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Unterm Hut

Gegen den Atomstrom ...

29.04.2013 | Kommentare [3]

... für den Wind - Udo Lindenberg dichtete spontan eine neue Hymne zum Finale der "Erneuerbaren Lesetage" am vergangenen Freitag in Hamburg: Ben Becker und Joachim Krol lesen Hesse-Texte, Panikpreisträger Turbine Weststadt und Milene feiern die Botschaft des Dichters auf ihre Art. Und Hesse-Experten diskutieren die Bedeutung seiner Werke in unserer Zeit.

Hermann Hesse lebt! Soviel ist sicher. Das Hamburger St.Pauli-Theater platzt aus allen Nähten, es ist der letzte Tag der Protest-Lesereihe gegen Atomstrom, 25 Jahre nach Tschernobyl - und ein Finale, das Begeisterungsstürme hervorruft. Ein ganz spezieller Mix wurde hier gezaubert, von Udo Lindenberg Stiftung und St. Pauli-Theater, knallebunt und eigensinnig - Hermann Hesse hätte seine wahre Freude gehabt.

Auf der Leinwand rocken Hamburger Bands gegen Atomkraft, auch Jan Delay und Jan Plewka mit dem Rio-Reiser-Song "Alles Lüge" - und später dann live auf der Bühne die 16jährige Panikpreisträgerin Milene mit den Zeilen

Ihr betoniert uns ein / in dieses kranke System / doch da wollen wir nicht rein.

Wir erfahren, dass Hermann Hesse, dessen Dichtkunst von der ersten bis zur letzten Zeile von Rebellion und Revolte geprägt war, in seinen Büchern lediglich seine eigenen privaten Probleme zu bewältigen suchte - also scheinbar unpolitisch war; auch nie Kultfigur werden wollte, es aber leider nicht geschafft hat zu vermeiden. Sein Seelenbruder Udo Lindenberg, der am Ende als Party-Highlight und Überraschungsgast noch die Bühne rockt, beschreibt ihn im Film "Hermann Hesse Superstar" mit "Augen wie ein Vogel, der die Welt mit klarem Blick überfliegt" und zitiert seinen Lieblingssatz

Lausche der Weisheit, die dein Blut dir rauscht.

Der durch "Siddharta" inspirierte Lindenberg-Song The River strömt in die Gegenwart, in dieses ehrwürdige Traditionstheater hinein, das ungefähr doppelt so alt ist wie der Roman.
Joachim Krol hat auf Facebook recherchiert, was Hermann Hesse den heutigen Lesern mit seinen damaligen Zeilen antwortet - und liest voller Hingabe humoristische Gedichte wie auch dramatische Ausschnitte aus "Klingsors letzter Sommer". Ben Becker widmet sich in gewohnter Manier und Intensität dem "Eigensinn" und anderen Hesse-Highlights, sein Vermächtnis manifestiert sich für ihn in dem Zitat

Wir sehen, dass keine Zivilisation möglich ist ohne Zerstörung der Erde.

Die Seelenverwandtschaft von Hermann Hesse und Udo Lindenberg ist eines der Themen der von Arno Köster moderierten Gesprächsrunden und veranlasst Hesse-Herausgeber Volker Michels zu der These, Udo Lindenberg habe mehr zur Hesse-Rezeption beigetragen als alle Literaturwissenschaftler und Germanisten zusammen; Herbert Schnierle-Lutz bemerkt, dass das Motto der beiden Künstler "Ich mach mein Ding" keineswegs purer Egoismus sei - dass vielmehr Treue zu sich selbst auch Güte zu anderen bedeutet, und schlägt damit den Bogen zum Afrikaprojekt der Udo Lindenberg Stiftung in Kenya, dem die gesammelten Spendengelder des Abends zugute kommen.

 
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