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Hermann-Hesse-Festival wandert in die Großsporthalle

30.06.2010

Der Tübinger Auftritt von Udo Lindenberg am 24. Juli wird an einen anderen Ort verlegt. Und zwar in die Paul-Horn-Arena nahe Freibad und Festplatz.

Tübingen. Zur Zeit verschnauft der Meister von seiner „Rock-the-Ocean“-Konzertkreuzfahrt und gibt zum 1. Juli gemeinsam mit dem Bundesfinanzministerium zwei von ihm gezeichnete Sonderbriefmarken heraus. Darauf zu sehen: Die „Andrea Doria“, auf der bekanntlich „alles klar“ ist, und der legendäre „Sonderzug nach Pankow“. Es scheint, Udo Lindenberg rüstet sich mental bereits für sein großes Jubiläums-Mauerfall-Musical „Hinterm Horizont“, das im Januar am Potsdamer Platz in Berlin Premiere hat.

Gegen die Partei-Genossen in der DDR hatte der aktuelle Grimm-Sprachpreisträger Lindenberg einst munter angesungen: „Wann sehen die Herren endlich mal klar / und bauen die Rock 'n' Roll-Arena in Jena?“ Nun wird’s nicht Jena, aber doch eine Arena. Genauer: die Tübinger Paul-Horn-Arena. Und die Veranstalter führen rein „technische und inhaltliche Gründe“ dafür an, dass das zuletzt für den Parkplatz „Alte Chemie“ (im Volksmund „Schiebe-Parkplatz“) geplante Hesse-Festival von der Freifläche in einen geschlossenen Saal verlegt wird.

Der genauere Grund ist, dass es am 24. Juli zu Festivalbeginn um 17 Uhr (Einlass 16 Uhr) noch taghell sein wird. Die Calwer Udo-Lindenberg-Stiftung, die das Konzert samt Panikpreis-Finale für junge Bands ausrichtet, möchte aber zwei- bis dreiminütige Filmchen einspielen, die Prominente, Bands und Hilfsprojekte zeigen. Unter freiem Himmel wäre das zu aufwändig.

Ohnehin habe man „kein Riesen-Open-Air“ geplant, erklärt Lindenbergs Öffentlichkeitsarbeiter Arno Köster. Damit würde man auch den Bands keinen Gefallen tun. „In Calw haben wir mit 2500 Zuschauern gute Erfahrungen gemacht“, steckt der Lindenberg-Mann den Rahmen ab. In Hermann Hesses Geburtsstadt Calw kam das humanitäre Festival des bekennenden Hesse-Fans Udo Lindenberg bislang unter, musste diesmal aber dem viel größeren Event „Calw rockt“ weichen.

In Tübingen, ebenfalls eine „Hesse-Stadt“, wurden für Udo Lindenbergs diesjährig einzigem Großauftritt an Land bereits rund 1800 Karten verkauft, die nun für die Paul-Horn-Arena ihre Gültigkeit behalten. Auf dem „Schiebe-Bahnhof“ hatten die Veranstalter mit 4000 Besuchern kalkuliert. Für die Paul-Horn-Arena gilt die Begrenzung von 3500 Tickets, so lautet eine der Auflagen.

Denn die Stadt und ihre ausgegliederte Sporthallen-Gesellschaft haben ganz genau geprüft, ob sich die Vorzeige-Halle der Tübinger Sportwelt auch wirklich für dieses Konzert eignet. Beate Koch, die Geschäftsführerin der Sporthallen-GmbH: „Das ist technisch schwieriger als ein Sportevent.“ Darüber hinaus hatte sie aber keine Einwände. Das gilt letztlich auch für die beiden städtischen Ämter, die mit einbezogen wurden. Das zuständige Ordnungsamt schaltete das Baurechtsamt ein und bat um Prüfung, wie schon zuvor bei der „SWR3-Nacht“ im Kupferbau und in der Neuen Aula. Amtsleiter Werner Hermann sieht „baurechtlich keine Bedenken“, was die Sicherheit angeht. „Kein Nebel und kein Rauch“, lautet allerdings eine seiner Vorgaben.

Bis jetzt war die Großsporthalle bis auf wenige Ausnahmen allein für den Sport reserviert. Dafür gab es beim Bau der damaligen TÜArena Landeszuschüsse; und gerade der sensible Bodenbelag eignet sich allenfalls für Schülerturnschuhe oder die stattlichen Quadrattreter der Basketball-„Tigers“, aber schon nicht mehr für Leichtathleten-Spikes (weshalb der ehemalige LAV-Chef Frieder Wenk vor sechs Jahren vergrätzt die Planungsgruppe verließ) oder auch für Straßenschuhe. Deshalb, so lautet eine weitere Auflage, müssen die Veranstalter jetzt den Sportboden mit einem Zusatzbelag vorübergehend abdecken. Nur dann dürfen nochmal bis zu 600 Personen in den Innenraum der Arena.

Im Halbfinale des diesjährigen Panikpreises stehen 18 Nachwuchsbands oder Solisten (darunter die Ex-Reutlingerin Johanna Zeul), von denen die Jury Anfang Juli die sechs Finalisten bestimmt, die dann am 24. Juli live gegeneinander antreten. Von allen Bewerbern wurden drei neue Songs auf Deutsch – oder mit einem hohen deutschsprachigen Anteil – eingereicht. Inspiration sollten die Werke von Udo Lindenberg und Hermann Hesse sein.

Für den Sieg gibt es 3000 Euro und den gemeinsamen Auftritt mit Lindenberg und seinem Panikorchester noch am selben Abend. Die Sparkasse Pforzheim Calw spendiert einen Sonderpreis für die beste Hermann-Hesse-Vertonung, und einige Unterstützer stiften Aufnahmesessions für die Gewinner-Bands. Außerdem aber wird von jeder verkauften Eintrittskarte ein Euro an „Hope Capetown“ weitergeleitet. Das vor neun Jahren gegründete südafrikanische Hilfsprojekt leistet vor Ort wichtige Arbeit im Kampf gegen Aids und wird nicht allein durch das Hermann-Hesse Festival unterstützt. Mit den Geldern sollen am Kap Gesundheitsarbeiter finanziert werden.

Die Udo-Lindenberg-Stiftung fördert junge Musiker durch Wettbewerbe und Preise und möchte dazu beitragen, Hesses Werk mit moderner Musik zu verbinden. Im Geiste des Stifters unterstützt sie darüber hinaus einige nationale und internationale Aktivitäten und möchte „weltweit den Schwächeren zur Seite stehen“. So wurden 2008/2009 durch das Panikpreis-Finale und weitere Spenden rund 40 000 Euro für eine Einrichtung in Tansania gesammelt, die rund 300 Straßen- und Waisenkindern Heim- und Ausbildungsstätten bietet.

Die Idee, bei der Paul-Horn-Arena anzuklopfen, hatte übrigens der Schirmherr des diesjährigen Festivals, Unirektor Prof. Bernd Engler.

Info Karten für 25 Euro (zzgl. Vorverkaufsgebühr) in den Geschäftsstellen des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTS, in weiteren Vorverkaufsstellen und HIER

Text: Wilhelm Triebold

Quelle: Schwäbisches Tagblatt, 30.06.2010