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Utopien mit Udo

27.05.2017

Welch ein Budenzauber, was für Bühnenzutaten! Mit einem actiondrallen und soundsatten Auftritt vor ausverkauftem Haus haben Udo Lindenberg und das Panikorchester in der ÖVB-Arena ihre Fans für eine lange Bremen-Abstinenz entschädigt. Es sei „so geil, endlich mal wieder in Bremen zu sein“, näselt in gewohnter Flapsigkeit der 71-jährige Zeremonienmeister, der den Stadtnamen konsequent so intoniert, als werde dieser mit drei r geschrieben.

Aufgeboten hat der Gronauer mit der Lizenz zum Hamburger Hoteldomizil für die beiden hiesigen Hallen-Gigs im Rahmen der „Stärker als die Zeit“-Tournee das gleiche Bespaßungsequipment wie schon für seine Stadion-Rundreise im vergangenen Jahr: spektakuläre Akrobatik, ausgeklügelte Projektionen zu biografischen Stationen und zur Weltlage, eine stationäre Bar (samt Eierlikör im Ausschank), ein Raumschiff mit pittoresken Aliens an Bord, ein Schlauchboot mit Gorilla und Konfettiwerfer – und einen Abflug im Wortsinne (zu „Woddy Woddy Wodka“ in einem aerodynamischen Metallverschlag). Mithin unverzichtbare Bestandteile jenes sehr eigenen Universums, an dem der mal kosmische, mal komische Rocker Udo Lindenberg seit den Anfängen seiner 45-jährigen Bühnenkarriere baut.

Präzise Choreografien

Jenseits der effektheischenden Show-Elemente gefällt das erste von zwei Gastspielen durch ein gut aufgelegtes Panikorchester, hervorragende Bläsersätze, singfreudige Gastmusiker (darunter Johannes Oerding; unter anderem bei „Cello“) – und präzise Choreografien mit mal neckischen, mal lasziven Tänzchen. Zudem wartet dieser überkandidelte, ja maßlose Zirkus mit enorm raschen Kostümwechseln und staunenswert geschmeidig absolvierten Bühnenumbauten auf. Wie sich überhaupt von rekordverdächtigen Arbeitsnachweisen sprechen lässt: Knapp 30 Songs und ein halbes Dutzend Ansagen im mal genölten, mal gegrölten Privatjargon bringt Lindenberg in gut 130 Minuten Spielzeit unter. Seine gut austarierte Leistungsschau umfasst so ziemlich alle Schaffensphasen von „Alles klar auf der Andrea Doria“ (1973) bis hin zu „Einer muss den Job ja machen“ (2016). „Bitte keine halben Sachen / Einer lässt es richtig krachen“, heißt es darin. Es ist der zweite Song an diesem Abend – und Lindenberg meint ihn offenbar programmatisch, indem es ordentlich was auf die Ohren gibt.

Ein Höhepunkt ist fraglos die Darbietung der gefühligen Pazifisten-Elegie „Wozu sind Kriege da?“ (1981), die Lindenberg mit dem Musiker Pascal Kravetz (damals zehnjährig) anstimmt, bevor elf Kinder die Bühne entern, um dessen Part zu übernehmen. Ein weiterer Höhepunkt ist gewiss Lindenbergs revolutionär gestimmte Basisdemokratie-Hymne „Straßenfieber“ (1981), zu der Projektionen unsäglicher Populisten à la Trump, Wilders und Gauland eingespielt werden. Berührend gerät auch der utopisch grundierte Udo-Song „Bunte Republik Deutschland“ (1989), zu dem Kinder und Alte, Freaks und Außerirdische einträchtig über die Bühne wirbeln. Man mag die in solchen Arrangements allegorisierte Weltanschauung naiv, ja verblasen finden; gegen das darin artikulierte Begehren einer befriedeten Gemeinschaft spricht das nicht.

Bei all dem Gitarren-Bombast, den die Panikorchester-Getreuen mit Retro-Posen zu Liedern wie „Rock 'n' Roller“ liefern, sind es doch die leisen, leichten, linden Momente, die bleiben: Wenn Lindenberg mit seinen speziellen Tippelbewegungen und Mikro-Kunststückchen allein über den langen Laufsteg tänzelt und sanfte Lieder wie „Stärker als die Zeit“ und „Ende der Welt“ vorträgt, wirkt er ganz bei sich, das Publikum ganz bei ihm.

Text: Hendrik Werner
Fotos: Tine Acke

Quelle: Weser-Kurier, 27.05.2017