaster. An den Wänden Bilder aus dem Film »Der Pate«, gegenüber ein Flachbildschirm, auf dem stumm Plassberg lief, und sehr prominent ein Doppelporträt von Hermine und Gustav, den Eltern.

Udo sah aus wie Udo, redete wie Udo und bewegte sich wie Udo. Er trug Nadelstreifenanzug, Mayser-Hut aus Kaninchenhaarfilz, hatte ständig einen blau glimmenden E-Zigarillo am Mund und darüber eine Sonnenbrille, die er immer wieder abnahm. Es wäre die perfekte Tarnung. Aber Udo war Udo war Udo. So schien das. Ohne Abgründe, doppelte Böden, Falschheit. Auf den ersten Blick und auch den zweiten der Kumpel aus den frühen Balladen, zugewandt, großherzig. Daumen im Wind.

Und dann hatte er noch gesagt, dass man ja auch was spielen könnte, bei der Buchvorstellung, nur unter Freunden und so, eher so hippiemäßig, jedenfalls sollten wir unsere Gitarren mal mitbringen ins Hyatt, kurz vor Mitternacht, bisschen proben, ne?

Stell dir vor, du bist Udo Lindenberg...

Udo Lindenberg: Hmmm.

...und dann kommt jemand, und ihr redet und telefoniert, und trefft euch öfter, mal auch ein wenig länger. Und der schreibt dir dann ein Leben auf. So ein wenig wie ein Maßschneider das macht.

Udo Lindenberg: Mit vielen Anproben, ja. So ein Anzug muss natürlich auch etwas weitergeschneidert sein, ne? Ich will ja darin tanzen. (Er springt auf und macht den Lindenberg-Shuffle, die Ellenbogen stoßen und kreisen wie die Pleuelstangen einer Dampflok. Dann setzt er sich wieder.)

Lindenberg: So ein Anzug muss Bewegung zulassen. Schneller rennen und so.

Und? Sitzt er?

Lindenberg: Der tollste Anzug, den ich je hatte. Ein Buch-Anzug über die zehn Wunderjahre, mit denen keiner gerechnet hatte. Ich auch nicht. Das war kurz vorm Exitus damals.

Im Jahr 2001, als Udo mit 4,7 Promille ins Hamburger Krankenhaus St Georg eingeliefert wurde.

Lindenberg: Aber kerzengerade. Das hatte ich mir von Gustav Lindenberg abgeguckt. Voll breit und trotzdem so gerade wie’s geht. Familientradition. Ein biologisches Wunder, dass ich das überlebt habe, diesen Exzess, dem ich ja zuneige. Großer Knall, aber immer mit Charmanz. Einer muss kommen und spinnen. Aber dann standen da die beiden Zivis am Krankenbett, mit Tränen in den Augen.

Weinende Zivilpolizisten?

Lindenberg: Zivildienstleistende. Die sagten: Udo, du kannst jetzt nicht so abkratzen. Tu uns das nicht an. Die konnten nicht mit ansehen, was ich aus meinem Leben gemacht hatte. Die fingen an zu heulen. Ich komme wieder, habe ich denen gesagt.

So fing das Gespräch an. Und jetzt, im Hyatt-Berlin, sind der Altkanzler samt Gemahlin abgegangen, Udo hat Käseplatte und entalktes Weizen auf sein Zimmer bestellt, geht zum Aufzug, sein Assistent Arno im Gefolge, und sagt: »So, was spielen wir denn in unserer Spitzbuben-Band?«

In Deutschland ist Udo Lindenberg eine Ausnahmefigur, und das seit fünfzig Jahren. Weil er die Popkultur in diesem Land heimisch gemacht hat. Weil er diese Sprache der Schweigenden zum Swingen gebracht hat. Weil er der erste gesamtdeutsche Popstar war, in der DDR genauso populär wie im Westen. Und schließlich, weil er in den Suff abgestiegen ist, in alter Gustav-Lindenbergscher Familientradition dabei war, alles auf Grund zu setzen, und es dann gegen alle Erwartungen noch einmal gerockt hat. Mit Songs, die so gut waren wie die frühen, wie »Cello« und »Daumen im Wind«, manche vielleicht noch besser und ehrlich bis auf Knochen. »Hinterm Horizont« oder »Stark wie zwei«.

Hüetlin hat das aufgeschrieben, auf 320 Seiten »Udo«. Das Buch ist so durchkomponiert und so sorgfältig getextet wie ein großer Lindenberg-Song. Es ist lakonisch und dann wieder mit jenem Mut zur Emphase, dass es einen dort trifft, wo man am weichsten ist. Es hat Swing und Soul und Groove und alles, wofür einem im Deutschen die Wörter nicht einfallen mögen. Es ist vielleicht die erste deutsche Rock’n’Roll-Biographie, vergleichbar mit Keith Richards »Live«.

Das Buch ist voller Sympathie geschrieben, aber nicht in billiger Bewunderung. Es ist enthüllend, ohne entlarvend zu sein, intim, doch an keiner Stelle billig. Gerade in seinen schwächsten Momenten wird dem Menschen Udo die Würde gelassen. Über Udo Lindenberg hat noch Benjamin von Stuckrad-Barre so glänzend geschrieben, aber sonst gewiss keiner. Und man spürt nie, welche Arbeit in dieser Leichtigkeit steckt.

»Udo« ist ein gutes Leben.? Im Zimmer 308 des Hyatt ist es inzwischen wie früher auf Klassenreise, die notdürftig gestimmten Gitarren, die leeren Flaschen, die Stimmung. Nur dass Deutschlands berühmtester Rockstar auf dem Sofa sitzt und »Go, Johnny, go!« ruft. Dass nicht Klaus oder Ulli aus der 12b sondern Udo selber »Mein Ding« singt, nach drei Takten aufspringt und über den Hotelteppich rockt und rollt als wäre er in der Allianz-Arena, und zwischendurch noch, ganz Profi, sagt: »Nee, Jungs, das ist glaube ich Moll hinter »Mein Ding«, cis oder so, schau mal nach im Netz, Arno…«

Das Buch beginnt mit einem Telefonanruf aus Berlin im September 2006: Erich ist tot.?

Lindenberg: Mein großer Bruder, der Maler. Der andere Lindenberg. Begabt wie zwei, aber total unbekannt. Das war der ganz harte Aufprall. Jetzt sterben wir also. Nur, ich wollte nicht so Elvis-mäßig wegdriften, als Rock ’n’ Rollmops, aufgepumpt vom Saufen und von Muntermachern. Ich wollte auch nicht in Möbelhäusern auftreten. Nach dem Motto, lebenslang freier Doppelkorn auf der Reeperbahn. Nee, das war noch zu früh. Da war auch eine Verpflichtung gegenüber meinem Bruder Erich und der Familie.

Der Absturz deutete sich schon früh an. Hüetlin erzählt, wie Lindenberg von seinem ersten Profi-Gig als Jazz-Schlagzeuger zurückkam, aus einem US-Militärcamp in Libyen. Entjungfert, gerade siebzehn. Aber als er wieder in Gronau auftauchte, sah er aus »wie ein Russlandheimkehrer. Augenringe. Blass. Angst im Blick.« Eine Angst, die er mit dem Werkzeugkoffer seines Vaters Gustav bearbeitete. Saufen und Geschichten erzählen, aber beides immer mit Haltung.

Das Album »Atlantic Affairs« hatte sich nur noch 7000 Mal verkauft. Für die Plattenfirmen war der Nuschel-Mann Vergangenheit, und für seine Freunde ein zunehmend aufgedunsener Pegeltrinker, dem auch musikalisch nicht mehr zu trauen ist.

Lindenberg: Ich war Udo Underberg, das war mein Name damals. Ein Berufstrinker immer im Dienste des Wohlbefindens. Sogar mit Berufsbekleidung. Da gab es diesen Gürtel…

In seiner Hippie-Bude im »Atlantic«-Hotel bewahrt Udo noch eine Art Patronengurt auf. In jede Lasche passt ein Fläschchen. Auf die Schnalle ist das Logo eines Likörfabrikanten graviert und das Wort »Udo Lindenberg«, was damals ungefähr dasselbe gewesen sein muss. Der Gürtel passt nicht mehr, ist viel zu weit.

Lindenberg: »Bis du mich beinah’ gekillt hat / Das werde ich dir nie verzeih’n.« Kennst du, oder? »Ich guck morgens in den Spiegel / Meine Augen stumpf und rot /Lady Whisky, du falsche Schlange / Sprichst vom Leben und machst mich langsam…«

…tot.

Lindenberg: Ja, das war auf Kante. Den ganzen Tag durch, immer auf Pegel. Es waren schön verrückte Zeiten, die irren und wirren Neunziger.

Rock’n’Roll heißt immer auch: Über die Klippe springen und hoffen, dass man unten aufgefangen wird, oder?

Lindenberg: Scheiße bauen gehört dazu. Als Suchhund verkleidet dorthin gehen, wo es keine Wege gibt. Auch Extremsaufen in der Hoffnung, dass da Textjuwelen zu finden sind. Aber irgendwann ist zu viel. Da muss noch was kommen. Ein Plan B.

»Udo« erzählt eine Heldengeschichte, aber eine vom Typus »Parzifal«. Der Held stürzt tief und steigt wieder hoch und noch ein bisschen höher. Solche Geschichten gibt es nicht viele in der Popkultur. Muhammed Ali ist so eine Sagengestalt oder Johnny Cash. Es ist eine Tafelrunde, bei der nicht viele Plätze sind am Tisch. Lindenberg gehört dazu.

Er war angezählt um die Jahrtausendwende. Oft schlief er in der Garderobe ein, manchmal mussten Doppelgänger seine Nummern zu Ende singen. Dann war plötzlich auch noch das Geld weg. Vier Millionen Euro verschwunden, irgendwo auf dem neuen Markt. »Ihr Depot, Herr Lindenberg, ist leer«, sagte der Banker bei einem seriösen Hamburger Geldinstitut.

»Keine Panik. Dann sorgt eben dafür, dass es wieder da ist«, sagte Lindenberg.

»Geht nicht, leider«, hüstelte der Bankier. Die Aktien hätten sich negativ entwickelt. Dann erzählte Udo von seinen Freunden auf der Reeperbahn und im Kanzleramt und dass er denen gar nicht sagen dürfte, hier abgezockt worden zu sein. Die würden das nicht verstehen. Da sei es besser, vernünftig zu sein. Es war eine Szene aus einem Udo-Song.

Lindenberg: Ein paar Wochen später lagen drei Millionen tatsächlich wieder auf meinem Konto. Das war damit erledigt. Aber ich musste mich auch von der Sauferei verabschieden. Einen Deal machen, und den Alkohol eintauschen gegen eine bessere Droge.

In dem Buch wird kein sauberer Popstar erzählt. Dass jemand zu betrunken ist, um auf der Bühne den Teleprompter lesen zu können, das würde man einer Herbert- Grönemeyer-Biografie eher nicht beschrieben bekommen. Sind Sätze gestrichen worden?

Lindenberg: Nö, alles rein ins Gemälde. Ein bisschen sinnlos Klatsch haben wir weggelassen. Das wird ja langweilig. Jedenfalls, Wahnsinn als Quelle für neue Texte für den zweiten Akt war jede Menge da. Da kamen auch die Texte plötzlich wieder angeflogen.

Wie entsteht eigentlich ein Stück wie »Cello«??

Lindenberg: Es gibt kein System, keine speziellen Orte oder Tageszeiten. Bei »Cello« war da die Erinnerung an dieses Mädchen, eine Turmspringerin eigentlich. Ich lebe ein paar Tage damit, schreibe was auf Zettel, oder im Halbschlaf am frühen Nachmittag kommt was angeflogen. Das war ich nicht alleine, da schreiben immer welche mit. Ich laufe so als volkseigener Betrieb herum und rede mit Leuten, erzähle, und dann ist da wieder eine Zeile. Manches geht schnell, manches dauert drei Jahre. Wie Hermann schreibt: Das rauscht in deinen Venen.

Hermann Veen?

Lindenberg: Hesse. Hermann Hesse. Du spürst das Thema in dir rauschen, bis du es auskanalisierst in einen Song. Keinen Roman, sondern so ein kurzes Ding, das Zeile für Zeile richtig knallen muss. Und zwischen den Zeilen. Das ist manchmal ganz schön schwer.

Das Buch kommt ohne die Udo-Sprache aus, es nuschelt nicht. Das könnte einige Udologen enttäuschen, oder?

Lindenberg: Wenn das Buch nur in meinem Idiom wäre, immer nur Sprüche, dann würde sich das schnell inflationieren. Ich kannte Thomas Hüetlin von seinen Geschichten her. Er war im Ausland gewesen, hatte da einen anderen Blick auf diese Jahre. Man ist sich ja selber rätselhaft. Fühlt sich manchmal ferngesteuert.

Die erste Udo-Platte war ja noch auf Englisch…?

Lindenberg: Riesenfehler. Mich hat das damals richtig genervt, dass es in Deutschland keine Sprache gab für Rock ‘n’ Roll. Nur dieses Schlager-Deppen-Deutsch. Da musste was kommen.

Dabei hat Lindenberg seine erste Auszeichnung ausgerechnet für einen Schlager erhalten, »Sommerliebe«. Das war bei einem Preisausschreiben der Hörzu, und der Preisgewinn war eine Krawatte. Seither hat dieser Mann an die 700 Stücke geschrieben. Es gibt wohl kaum einen anderen lebenden Künstler, der den deutschen Wortschatz so angereichert hat. Mit »Keine Panik«, der »Rentner-Band« und dem »Sonderzug nach Pankow« und einem Figuren-Panoptikum aus Rudi Ratlos, Johnny Controlettis, Elli Pirellis und diversen Lady Whiskys. Und mitten in der Manege die Kunstfigur »Udo«, die jeder in Deutschland auf Zuruf nachmachen könnte, mit vorgeschobener Unterlippe, Nuscheln und dem Schlapphut tief im Gesicht.?Es gibt inzwischen ein gutes halbes Dutzend Cover-Bands in Deutschland und diverse Udo-Doubles, die gutes Geld mit der Figur verdienen. Das Original hat nichts dagegen. Das sei doch sehr lustig, sagt Lindenberg und betrachtet auf dem Smartphone einen Torsten »Exe« Exler, selbst ernannten »Panik-Präsident von Ostdeutschland«. Das seien die Missionare, sagt Lindenberg. »Die bringen die Botschaft in die letzten Winkel der Republik. Panik-Apostel, ne?« ?Es dürfte auch international wenig Popstars geben, für die zu Lebzeiten ein eigener Themen-Park eröffnet wurde, wie das »Panik-City« kürzlich an der Reeperbahn. Mit Devotionalien wie der Honecker-Gitarre und dem letzten von Menschenhand gebauten Trabbi, mit digitaler Likörello-Malerei und Blue-Screen-Duetten mit dem Meister.

»Udo« ist eine Biographie, in der das Wort »Ich« erstaunlich selten vorkommt, das »Du« dagegen ständig. Sollte das so sein?

Lindenberg: Ja, das Du ist mein Ich. Wie in den Songs, ne? Du musst die Leute an- sprechen. (Singt:) Stell dir vor, du kommst nach Ostberlin, und da triffst du ein ganz heißes Mädchen, dttndidittnda. Das war ja eigentlich ein Telefongespräch mit einem Freund, wo ich ihm das erzähle. Da will ich einen Song draus machen, sagte ich ihm. Und der sagt: Mensch Udo, das ist doch schon der Text.

So ein »Du« lässt auch Platz für den Mythos. Man lässt nie ganz die Hosen runter. Das war der Ratschlag einer Exilantin…

Lindenberg: Marlene Dietrich, ja. Wir hatten so eine Telefonfreundschaft. Das Kapital des Langzeitstars ist der Mythos. So hat sie das formuliert, mit ihrer schnarrenden Stimme. Dass man das nicht zerstören soll durch falsche Intimität und Talkshows. Selbst bei »Wetten dass« habe ich mich nicht aufs Sofa gesetzt. Dabei hatten sie mir extra eins gebaut und vor die Bühne gerollt. Man muss nicht alles immer kleinmachen.

Woher kommt dieser Wunsch, nur im Hotel leben zu wollen? Andere kaufen sich von ihren Tantiemen erstmal eine Finca auf Malle mit schönem Gartenzaun.

Lindenberg: Ich schreibe nicht hinter dicken Mauern. Früher, am Anfang in Düsseldorf als Hotellehrling, war ich auch oft allein. Dann gehst du durch die Straßen, keiner kennt dich, und dann säufst du dir einen, für die Nerven, und dann kotzt du auch. Dann sehnst du dich nach einer Family. Deswegen bin ich in die Wohngemeinschaften gezogen. Ich versteck mich auch nicht, hinter Bodyguards und so. Ich geh’ zum Essen in die Wandelhalle vom Hauptbahnhof.

Ganz ohne Begleitung von Lady Whisky?

Lindenberg: Nur mal einen Eierlikör oder einen Aquavit. Es gibt Stoffwechseltrinker, die müssen vor jeder Cognacbohne flüchten. Bei mir ist das nicht so. Die Entscheidung steht. Nur keiner glaubt das. Wenn mich Polizei mal nachts anhält, sagen die: Aber Sie haben doch was genommen. Das ist doch nicht normal, wie sie reden. Und manche wollen sogar, dass ich ihnen einen puste.

Ein Süchtiger bleibt immer süchtig. Lindenberg hat seine Alkoholsucht überwunden, weil die andere Sucht, sein Künstlertum, seine Musik ihm wichtiger war und am Ende auch der größere Kick.

Lindenberg: Und das war dann, es noch mal zu probieren, in groß. Stadionkonzerte, Fluggeräte, alles, was eigentlich nicht geht. Der Rausch auf der Bühne, das ist die Droge. Man fliegt da rüber, mit einer Leichtigkeit, und der Anzug ist ganz leicht. Als hättest du gar nichts an.

Lindenberg ist jetzt 72 Jahre alt. Nächstes Jahr wird es einen Kinofilm über die frühen Jahre in Gronau geben, Lindenbergs Geburtsort am Niederrhein. Im Dezember kommt das zweite Unplugged-Album heraus, 26 Lieder, sagt Udo, »viele schlummernde Perlen«, sagt er, und als Gäste Alice Cooper, den Deutsch-Rapper Marteria und Maria Furtwängler.

Wie bitte?

Lindenberg: Ja, Maria hatte sich mal die Klamotten von mir geliehen, samt Unterhose und Hut, für einen Maskenball. Alle wollten als Abba gehen, aber sie fand das fade. Dann habe ich ihr gesagt, geh’ doch als Udo. Und das gefiel ihr. Das passte. Das wollte sie gar nicht mehr ausziehen.

Die Gattin des Milliardärs Herbert Burda entdeckte im Udo-Anzug den Rock’n’Roll?

Lindenberg: Genau, und dann kam Thomas Hüetlin und meinte, dann singt doch auch zusammen. Er kennt Nico Hoffman von der Ufa, und der wiederum kennt Maria und sagte: Maria kann singen. Die singt ja immer mit ihrer Tochter. So kam das. Alles nicht geplant. Ich trommele so ein bisschen »Tatort«-Intro und dann kommt der Agentensong (Lindenberg hört auf zu luftzutrommeln und singt): »Bist du vom KGB/OdervomMAD/OdervomCIA/ Man weiss es nicht genau, geheimnisvolle Frau / Weil du so cool bist…« Ganz easy und lasziv. Sie hatte noch nie so gesungen, ohne Vibrato, kurze Töne. Musste ich ihr erst beibringen.

Die Tochter des Dirigenten Wilhelm Furtwängler bekommt von Udo Gesangsunterricht?

Lindenberg: Du musst singen wie im Liegen, habe ich ihr gesagt. Dann ging das, und wir machen bestimmt noch einiges zusammen. Das fängt erst an jetzt.

Gegen zwei Uhr morgens im »Hyatt« steht die Setlist für die Buchpremiere, morgen in der Bar »Freundschaft«. Zuerst »Ich zieh meinen Hut«, e-Moll, H7 und dann aufs G, G wie Gänsehaut. Dann »Mach mein Ding«, schön langsam, und als Zugabe »Reeperbahn«. Und wenn die »Freundschaft« kocht, noch »Johnny B. Goode«, das Ave-Maria des Rock’n’Roll.

Genauso wird es dann auch sein.? Udo Lindenberg hat das alles gar nicht mehr nötig. Er könnte sich irgendwo einen Leuchtturm kaufen, eine Finca mit Mäuerchen außen rum, Biedermeier oder Neue Wilde sammeln oder Bugattis. Aber all das ist ihm ein Grauen. Er scheint das nicht zu brauchen. Im »Atlantic«, diesem hanseatisch-protestantischen Kontorhotel, lebt Lindenberg wie ein Rock’n’Roll-Mönch. Udo ist in »Udo« zuhause, in den 700 Songs, der Panik-Familie, in seiner Bühne und dem Moment, wenn ein Stadion abhebt zu seinen Songs. Und vermutlich ist jetzt auch Thomas Hüetlins Buch so ein Zuhause, wie es ein guter, nicht zu eng geschnittener Maßanzug ist, mit viel Platz noch zum Tanzen, ne?

(Alexander Smoltczyk ist Reporter des SPIEGEL)

Das Buch »Udo« erzählt die ganze Geschichte, die Abstürze und die Triumphe, die Niederlagen und Siege. Basierend auf Udo Lindenbergs Erinnerungen, auf Berichten von Wegbegleitern und Mitgliedern des Panikorchesters, aufgeschrieben von Thomas Hüetlin – ein Geschenk an alle Fans, ein einmaliges Dokument der Zeitgeschichte und ein rasanter Ritt durch sieben Jahrzehnte BRD, illustriert vom Meister selbst.

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