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Udos Raketen zünden noch

24.10.2008

Altmeister Udo Lindenberg und sein Panikorchester begeistern das Publikum in der SAP Arena

Die Berliner Mauer steht schon lange nicht mehr, und Udo Lindenbergs alter Gitarrist Thomas Kretschmer heißt jetzt Carola - es ist wirklich viel Zeit seit den siebziger Jahren vergangen, als der Junge aus Gronau den "Daumen im Wind" hielt, um dem Mief der Kleinstadt zu entfliehen. Udo Lindenberg hat viel erlebt und sich "Unterm Säufermond" fast totgetrunken. Deshalb ist sein grandioses Comeback auch aus medizinischen Gründen ein Wunder: Der 62-Jährige landet um 20.05 Uhr in seinem Udonauten-Anzug in der Mannheimer SAP Arena. Nach der ersten Nummer "Woddy Woddy Wodka" zieht er ihn wieder aus und begeistert fast zweieinhalb Stunden lang die 8600 Fans. Dazwischen nur ein Eierlikörchen. Lindenberg macht nicht schlapp, seine (hüftsteifen) Tanzschritte beherrscht er noch. Und natürlich braucht der Sänger ein Mikro mit Kabel, damit er es lässig schwingen lassen kann.

Lockere Sprüche, tolle Musik

"Der Greis ist heiß", merken die Fans recht schnell. Udo sieht für seine Verhältnisse wieder ziemlich passabel aus. Er hat abgenommen, das tut ihm gut. Mit seinen lockeren Sprüchen hält Lindenberg das Publikum bei Laune. Natürlich kennt er sich in Mannheim bestens aus, weiß, dass dort die Popakademie steht und viele "Experten" leben. Schließlich vergleicht der Rocker die Quadratestadt mit den Metropolen dieser Welt. Ludwigshafen ist ihm auch ein Begriff. Da hat ein Profi seine Hausaufgaben brav gemacht. Schön, dass er weniger Blödsinn als früher redet und mit seinen Sprüchen nicht übertreibt. Auch Ober-Paniker werden altersweise und müssen dennoch nicht in Langeweile verfallen.

Dafür hat dieser Mann einfach zu viele Raketen im Repertoire. Die Klassiker wie "Cello", "Honky Tonky Show" oder "Andrea Doria" zünden noch immer, das liegt natürlich auch daran, dass er sein altes Panikorchester dabei hat. Eine Band mit 450 Jahren Bühnenerfahrung, wie Lindenberg ulkt. Die "älteste Boygroup der Welt", die von der ersten Nummer an mit einer unglaublichen Begeisterung spielt: Steffi Stephan am Bass, Schlagzeuger Bertram Engel und Jean-Jacques Kravetz, Gitarristin Carola Kretschmer - das sind die Ur-Paniker, die auch die neuen Sachen so toll spielen, weil die irgendwie wie die alten klingen und trotzdem keine Patina angesetzt haben. Lindenberg hat sich weiterentwickelt, deshalb macht er jetzt zeitlos gute Musik.

Die neue Platte "Stark wie Zwei" kann es locker mit den besten Alben wie "Ball Pompös" oder "Votan Wahnwitz" aufnehmen. Fast ein Dutzend der 26 Songs des von den Fans umjubelten Konzerts stammen deshalb von der aktuellen Scheibe. Sie sind so exzellent, dass es keinen einzigen Durchhänger in der langen Udo-Show gibt.

Eine perfekte Performance

"Ich zieh' meinen Hut", "Mein Ding", "Stark wie Zwei" oder "Interview mit Gott" haben eine solche textliche Dichte, dass man sich wundert, warum diesem Mann vorher praktisch 20 Jahre nichts mehr eingefallen ist. Und wenn Lindenberg noch eine geniale Zeile fehlt, dann findet sich einer, der sie ihm bei "Ganz anders" liefert: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm' nur viel selten dazu" - das ist perfekt. Fast so perfekt wie die gesamte Performance von Lindenberg und seinem Panikorchester, das die zumeist älteren Besucher schon aus ihrer vinylen Jugend kennen.

Lindenberg ist wieder präsent wie früher, seine nölende Stimme hat nichts an Timbre und Volumen verloren. Nur bei "Säufermond" verhaspelt er sich gesanglich ein wenig. Das kann mal passieren. Selbst die netten Ladys mit den tollen Stimmen können ihm die Show nicht stehlen. Da braucht es beim zweiten Zugabenblock schon der stimmlichen Gewalt einer Julia Neigel. Die Ludwigshafenerin taucht bei "Candy Jane" als Überraschungsgast auf und hat einen kurzen, aber fulminanten Einsatz. Da tritt selbst Udo kurz galant zur Seite. Danach folgt der Abschied: "Der Astronaut muss los", singt Lindenberg, der zuvor den "Sonderzug nach Pankow" verlassen hatte. "Bis ans Ende der Welt" will er nun auch nicht in Mannheim bleiben. Der Udonaut hebt ab. Und das Publikum tobt.

Text: Walter Serif
Foto: Tine Acke

Quelle: morgenweb.de