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Das Deutsche rockbar gemacht

05.10.2018

Udo Lindenberg legt bewegende Autobiografie vor

Eines der schönsten deutschen Gedichte hebt folgendermaßen an: „Getrampt oder mit ’m Moped/ Oder schwarz mit der Bahn/ Immer bin ich dir irgendwie/ Hinterhergefahr’n.“ Die Zeilen stammen aus der Ballade „Cello“ von Udo Lindenbergs drittem Album „Alles klar auf der Andrea Doria“. Aber das wussten Sie schon. Schon Ende 1973 wusste das bald jeder in Deutschland. Dass sich da einer gefunden hatte. Dass da einer eine Möglichkeit gefunden hatte, dieses geschichtsbelastete und mit seinen ellenlangen Komposita schier unrockbare Deutsch in einen lockeren, lakonischen und vor allem singbaren Slang zu verwandeln.

Allein schon das Cover! Udo Lindenberg sitzt auf dem Beifahrersitz seines Tourbusses, mit einem Fischaugenobjektiv fotografiert, der debil grinsende Fahrer und die Parade schräger Typen, die er durchs vernebelte Gelände kutschiert, sie sehen aus wie auf einen Luftballon gezogen. Nur Udo bleibt cool und unverzerrt, liest Prawda, raucht Zigarre, schenkt sich Sekt nach. Er ist der Dompteur im Irrenzirkus. Nach dem Überraschungserfolg von „Andrea Doria“ handelt Lindenberg einen Plattenvertrag aus, der ihm eine Million Deutsche Mark und die künstlerische Freiheit garantiert. Unerhört ist das, in einem Land, das sich keine Stars erlaubt, nur Schlagersänger, die nach der Peitsche von Dieter Thomas Heck tanzen. So schreibt es Thomas Hüetlin, beziehungsweise so lässt er es sich vom 72 Jahre alten Chef-Paniker einflüstern, in dessen just erschienener Autobiografie „Udo“. „Stell Dir vor . . .“– mit dieser Selbstaufforderung beginnt jedes Kapitel, ein fernes Echo von Vladimir Nabokovs Erinnerungen „Speak, Memory“ vielleicht. Es folgen Beichten in der dritten Person, Geschichten von einem Helden, der die Zügel gerne mal schießen lässt, so er sie nicht gleich in die Hände hochprozentiger Begleiter legt, vom edlen schottischen Lagavulin bis zum industriell hergestellten Kräuterfusel. Der aber wenigstens stilgemäß zu Fantasiepreisen an der Hotelbar eingekauft wird.

Tiefpunkt statt Glanzzeiten

Den schier unvorstellbaren Mengen an Alkohol, die auf den knapp 350 Seiten von „Udo“ konsumiert werden, begegnet man sonst höchstens noch in der berüchtigten Mötley-Crüe-Biografie „The Dirt“, doch anders als die weidet sich Lindenberg nicht an den Gelagen der Vergangenheit. Er verzeichnet, relativ nüchtern, die Kosten. Bis hin zur 4,7 Promille Diagnose im Anschluss an eine (für ihn) desaströse „Rock gegen Rechts“-Tournee kurz nach der Jahrtausendwende. So beginnt „Udo“ keineswegs mit den alten Glanzzeiten des ersten ernstzunehmenden deutschen Rockstars, sondern mit dem Tiefpunkt seiner langen Karriere, im Jahr 2006. Der Suff hat ihn fest im Griff, die Bank verkündet, dass sein Depot leider leer sei, künstlerisch lebt er schon länger auf Kredit. Hinterm Horizont geht es nicht mehr weiter, da lauern Baumärkte und Möbelhäuser. Tatsächlich findet sich Lindenberg kurz darauf als Alleinunterhalter auf einer Kreuzfahrt mit schlohweißem Publikum wieder.

Den ehemaligen Fans erscheint der aufgedunsene Nuschler nur noch als sein eigener zweitbester Parodist (gleich hinter Helge Schneider), selbst die eigene Entourage schimpft ihn „die singende Bockwurst“. Und dann stirbt sein älterer Bruder Erich, der erfolglose, aber unkorrumpierbare Maler, sein gutes mahnendes Gewissen: „Der Udoway war jetzt nur noch ein Highway ohne Leitplanken“, wie Lindenberg gut lindenbergisch feststellt. Man kann diese Biografie unmöglich lesen, ohne sie sich von der inneren Stimme im wie durch den Kamm geblasenen Lindenberg’schen Schnodderorgan vornölen zu lassen. Auch Thomas Hüetlin hat sich willfährig von seinem Sound und dem immer schon leicht abgelebten Szenesprech infizieren lassen.

Wie auch anders? Was man zwischenzeitlich mit einem Augenrollen quittierte oder wenigstens – wie Rio Reiser, Udos alter Konkurrent um den Erster-Rockstar-Titel – als höchst angestrengte Lockerheit empfand, war einst ein großer, gewagter Befreiungsschlag aus grauer Kleinstädte Mauern.

Eindringlichstes Kapitel erzählt vom Aufwachsen

Klar, man will alles von Udos geheimer Affäre mit Nena wissen, in deren Zuge das damalige Mädchenwunder der Neuen Deutschen Welle, unter einer Burka verborgen, gemeinsam mit dem langsam kahl werdenden Rocker im Liebesnest eincheckte („Meine Cousie aus Saudi-Arabien“). Doch das eindringlichste Kapitel dieser Lebensbeschreibung erzählt vom Aufwachsen im westfälischen Gronau, dieser „hartleibigen“ angetrieben von mühsamer Arbeit, Religion und Alkohol.

Es erzählt vom Klempner-Vater Gustav, der volltrunken die Kinder aufweckt, um ihnen mitten in der Nacht mit einem Kochlöffel in der Hand Toscanini-Platten vorzudirigieren; vom Kinderleben auf der Straße, von pubertären Trommelträumen, die den jungen Udo schließlich bis zu Klaus Doldingers Jazzrock-Formation Passport (man kann ihn jeden Sonntag zur „Tatort“-Titelmelodie schlagwerken hören) führen wird, aber nicht weit genug weg vom Trinkererbe des Vaters und der tristen Provinz.

Das Gegenstück zur Kindheit im äußersten Westen bilden die Kapitel, die Lindenbergs Engagement im Osten nachspüren, das lange vorm „Sonderzug nach Pankow“ begann. Schon 1973 auf „Andrea Doria“ hatte er vom „Mädchen aus Ostberlin“ geschwärmt, und wie er zehn Jahre später mit der DDR-Führung flirtet, ohne sich jemals von ihr vereinnahmen zu lassen – das nötigt Respekt ab.

Wer dann liest, wie Tausende von Menschen, irgendwo im Thüringer Wald, im Januar 1990 die ersten Zeilen von „Cello“ mitsingen, möchte fast glauben, dass die Wiedervereinigung ohne den gesamtdeutschen Udo nie wirklich stattgefunden hätte.

Text: Christian Bos
Fotos: Tine Acke

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, 05.10.2018