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Immer noch Bock auf Krawall: Udo Lindenberg lädt zum Riesenspektakel nach Bremen

28.05.2017

Bei zwei Konzerten erlebten die Zuschauer eine fulminante Show, in der der Musiker zusammen mit seiner Band alle Register zieht. Er macht „sein Ding“ – und die Fans feiern ihn.

Die Boxen dröhnen noch ein letztes Mal, und weißer Nebel nimmt die Sicht, während Pyro-Fontänen sengende Hitze über die ohnehin schon schwitzende Masse blasen. Ein Riesenspektakel, das zumindest einen ziemlich kalt lässt: den Mann im weißen Astronauten-Anzug, der über die Köpfe Richtung Ausgang schwebt – und die ÖVB-Arena damit genauso verlässt, wie er sie vor knapp zweieinhalb Stunden betreten hatte.

Udo Lindenberg kommt nach Bremen: Eine Nachricht, die seine Fans bereits vor Monaten in Ekstase versetzte und schnell für eine ausverkaufte Halle sorgte.Nachdem die Stadiontour „Stärker als die Zeit“ im vergangenen Jahr nur sieben Termine umfasst hatte, sollen dieses Mal auch die kleineren Städte ihre Dosis „Panik“ abbekommen. Manche von ihnen wie Bremen sogar zweimal. So stehen und sitzen die Massen am Freitagabend dicht an dicht und warten geduldig auf einen Konzertabend, der zunächst einmal leicht verspätet beginnt: Nach dem Attentat in Manchester sind die Sicherheitsvorkehrungen auch im beschaulichen Bremen verschärft worden. Doch Udo Lindenberg hat ein Einsehen – und wartet mit dem Start der Show einfach zehn Minuten. Eine Aktion, die ankommt, wie überhaupt so ziemlich alles an diesem Abend, der sich eigentlich nur mit zwei Wörtern beschreiben lässt: großartig abgedreht.

Der Panikrocker hat für seinen Auftritt an der Weser so ziemlich alles aufgefahren, was möglich ist – fliegende Ufos, ein mit Konfetti gefülltes Schlauchboot inklusive Gorilla, Marsmännchen, Akrobatinnen und mit Johannes Oerding einen Gastsänger, der nicht nur Teenagerherzen höherschlagen lässt. Nicht zu vergessen die kleine Hotelbar: In einer Ecke der Bühne postiert, kredenzt der Barkeeper in schöner Regelmäßigkeit Eierlikör. Um die Stimme zu ölen. Das hat er auch bitter nötig, haut das Panikorchester dem Publikum doch eine laut krachende Gitarrensalve nach der anderen um die Ohren. So laut, dass zumindest während der ersten Stücke manch eine Textzeile untergeht.

Bombastische Show

Aber egal wie bombastisch Knalleffekte und die Reizüberflutung auch anmuten mögen, sie sind doch nur gut gemachte Staffage für Lindenberg selbst. Auch mit 71 Jahren ist er nicht zu bremsen. Passend zur Party eingekleidet, tänzelt er wie eh und je über einen imposanten Laufsteg, zieht noch einmal kurz an seiner Zigarre, schwenkt sein Mikrofon und reiht alte Hits an neuere Stücke.

Allerdings gibt nicht nur der Mix Anlass zur Begeisterung. Die Heldenverehrung geht tiefer: Sie macht nicht bei der Attitüde des schrillen Zirkusdirektors dieser Panikshow halt, nein, sie bejubelt auch den Texter Lindenberg – und seine politische Haltung. Der Hamburger hatte schließlich schon immer etwas zu sagen, wie die Antikriegs-Hymne „Wozu sind Kriege da?“ aus dem Jahr 1981 einmal mehr beweist. Am Freitag singt Lindenberg sie mit Pascal Kravetz, der ihn bereits damals begleitet hatte. Allerdings nicht lange: Nach ein paar Takten übernimmt ein Kinderchor – ein unmissverständliches Zeichen, dass die Botschaft des Songs noch immer aktuell ist. Leider. Der Panikrocker arbeitet sich derweil nicht nur an den Kriegen der Welt ab, er hat auch eine Botschaft für die Massen in der Halle parat: Ab auf die Straße! Nur so könne man die Welt zu einer besseren verändern. Warum das so wichtig ist, zeigt sich auch direkt im Song „Sie brauchen keinen Führer“.

Passend zur noch immer aktuellen Abrechnung mit der politischen Lage laufen auf der Videoleinwand Bilder von Trump, Putin und Erdogan, wobei auch die heimischen Populisten, Petry, Storch, Höcke und Gauland, nicht ausgespart werden. Während Lindenberg selbst für diese unsäglichen Gestalten nur den Mittelfinger übrig hat, verpasst er ihnen auf der Leinwand alberne Partyhütchen. Mit Humor gegen den unverhüllt rechten Mob: Wenn es nur so einfach wäre!

Aber vielleicht reicht es ja bereits aus, sich so von rechtsradikalen Hetzern loszusagen und Deutschland auf diesem Weg zur besungenen „Bunten Republik“ zu machen. Das großartig inszenierte Bühnenbild, in dem knallbunte Tänzerinnen auf als runzelige Alte verkleidete Kinder treffen, macht jedenfalls Lust darauf, es zumindest zu versuchen.

Bock auf Krawall

Diese eher nachdenklichen Momente fügen sich nahezu nahtlos ein in den grellen Gitarrensound des Panikorchesters. Die Musiker liefern unterstützt von einer Bläserkombo angenehm souverän den Hintergrund zur Panikshow.Ein Abend, der den alten Rocker am Ende sichtbar gezeichnet hat, zumindest wenn er für einen Moment die Sonnenbrille abnimmt und abgekämpft auf seine Jünger blickt. Doch so sehr ihm die Anstrengung auch anzusehen ist, Lindenberg steht hier nicht nur, weil er vielleicht mal wieder Geld braucht.: Udo Lindenberg hat Bock auf den großen Auftritt, auf Krawall und auf politische Debatte.

Text: Mareike Bannasch
Fotos: Tine Acke

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung, 28.05.2017