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Keine Panik

22.01.2019

Panikrocker, Hutträger mit Sonnenbrille und eine Dauer-Suite im Hotel Atlantic: Jeder kennt ihn – Udo Lindenberg.

Als einer der ersten, die auf Deutsch sangen prägt er seit Jahrzehnten die deutsche Rockmusik. Heute ist der nuschelnde Panikpräsident erfolgreicher und beliebter denn je – politisch unkorrekt, authentisch, schräg, kreativ und originell. Doch welche Persönlichkeit verbirgt sich dahinter? Manche beschreiben ihn als echt, andere als zu schräg, um wahr zu sein. In jedem Fall steckt unter der Krempe einer der innovativsten Musiker der deutschen Rock-Geschichte.

Markenzeichen Hut und Sonnenbrille. Wie ist es dazu gekommen?

Udo Lindenberg: Hut, Brille, multifunktional – flexibilistisch! Ritterrüstung und Abschirmdienst. Zum Schutz der sensiblen Seele… und wie ein Meisterdetektiv alles abchecken (und keiner weiß Bescheid). Die Brille trag ich aber auch, um die Damen (und Herren) nicht in unnötige Liebes-Irritationen zu stürzen, wenn sie direkt durch meine Augen in die hinreißenden Abgründe meiner Seele blicken...

PANIK ZENTRALE: Du lebst seit rund 28 Jahren in Hamburg im Hotel Atlantic. Du hast sicherlich viele Angebote bekommen mal umzuziehen. Was hat dich davon abgehalten?

Haus, Garten, gated areas und bürgerliche Mauern sind nix für mich – ich treffe gerne die verschiedensten Peoples im Hotel, vom Präsidenten bis zum Ganoven. In die Lobby gehen, malen an der Bar, Business-Schnackedischnack in der Raucherlounge. Immer gut was los hier. Und Ruhm-Service vom Feinsten. – Ey, hätte Bach seinen Müll persönlich runtertragen müssen, hätte er so manche Kantate nicht geschrieben!

Malst du ausschließlich im Hotel?

Ich male immer da, wo ich gerade bin. Alle Bars dieser Welt, genau richtig für meine Likörelle, ich male ja mit Schnaps, mit Likörfarben – zu Lande, zu Wasser und in der Luft, die Ateliers des lindischen Strichers von St. Georg sind überall. Zu kaufen in der Galerie Lindenberg & more in der Europa-Passage.

Kunst und Liebe, wie passt das zusammen?

Die Kunst ist eine fordernde Geliebte. Bleibt da noch genug Zeit für ne konventionelle Beziehungs-Berechtigte? Antwort: oft niente!
Ansonsten und überhaupt: In Liebesdingen kann ich mich schlecht festlegen. Dazu fällt mir immer sofort der Song von Friedrich Hollaender ein, „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre“: „Ja, soll so etwas Schönes nur einer gefallen? Die Sonne, die Sterne gehör‘n doch auch allen.“

Udo, in deinem neuen Buch soll man sich vorstellen, man gibt eine Party und das Ganze dauert ein wenig länger, nicht bis zum Morgengrauen, nicht zwei Tage, sondern mehr als 40 Jahre. Erlebst du immer noch die Party Deines Lebens?

Ja, seit 40 Jahren, immer geiler, am exzessivsten seit 10 Jahren: Gigantische Bühnenshows, Stadion-Flugshows, Raketenstart in die Charts mit jedem neuen Zong. Hätt‘ keiner gedacht, dass der Phönix nochmal so aus der Flasche rauszischt und der Nachtigallengesang die ganze Republik verzaubert… ich auch nicht – yeah, das is ganz schön megageil!

Deine Tournee 2019 bricht bereits alle Rekorde. Sind deine Konzerte heute psychisch und physisch anstrengender als früher?

Nee, ich halte mich ja knallefit, mache reichlich Sport – gezielte Drogeneinnahme und EMS mit der Deutschen Kickbox-Meisterin Natalie Zimmermann – und auf Tour, z.B. in der Barclaycard-Arena: Dr. Feelgood und ein Nervenarzt, der immer weiß wie‘s weitergeht, den Rest regelt meine ostasiatische Genetik.

Du hast unzählige Auszeichnungen erhalten, wie mehrfach den Echo, die Goldene Kamera, Bambi, Deutscher Radiopreis und wurdest mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Was bedeuten dir die Auszeichnungen?

Bundesverdienstkreuz, ja, hab es jokemäßig mal angenommen und mir ans Revers geditscht, auch mal einigen Freunden ausgeliehen, und einem ist es dann auf dem Kiez in den Gully gerutscht, shit, wir haben‘s aber wiedergefunden. Ja, grundsätzlich isses ganz schön, Preiselbeeren zu kriegen für gute Sachen, ...bloß nich nur so’n Entertainer sein, der die Leute die Realitäten vergessen lässt, so wie die Schlager-Deppen.

Warum gelingt es dir, über 50 Jahre im Geschäft zu bleiben?

Man muss schon ein gut verrückter Vogel sein, ein vom Wahnsinn geknutschter.
Magie und Alltag, Maggiwürfel in der Tasche, und so – 50 Jahre sind erst der Anfang, ich bin ja vom Club der 100jährigen. Und danach erfindet die Medizin dann noch die Unsterblichkeitstablette, dann hängen wir nochmal weitere sexy sexzig Jahre dran, haha.

Du hast skurrile Dinge erlebt. Zum Beispiel hast du mal feststellen müssen, dass auf deinem Konto 4 Mio. Euro fehlten.

Finanzkrise, ja – Riesenschock – New Market – Konto leer. „Der Millionär hat keine Kohle mehr, Leben grausam, Taschen leer, haste mal n Freibier oder ne müde Mark, die letzte Bank, die ihm noch blieb, das war die Bank im Park.“ Naja, haben die Banker dann eingesehn. So gait dat nuch. Wie durch Zauberhand sind 3 Mio wieder auf mein Konto draufgesegelt.

Du wurdest mal mit 4,7 Promille in die Notaufnahme gefahren. Für viele eine tödliche Dosis. Wie krass waren deine Exzesse?

Ich ging in die Kneipe nach dem Motto, was muss hier alles noch weg. Und dann wieder in die Klinik, einmal Blutwäsche bitte – und dann heavy weitersaufen. Lady Whiskey hat mich fast gekillt, ja... kann man alles en detail in meiner neuen UDOgrafie nachlesen...Buch heißt UDO von Edelfeder Thomas Hüetlin, beim KiWi-Verlag, best book über den Panikbooster.

In diesem Bezug: Was hast du in deinem Leben umgestellt? Was motiviert dich?

Professionelles Ziel-Trinken, also nicht mehr nach der Mengenlehre. Und fernöstliche Geheimwirkstoffe. Aber mein echter Rausch, meine beste Sucht ist die Bühne, der Rock‘n‘Roll, die Tournee mit der Panikfamilie – das ist mein Eldorado. Next year 3 mal die Barclaycard Arena in Hamburg. Alle hinkommen, ich geh da auch hin…

Wie würde ein möglicher neuer Song heißen?

Gibt‘s schon: „Wir ziehen in den Frieden“. Nicht an die Kriege gewöhnen, als wären sie ne Art Naturgewalten. Love & Peace, Menschenketten rund um den Globus - und alle fordern: Stoppt die Kriege! Stoppt die Aufrüstungs-Schwachmaten Trump und Putin. Ich weiß, das klingt wie ne Utopie - aber Utopien sind ja bekanntlich zum vorverlegen da…

Du bist ein politisch aktiver Mensch. Du hast dich für das Projekt Live Aid der Afrikahilfe sowie gegen den Neonazismus engagiert und hast 2000 dein Projekt Rock gegen Rechte Gewalt gestartet. Was gibst du uns heute für 2019 mit?

Nicht jeden Scheiß mitmachen, nicht als eine Art stumme Armee die ganzen Verbrechen mittragen. Nich resignieren. Ist doch so: Hier gehen Billionen in die Rüstung und allein in Afrika sterben täglich tausende Kinder. Ne riesen Friedensbewegung auf die Straßen, für Friedenspolitik in Deutschland und Europa, Europa sollte zwischen den Großmächten moderieren. Abrüstung fordern.

2006 hast du die kulturpolitische Udo-Lindenberg-Stiftung gegründet, um Nachwuchsbands mit deutschen Texten zu fördern. Welche Früchte trägt dein Engagement?

Mit der Stiftung wollen wir Newcomer Bands und Songschreiber ermutigen, ihr eigenes Ding zu machen, größte Freiheit und Kreativität, schön frech und provo und kein Mainstream. Yeah! Beim Panikpreis-Songwettbewerb entdecken wir auch immer wieder Bands oder ­Künstler*innen, die ganz exzellent zu unserem bunten Panikzirkus passen, zum Beispiel haben wir „Deine Cousine“ mit auf Stadiontour genommen, auf meinem neuen Album (MTV 2) singen wir „Du knallst in mein Leben“ zusammen…

Panik City in Hamburg. Wie ist es dazu gekommen und wie waren die Reaktionen?

Es war schon länger eine Art Museum im Gespräch, aber n konventionelles Museum, zum Durchlatschen und Bilder betrachten sollte es nich sein. So‘n Ding mit Action und interaktiv, yeah. Dann kam Corny Littmann und sagt, hier bei uns im Klubhaus St. Pauli auf der Reeperbahn wär doch genau der richtige Ort für deine Raketenstation, da machen wir richtig Hightech und Virtual Reality Action, – das fand ich dann doch sehr erregend, und so ging das dann ab. Und Riesenbegeisterung, von den Embryos bis zu den Omas, Touristen und Kiezianer, alle feiern das Ding. Mit Udo auf die Bühne rennen und ins Studio und Likörelle malen, kannste alles machen und dann runterladen auf dein Handy . Ja, is echt mega geworden, der ganze schön verrückte Panik Wahnsinn in 3D, ohne Netz und Gummi. Das geht ab, am Weekend schlängeln sich die Schlangen am Spielbudenplatz , haha yeah.

Eine letzte Frage: Warum der Tick mit dem Eierlikör?

Es ist bei uns zur Tradition geworden, einen zu gurgeln, um die Stimme der Nachtigall zu ölen – und auf goldene Zeiten anzustoßen. Meine Mutter Hermine hat früher immer den Eierlikör rausgeholt, wenn es was zu feiern gab. Das machen wir in der Panikfamilie auch. Gibt immer was zu feiern, auf die Goldenen Zeiten. We call it Feierlikör, yeah.

Text: Gunnar Henke
Foto: Tine Acke

Quelle: opium.hamburg.de, 21.01.2019