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Drei Tage bis zum Tod: Die Auferstehung des Udo Lindenberg

19.11.2018

Udo Lindenberg war der erste bedeutende Rockstar Deutschlands. Der Alkohol hätte ihn fast umgebracht. Wie rettet man sich als Musiker in den zweiten Akt seiner Karriere, wenn niemand mehr an einen glaubt?

Die Abenddämmerung hat ihn geweckt. Über dem Hamburger Hafen geht die Sonne unter, und Udo Lindenberg, 72, schleicht auf den Schiffsplanken zwischen seinen Gästen umher wie eine gerade wach gewordene Katze. Gleich am Pier neben der Elbphilharmonie ist das Segelschiff festgemacht, in dem Lindenberg seine Party feiert. An Bord stossen sie mit Bier und Weisswein auf das Leben und auf Lindenbergs neues Album an, das Mitte Dezember erscheint.

Dass er den anderen noch zuprosten und ihnen ein genuscheltes «Hallöchen» zurufen kann, ist eigentlich ein Wunder. «Drei Tage bis zum Tod» hatte sein Arzt vor ein paar Jahren zu ihm gesagt. Der Alkohol hätte ihn fast umgebracht. Auf dem Teleprompter sah er die Texte nur noch verschwommen. Man musste ihn stützen, damit er auf der Bühne nicht hinfiel, 4,7 Promille als Extremdosis. Damals liess er sich selber ins Spital einliefern. «Das Problem entwickelte sich zu einer Art Leitmotiv in Udos Karriere.» So steht es in der im Oktober erschienenen Biografie, die sich liest wie ein Roman aus lauter intimen Bekenntnissen. Zugleich ist sie eine Anleitung, wie man sich von einem Karrieresturz erholt, wenn keiner mehr an einen glaubt.

Die Angst vor dem Möbelhaus

Lindenberg steht an der Reling, schaut auf’s Wasser hinaus und raucht. Die Segel über ihm sind blau beleuchtet. Er sagt: «Es gab eine Zeit, da gingen die Leute auf die andere Strassenseite, wenn sie mich sahen. Aber jetzt bleiben sie, und ich schüttle Hände ohne Ende.» Die künstlerische Auferstehung verkauft sich gut. Das Album «Stark wie zwei» schlug 2008 ein, als habe es die traurigen Jahre zuvor nie gegeben. 600 000 Mal verkaufte es sich, Platz 1 in der Hitparade, zum ersten Mal überhaupt in Lindenbergs Karriere. Das Vorgängeralbum hatte gerade noch 7000 Käufer gefunden. Seine damaligen Lieder über Nazi-Verfolgte wollte zu dieser Zeit keiner hören.

Es ist die Geschichte von Deutschlands erstem wirklich bedeutendem Rockstar, der in den siebziger Jahren die deutsche Sprache und die deutsche Musik veränderte mit einem bis dahin nie gehörten Alltags-Slang. Weich und lässig klang er, so wie kein Deutscher vor ihm, und er erzählte Geschichten wie Bob Dylan in den USA oder Polo Hofer in der Schweiz. 15 Jahre lang hatte er unverschämten Erfolg, bis er von einer Midlife-Crisis in eine totale Lebenskrise rutschte, die in den nuller Jahren alles existenziell bedrohte: sein künstlerisches Schaffen, sein Bankkonto, seine Gesundheit, sein ganzes Dasein. Es blieb ihm damals fast nichts mehr zu tun, bloss dies: irgendwie weiterleben oder den zu frühen Rockmusiker-Tod sterben, so wie Prince, Michael Jackson oder David Bowie. Höchstens nach seinem Ableben liesse sich vielleicht noch etwas Geld mit ihm verdienen, hatten die Manager der Plattenfirma gemeint, als sie Lindenberg keinen Vertrag mehr gaben.

Lindenberg sitzt in der Schiffskabine, raucht eine Zigarre und kommt ganz nahe. «Weisst du», sagt er, «plötzlich stehst du in einem Möbelhaus und singst nur noch den ‹Sonderzug nach Pankow›». Es ist Lindenbergs vielleicht berühmtestes seiner etwa 700 Lieder, die er in den über vierzig Jahren geschrieben hat. Aber der «Sonderzug», zu dem alle immer mitsummten, wurde zum Symbol einer immer grösser werdenden Angst, so zu werden wie Rex Gildo mit seinem ewigen «Hossa», der am Ende wirklich in Möbelhäusern spielte und sich später aus dem zweiten Stock seiner Wohnung in den Tod stürzte. Lindenberg sagt: «Die meisten haben nur einen Akt. Ich stehe im zweiten Akt meines Lebens.»

Ein Comeback wie Johnny Cash

Es ist ein grosses Comeback der Musikgeschichte, vergleichbar vielleicht mit jenem von Johnny Cash, dem Countrysänger, in der Mitte der neunziger Jahre. Lindenberg erfindet sich 2008 nicht neu, es ist mehr eine Wiederentdeckung von sich selbst. Er war ja schon vieles, zuerst Jazz-Drummer (das Schlagzeug in der «Tatort»-Titelmelodie hat er eingespielt), er klang wie ein Rocker, dann wieder etwas kitschig und pathetisch wie ein Schlagersänger, manchmal auch so moralisch wie «ein singender Leitartikler», der schon in den siebziger Jahren «Konzerte gegen rechts» organisierte, wie sein Biograf erzählte. Lindenberg schrieb am Soundtrack der deutschen Wiedervereinigung mit. Und jetzt, nach einem für ihn schrecklichen Jahrtausendanfang, wurde er wieder zu Lindenberg, der die Lieder aus der Nase presst, wenn er singt, so dass einige meinen, er könne gar nicht richtig singen. Aber er berührt die Menschen wieder, das kann er am besten.

Zehn Jahre ist das inzwischen her. Und sein Comeback geht seither einfach immer weiter, «und jetzt lohnt es sich auch nicht mehr aufzuhören», sagt er. Es ist einer dieser locker hingeworfenen Sprüche in einem Jargon, den er selber erfunden hat. Vieles klingt bei ihm wie ein Slogan: «Wie der Phönix aus der Flasche» sei er wieder zum Erfolg zurückgekehrt. Ein Alkoholikerwitz auf seine Kosten. Dabei ist es todernst. Mit 17 bezeichnete er sich als Berufsalkoholiker. Und irgendwann rechnete er nicht mehr damit, aus der Alkoholbetäubung wieder aufzuwachen. Nach dem Tod seiner Mutter Hermine stand Lindenberg im Hotel Waldorf Astoria in New York in Unterhosen auf dem Fensterbrett und überlegte sich, zu springen. Schon sein Vater, ein Klempner, trank an einem Abend zehn bis zwanzig Bier und ein paar Korn. Er sei als Trinker in seiner Heimatstadt Gronau an der niederländischen Grenze sozialisiert worden, sagt Lindenberg.

Hosengrösse 28

Ganz aufgehört, Alkohol zu trinken, hat Lindenberg nicht. Auf dem Tisch in der Schiffskabine steht ein Bier. Er betrinkt sich bloss nicht mehr. Als er damals im Spital lag, beugten sich die Pfleger zu ihm und sagten: «Wir können nicht zusehen, wie du kaputtgehst und elend verendest.» Also habe er gesagt: «Okay, macht die Schläuche ab. Den Entschluss, aufzuhören, hatte ich schon lange gefasst. Aber erst jetzt war ich stark genug.» Es klingt so leicht, so easy. Aber natürlich war es das nicht. «Am Anfang habe ich auch ein bisschen die Pharmazie bemüht», sagt er, lehnt sich zurück und streckt die Beine von sich.

Lindenberg trägt an diesem Herbstabend seine schwarze Uniform und dazu grüne Socken, Hut, Sonnenbrille, Nietengürtel sowie Lederhosen Grösse 28, so wie Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones, die beide sogar noch etwas älter sind als er. 28: Das ist die Rockstar-Hosengrösse. Seit er zwanzig Kilogramm abgenommen hat, passen sie wieder. «Mein Gesicht kehrte zurück, es wurde schmaler», sagt er. Das kommt vom Joggen, acht Kilometer an der Alster, oft morgens um drei Uhr, sowie von gesünderer Ernährung. Und vielleicht gelingt ihm jetzt, mit über 70 Jahren, was er früher nicht geschafft hat: ein Elder Statesman der deutschen Rock- und Pop-Kultur zu werden. Wie er an diesem Abend auf einem Barhocker sitzt, hat man den Eindruck, das Publikum rechne jeden Moment mit einem Satz von der Dringlichkeit Helmut Schmidts. Lindenberg sagt zwar etwas über grüne Politik, die AfD und über eine Weltregierung, die nun bald kommen müsse. Aber sonst lässt er die Beine baumeln, macht im Rhythmus der Hintergrundmusik lustige Bewegungen mit den Armen und verlangt nach einem «Eierlikörchen».

Auf einem Bildschirm in seinem Rücken läuft ein Lied der neuen Unplugged-Platte. «Wir ziehen in den Frieden», heisst es, Kinder singen mit ihm im Chor. Lindenberg ist der einzige deutsche Rocker, der so etwas tun kann, ohne deswegen aus seiner coolen Rolle zu fallen. Er hat über vierzig Jahre Musik im Rücken, eine Zeitlang waren sie Ballast, heute sind sie seine Kraft. Er hat eine Anerkennung gefunden, die in ihrer Breite selten ist. Er ist der musikalische Türöffner aus den siebziger Jahren, der mit seiner Attitude bis in den Punk hinein Respekt findet. Gleichzeitig ist er aber so zugänglich, dass ihn auch Hausfrauen mögen.

 
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