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UDO UNPLUGGED
18.09.2011 CD-Tipp der Woche: Mit Jan Delay, Inga Humpe, Stefan Raab u.a. hat Udo Lindenberg seine größten Songs neu eingesungen. Heiße Sache. B.Z. AM SONNTAG-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre saß mit ihm in der Sauna
So gegen Mittag, in Udo-Zeitrechnung, nimmt er dann die Schöpfkelle und klatscht eine Ladung Fichtennadelwasser auf den Ofen, 95 Grad Celsius, das zischt jetzt schön, draußen geht die Sonne unter, und wer weiß, was noch alles, unruhige Zeiten, aber draußen ist mal kurz egal, jetzt sind wir ja hier, in der schummrig-schwitzigen Kellersauna eines Ostsee-Strandhotels. "Schönen Abend noch", verabschieden sich zwei Urlauber mit Kondenswasser auf den Brillengläsern, und Udo murmelt freundlich den Spruch, mit dem er verlässlich bis etwa 21 Uhr die jeweilige Tageszeit relativiert, so wie sein Tagesablauf überhaupt die Relativitätstheorie illustriert: "Ist ja noch früh am Tag, ne?"
Die beiden in Handtücher gewickelten Urlauber, denen es jetzt zu heiß geworden war, drehen sich noch mal kurz um, ihr nickendes Lächeln sagt: Also doch, dann war er das wirklich, die Stimme, na klar, zwar mit Mütze statt Hut, aber das war dann wohl tatsächlich Udo Lindenberg, gibt's ja gar nicht, verrückte Sache, na, da haben wir aber was zu erzählen gleich beim Abendessen!Aus einer anderen Ecke der sehr geräumigen Hotelsauna nun möchte ein schnauzbärtiger Mann Gewissheit, Verzeihung, er müsse mal ganz blöd fragen, könne das sein, dass er jetzt hier mit dem Idol seiner Jugend in der Sauna sitze? Nee, beruhigt ihn Udo, nee, nee. Er sei bloß ein gut bezahlter Doppelgänger. Der echte Udo habe ja gar keine Zeit, in die Sauna zu gehen. Der sei ja immer unterwegs und so. Ach so? Verwirrung. Verwirrung ist immer gut. Die obere Hälfte der Sanduhr ist noch nicht ganz leer, aber wie alle Zeitmessgerätschaften liefert auch sie für Udo nur eine Sichtweisenvariante, keine Empfehlung oder gar Wahrheit, ihm reicht es jetzt, und um das zu bemerken, braucht er keine Sanduhr. Seine Zeit schien schon so oft gekommen, gegangen, auf dem Zenit oder abgelaufen - da kann er doch heute, im Jahr 2011, wirklich nur lachend den gläsernen Sanduhrkolben seines Lebens umdrehen, hoppla, noch 'ne Menge drin, weiter geht's. Also springt er auf, erst jetzt sieht man, dass auf seiner Badehose tatsächlich Muhammad Ali abgebildet ist. Noch ein paar Bahnen schwimmen, wie es die Ärzte empfehlen, und dass das Becken nur 15 Meter in der Länge misst, muss man ja den Ärzten nicht verraten, Bahn ist Bahn, "fit, ne, Doktor Fit!", ruft Udo und stößt seinen berühmten Indianerschrei aus, gleich ist es dunkel und Udo endlich knallwach; immer wenn man ihn ein paar Tage begleitet, muss man erst den eigenen Biorhythmus umprogrammieren, das ist der Udo-Jet-Lag. Wo und wann wird die Nacht enden? Noch völlig unklar. Vielleicht hier, vielleicht ganz woanders, müssen wir ja jetzt nicht entscheiden. Wo er seinen Hut hinhänge, sang Udo mal, da sei er zu Hause. Früh am Udo-Tag also, noch alles drin, und wieder mal so ein Moment im Udo-Studium, in dem man, ihn und seine Art zu leben betrachtend, denkt: Freiheit, so geht das also. Schon als wir zuvor die Uhr überlistet hatten, indem wir am Nachmittag (mitteleuropäischer Zeitrechnung) losgefahren waren in Hamburg, um nach ein paar Stunden gezielt zielloser Fahrt dann mittags (Udo-Uhr) an der Ostsee zu landen, war diese bloße Abfahrt eine Freiheitslektion - es ging ums Gepäck.
Was nimmt man mit, wenn unklar ist, wohin es geht und wann man zurückkehrt? Schlenkernden Schrittes latschte Udo zum Auto, eine Tasche in der Hand, die man Täschchen nennen muss, darin ein bisschen Medizin, Zahnbürste, Telefon, Badehose, fertig. Bezeichnenderweise hat sein Auto gar keinen Kofferraum, und man lernte: Was nicht ins Handschuhfach passt, ist überflüssig. Als Begleiter stand man also da, mit einem vollkommen lächerlich großen Koffer, gepackt und bestückt für alle Eventualitäten und Wetterlagen. Udo guckte gütig über die Schulter, auf den Koffer, der wie ein mit Ängsten gefüllter Sarkophag auf der Rückbank mit uns gen Ostsee schaukelte: Was schleppste denn da alles mit dir rum? Man hätte es wissen können, als jahrzehntetreuer Udo-Hörer sogar wissen müssen, handeln doch einige seiner schönsten Lieder dezidiert davon, dass leichtes Gepäck eine Grundbedingung ist für ein hübsches Abenteuer, und jedes Kilogramm mehr bloß Senkblei, das Tempo und Bewegungsradius verringert.Die "Unplugged"-Platte nun ist ein weiterer spektakulärer lindenbergscher Befreiungsakt, allen Ballast über Bord, die Ernte seiner gesamten Karriere als Dichter und Sänger destilliert auf einem Album. Mit vielen Freunden, ohne jeden Schnickschnack. Und, Sauna hin oder her, diese Platte ist mitnichten ein Aufguss alter Hits, dies ist nicht weniger als Udos musikalisches Vermächtnis.Doch das schönste Lied all dieser mittels Reduktion wiedererweckten Klopper und Klassiker ist ein neues, "Das Leben" heißt es, und darin singt Udo: "Nimm dir das Leben / und lass es nicht mehr los / Denn alles, was du hast / ist dieses eine bloß."MTV Unplugged - Live aus dem Hotel Atlantik, ca. 15,95 Euro. Das Lindenberg-Unplugged-Konzert wird noch dreimal auf VIVA ausgestrahlt: heute, 19.10 Uhr, 25.9., 13.30 Uhr, 14.10., 16.35 Uhr.
Text: Benjamin von Stuckrad-Barre








