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Konzert auf Kampnagel: Der beste Udo, den es je gab

07.07.2018

Udo Lindenberg lud nach sieben Jahren erneut zum „MTV Unplugged“-Konzert auf Kampnagel – und begeisterte dreieinhalb Stunden lang.

Hamburg. Was wirst du tun, wenn sie dich fragen, wie es gewesen ist? Nun, du wirst die Wahrheit sagen: Dieser Udo Lindenberg ist der beste, den es je gegeben hat. In einem Alter, 72, „in dem sich andere den ersten Rollator kaufen“ (O-Ton des Sitznachbarn) singt und tanzt, philosophiert und albert der Mann mit dem Hut dreieinhalb Stunden, als wäre die Halle auf Kampnagel nicht voll und schwül, sondern voll und klimatisiert.

Am Ende wird er auf 27 Lieder kommen, „Stücke aus dem 18. Jahrhundert“, die an diesem Abend so klingen, als wären sie gerade erst geschrieben geworden. „Alte Songs im neuen Gewand“, wie Udo sagt, den Lindenberg lassen wir ab jetzt weg, weiß sowieso jeder, wer gemeint ist.

Der, der gemeint ist, wirkt auf der Bühne, als würde er sich selbst darüber wundern, was man aus seinem frühsten Frühwerk alles machen kann, aus diesem Fundus von 600 Liedern. Udo hat sie für sein zweites „MTV Unplugged“-Konzert durchwühlt und gesichtet und etwas daraus gemacht, über das man lange noch sprechen wird.

Udo Lindenberg geht hohes Risiko

Aber vielleicht der Reihe nach. Was sowieso besser ist, weil man nicht weiß, wo man anfangen soll bei diesem Abend, zu dem sich Udo wie schon bei der Premiere vor sieben Jahren (so lange ist das schon her?) jede Menge musikalische Gäste einladen durfte. Der erste, ein alter Bekannter. „Mein Glücksbringer“, sagt Udo, als Jan Delay auf die Bühne kommt, hellblauer Anzug, weißer Hut, Einstecktuch. Sie singen „Hoch im Norden“, Udos ersten Hit aus einer Zeit, Neunzehnhundertzweiundsiebzig, die von 2018 aus wie ein anderes Leben wirkt.

Die beiden Hamburger haben was von Papa und Sohn. „Judo – Jan und Udo“, sagt der Ältere und wird dann gleich am Anfang ernst, als er auf die Zeit seit dem „MTV Unplugged“-Auftritt 2011 zurückblickt: „Die Jahre waren ein hohes Geschenk für mich.“ Das Album, das damals entstand, hat sich unglaubliche 1,2 Millionen Mal verkauft; alles, was danach kam, waren Superlative: volle Hallen, volle Stadien, das ganze Programm.

Udo weiß, dass er mit einer Neuauflage ein Risiko eingeht, die Erwartungen sind höher, schwer zu erfüllen. Fast wie bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, dem Weltmeister, der seinen Titel verteidigen wollte. Mit dem Unterschied, dass es Udo nicht versemmeln wird.

Er hat, wie Joachim Löw und seine Jungs beim Triumph 2014, Andreas Bourani auf seiner Seite, soll heißen: neben sich auf der Bühne. „Radio Song“ heißt das Lied, das zu einem ähnlich großen Hit werden könnte wie Udos mit Clueso gesungenes „Cello“. Wer die Anfänge des Panikrockers in den frühen 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht mitbekommen hat – und das sind nicht wenige im Publikum –, wird sich von jetzt an immer wieder fragen: Kann das wirklich einer seiner uralten Songs sein? Oder hat er den doch neu geschrieben, einer muss den Job ja machen?

Prominente Gästeliste für Udo

Es schien unvorstellbar, dass Udo ohne all seine Superhits, also ohne das „Mädchen aus Ost-Berlin“ oder „Hinterm Horizont“, ein neues Stück Musikgeschichte schreibt. Es geht, und wahrscheinlich hätte er es sogar allein geschafft. „Aber wir müssen ja frisch bleiben, immer so’n bisschen experimentieren“, sagt er. Entsprechend ist seine Gästeliste: Auf Delay und Bourani folgen The Last Bandoleros, eine Tex-Mex-Band aus Nashville, für „Cowboy Rocker“, dann Gentleman, mit dem Udo „Kleiner Junge“ singt.

Kurz vor der Pause kommen Kinder auf die Bühne: „Wir ziehen in den Frieden“ heißt ihre Botschaft und Udo sagt: „Wir müssen alle die Ideale von Love and Peace hochhalten, man kann echt was bewegen mit der Musik.“

Ach, die Musik: Das sind an diesem Abend Männer und Frauen vom NDR Elbphilharmonie Orchester, die auf beziehungsweise in einem großen Holzschiff sitzen, einem Rockliner, und die am Ende ausflippen werden wie alle auf Kampnagel. Und das sind, auf der anderen Seite des Dreimasters, vor der obligatorischen Bar mit Eierlikörchen, die Unplugged-Band und später das Panikorchester. „Der Sound ist noch fetter als vor sieben Jahren“, sagt der Sitznachbar. Der muss es wissen, er ist auch damals dabei gewesen.

Udo kann auch Schlagzeug

Jetzt, zu Beginn der zweiten Hälfte, sitzt Udo hinter dem Schlagzeug, man spielt die Erkennungsmelodie des „Tatorts“. Denn nun soll eine Geschichte erzählt werden, die längste an diesem Abend. Es ist die Geschichte der „Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler, die den Udo im Hotel Atlantic vor einer Faschingsparty besuchte, und für diese nicht so recht was zum Anziehen hatte. „Gehst du halt als ich“, soll Udo ihr damals vorgeschlagen und die Furtwängler gleich komplett mit Original-Klamotten ausgestattet haben.

Die hat sie auch heute an, als sie langsam von der Schiffsbrücke kommt und „KGB 2018“ singt. Der weibliche Udo mit dem männlichen Udo im Duett, eine Weltpremiere: „Maria singt heute zum allerersten Mal“, sagt Udo. „Und das Beste ist: Deine Klamotten passen mir perfekt“, sagt sie. In ihrem Kleidersack sei sogar eine Original-Lindenberg-Unterhose gewesen, mit Geweih und so. Ob sie sie trägt? Das bleibt passend zum Song top secret, nur so viel verrät die Kommissarin: „Ich sollte Udo eine Aufnahme mit ein paar Liedern von mir schicken. Habe ich getan. Er hat dann nett geantwortet: Mach mal lieber ’nen bisschen mehr auf Sprechgesang …“

 
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