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„Ich verneige mich vor den ersten Montagsdemonstranten“

21.08.2019

Am 5. September eröffnet Udo Lindenberg seine Ausstellung im Museum der bildenden Künste in Leipzig – und er wird singen. Vorab spricht er über seine „Höhlenmalerei“, ein legendäres Konzert in Leipzig 1990, die Wende davor, die Wiedervereinigung danach – und die Lage im Land, kurz vor der Wahl in Sachsen. Und es geht um ein „extreeem schönes Mädchen“, damals, 1990.

Hamburg/Leipzig. Es dürfte wieder voll werden im Museum der bildenden Künste in Leipzig: Am 5. September eröffnet das Gesamtkunstwerk Udo Lindenberg seine Ausstellung „Zwischentöne“. Er komme mit Musikern und werde singen, sagte Museumsdirektor Allfred Weidinger. Zu sehen sein sollen Fotos, Zeichnungen und Malerei, aber auch die Schalmei und die Lederjacke, die er einst mit Erich Honecker tauschte und sein vergoldeter Trabi. Vorab und per E-Mail beantwortete der 73-Jährige unsere Fragen in seinem ganz eigenen Idiom, von Sprachwissenschaftlern als „Lindisch“ bezeichnet. Es geht um seine Ausstellung, sein legendäres Konzert in der Leipziger Messehalle am 7. Januar 1990, die Wende davor, die Wiedervereinigung danach – und die Lage im Land, kurz vor der Wahl in Sachsen.

Udo, was zeigst Du uns in Leipzig?

Ich zeige meinen Hut – den ziehe ich: vor den beherzten Startern der Friedlichen Revolution. Ich verneige mich vor den ersten Montagsdemonstranten (die erste (große) Demo war ja laut Geschichtsschreibern am 4.9. 89), die so couragiert losgezogen sind, um die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen zu bringen, die Mauer wegzukicken und die Freiheit auszurufen. Ich habe die ganzen Entwicklungen in der damaligen DDR von Hamburg/ Berlin aus konspirativ beobachtet und in Zeichnungen, Gemälden, Songs und Filmen dokumentiert. See u later alligator – 30 years later.

Wie sind diese Werke entstanden?

Alles entstanden inner Kneipe auf Bierdeckeln, Zetteln (kleine Skizzen), später dann in Hotelzimmern, auch in den Kellergewölben des Hamburger Atlantic Hotels, in den Katakomben der Hotellerie, in rauchigen WG-Verliesen, irgendwie so ne Art Höhlenmalerei. Der (erste) Mensch, der ohne auch nur eine Sekunde Zeichenunterricht anfing, Wände aus Papier und Leinen zu bemalen. Fotos und Filme machten seine Geheimräte mit der Camera Obscura.

Aber irgendwann ist das dann doch aufgeflogen?...

Ja, erst war’s n etwas groß geratenes Tagebuch, dann slowly but surely kam es zu unzähligen Volksbegehren und Udo gewährte der Öffentlichkeit Einblicke in seine Mysterien und geheimnisvolle Hieroglyphenmalerei.

Warum bringst Du die nun ausgerechnet nach Leipzig?

Weil Leipzig zu der Zeit 1989 der heißeste Brennpunkt für vulkanische Tätigkeit im Osten war – auch für mich als Musiker, wie ich dann ein paar Monate später bei meinem ersten großen Konzert in der alten Leipziger Messehalle erlebte – Vulkane explodierten, Seelen bebten, die ganze Halle ein Meer von Tränen und Liebe.

Liebe, rein platonisch?

Nach dem unvergesslichen Konzert war da noch ein extreeem schönes Mädchen und hat mich total umgehauen. Jetzt ist sie so ca. 70 und immer noch (gut drauf) sehr knusprig. Hat gute Gene, genauso wie ich. Udo Jürgens lag voll daneben: mit 70 fängt das Leben erst so richtig an (Zeitlos wie ich ist natürlich noch besser: sprach das Alien).

Man hört, Du schreibst viel mit einem gewissen Alfred Weidinger hin und her. Am Sonntag war er bei Dir im Hotel Atlantic, um mit Dir die Ausstellung vorzubereiten. Wie ist der Typ so?

Er ist charmant und schnell – und tiefgründig und pragmatisch, wir sprachen im Sommer ’18 kurz am Telefon, innerhalb von Sekunden war alles gebongt. Er sagte: klare Sache, lass machen, life is too short. Ich sprach: schnell und gut, Mann mit Hut, I‘m ready to go... Keine Panik.

Könnte dieses Land mal wieder so einen demokratischen „Arschtritt“ vertragen so wie damals ’89 die DDR?

Nein, keinen Arschtritt. Wir müssen reden und uns darüber klar sein, dass wir in einem Land leben, in dem jeder mit seiner Meinung unterwegs sein kann. Das ist doch die Freiheit, für die damals so viele 89 auf die Straße gegangen sind. Miteinander reden und sich konstruktiv streiten, aber ohne Hass und Gewalt, das ist doch die Qualität unserer Demokratie, und das alles auf der Basis unseres sehr geilen Grundgesetzes. Die Würde jedes Menschen steht obenan. Und die Menschenrechte. Das gilt für alle. Alles drin in der Verfassung. Wir müssen miteinander reden, darüber, was besser geht, anstatt neue Mauern der Spaltung aufzubauen. Dass Politik oft zu lasch, zu langsam und zu weit weg von den Menschen ist, weiß ja jeder. Dass es viel zu verbessern gibt, ist klar, aber es gibt erschreckend viele Leute, die an ganz einfache Lösungen für komplizierte Probleme glauben – und diese gern in Stammtischparolen verbreiten. Und es gibt leider auch viele, die in der Vergangenheit ihre Zukunft suchen. Nationalismus ist Verrat an der Zukunft, an der Jugend, denn die großen Probleme der Zeit sind nur international zu lösen: die Abwendung der Klimakatastrophe, eine verantwortungsvolle europaweite Regelung der Flüchtlings-Situation.

Sachsen wählt am 1. September. Wie viel Panik macht sich da bei Dir breit?

In Deutschland brauchen wir natürlich viel mehr soziale Fairness, härtere Justiz, und keine Rückschrittlichkeiten in der Gesellschaft, egal von wem. Wir brauchen niemanden, der Frauenrechte missachtet, Homophobie, Ausgrenzung und Rassismus predigt, oder Leute, die die Nazizeit als „Vogelschiss in der Geschichte verharmlosen, das Holocaust-Mahnmal ein „Denkmal der Schande“ nennen. So oft schon haben die Gauleiters und Höckes und viele andere die Sprache des Hasses verbreitet. Da weiß ich schon mal, welche Partei ich nicht wähle. Ich wünsche mir ein weltoffenes lockeres Deutschland, frei und friedenspolitisch Zeichen setzend, und viel Freude an Rock ’n’ Roll und Paady-Time.

Hätte man aus ’89 und der Wiedervereinigung mehr machen können?

Ich sage immer schon, wir müssen sensibler miteinander umgehen, die aus dem wilden Westen und die aus dem heißen Osten. Frei nach Willy Brandt muss endlich zusammenwachsen was zusammengehört. Wir sollten nicht nach dem Motto leben, der eine trickst den anderen aus. Nee, wir müssen uns ergänzen, die unterschiedlichen Mentalitäten und Kulturprägungen zusammenbringen, und ordentlich zusammenhalten. Wenn wir hier Konzerte machen und ich die Power in den Augen der Menschen seh’ dann weiß ich, wir kriegen das alles schon noch hin.

Udo Lindenberg: Zwischentöne; Museum der bildenden Künste (Katharinenstraße 10), Eröffnung: 5. September, 18 Uhr, bis 1.12.

Interview von Jürgen Kleindienst
Foto: Torsten Cech / MdbK

Quelle: Leipziger Volkszeitung, 20.08.2019