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Sag niemals nie zur Udopie

11.01.2020

Stilsicher bis in die Unterhose: Hermine Huntgeburths Kinofilm „Lindenberg! Mach Dein Ding“ schwelgt bildlich und klanglich in den Siebzigern - und erzählt von einem sagenhaften Aufstieg.

Dass die Siebziger uns im deutschen Kino und Fernsehen etwas oder auch sehr verklärt dargestellt werden, daran haben wir uns seit einigen RAF-Filmen, Kanzlerdramen oder zum Beispiel der Journalistenserie „Zarah – wilde Jahre“ längst gewöhnt. Ausgerechnet bei der Geschichte einer wahren Stil-Ikone wie Udo Lindenberg hier eine Ausnahme zu machen und filmisch auf harten Realismus zu setzen wäre verschenkt gewesen – hat man doch inszenatorisch nicht weniger zu feiern als die Befreiung der deutschen Mode, Musik und Mentalität auf einen Schlag.

Wie aus einem strammen Jungen aus Nachkriegs-Westfalen ein Hamburger Hippie-Ikarus wird, der einmal gar auf einem LSD-Trip über die Reeperbahn schwebt: Das verspricht ein Film-Fest, welches sich Regisseurin Hermine Huntgeburth in „Lindenberg! Mach Dein Ding“ nicht entgehen lässt. Sondern sie setzt, wie schon das Ausrufezeichen andeutet, auf die volle Kirmes nicht nur mit Pauken und Trompeten, sondern mit dem ganzen Panikorchester, wie es zu Udo Lindenberg bis heute gehört.

Wunderbarer Jan Bülow

Und um es gleich zu sagen: Der Film macht dies meisterlich, vom Szenenbild bis zu den reichlich gezeigten Unterhosen. Und bis zum Casting (Simone Bär), dabei von den Nebenrollen bis zum wunderbaren Hauptdarsteller Jan Bülow, der im einen Moment schauen kann wie ein aus dem Korb gestoßener Welpe, nackt (bis auf die udopische Brustbehaarung natürlich) und schutzbedürftig; im anderen ein wie harter Hund mit klarem Erfolgsziel, dem auch Freundschaften nicht im Weg stehen. Knallhart kann er etwa seinem treuen nicht nur musikalischen Weggefährten Steffi Stephan (hier gespielt von Max von der Groeben) ins Gesicht sagen, er sei „mehr so’n bisschen ein Lottobassist: ab und zu mal drei Richtige“, und ihn aus der Band schmeißen.

Weil der Film in gewisser Weise auch von einem Tellerwäscher-Aufstieg erzählt, der bei Lindenbergs Lehrjahren als Kellner an George Orwells „Down and out in Paris and London“ erinnert, setzt er dagegen später genüßlich den Prunk einer Musikindustrie, an deren Spitze sich Udo von der Kindheit an trommeln wollte. Da hilft es auch nichts, dass die Hippies, mit denen er 1971 im Hamburger Musikclub „Onkel Pö“ noch zwischen epigonalem und Prog-Rock herummurkelt, mehrfach vor der Prostitution an den Kommerz warnen.

Der Erfolg in Gestalt des Teldec-Plattenmoguls Mattheisen und seines raumschiffhaft designten Bossbüros ist eben doch verlockend, und er wird bis zum letzten, vollbestückten Zigarettenspender ausstaffiert. Das westfälische Wohnzimmer in Gronau 1951, das in Rückblenden immer wieder auftaucht, und dann dagegen das mondäne Hamburg 1971: zwei sehr weit voneinander entfernte Welten. Detlev Buck spielt den elvishaft gekleideten Mattheisen so „überdrüber“, dass man es für ein Klischee halten mag, aber er gibt ihm dennoch eine Fallhöhe, als er einmal sagt, er habe den ganzen Luxus mit seinem Stolz bezahlt.

Die A-Seite ist schnell vergessen

Für den jungen Udo Lindenberg gebietet es nicht der Stolz, eher ein Naturgefühl, endlich so singen zu dürfen, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: also auf Deutsch, nicht auf Englisch. Er erreicht sein Ziel mit einem Trick: Den Plattenbossen gibt er eine Schlager-Single („Sommerliebe“), schmuggelt aber sein eigentliches Herzstück auf die B-Seite. Und es klappt: Die A-Seite ist schnell vergessen, „Hoch im Norden“ aber wird zu einem Hit.

Der Soundtrack zu „Mach Dein Ding“ dokumentiert ein gutes Stück Musikgeschichte – er führt von Lindenbergs Begeisterung für Glenn Miller über eine Urkunde beim deutschen Jazz-Jamboree 1961 und ein Engagement in Libyen als Unterhaltungsmusiker für amerikanische Soldaten (die harte Schule des Rock’n’Roll) bis zur Stimmfindung als Liedermacher und schließlich als Deutschrock-Pionier. Er lässt dabei Lindenbergs erste Karriere als Schlagzeuger nicht zu kurz kommen: Wir sehen und hören ihn im Studio für Butterfett-Werbejingles wie auch für Doldingers „Tatort“-Musik.

Ein Pluspunkt dieses Musiker-Biopics im Vergleich zu manchen anderen: Es nimmt sich Zeit, statt nur von Absturz zu Absturz zu eilen – nämlich satte zwei Stunden und vierzehn Minuten. Regelrecht ausgekostet wird die Geschichte hinter dem Stück „Mädchen aus Ostberlin“, auch biographisch für den Verfasser „sehr bedeutend“, hier zärtlich fiktionalisiert. Und wie dann dieses Lied auf der Bühne des „Onkel Pö“ in dramatischer Verdichtung plötzlich Form annimmt, Gitarrensolo inklusive, das ist ein hübscher Märcheneffekt des Films, der auch klanglich bestechend inszeniert ist.

Hang zur Schwerstmelancholie

Stark ist auch noch der Auftritt von Charly Hübner als depressiver Vater Gustav Lindenberg, der seine eigenen Lebensträume nicht verwirklicht hat und seinem Sohn aus Furcht keine gönnt, er hat in einer Szene etwas von Döblins verlorenem Franz Biberkopf. Wie Hübner in katatonischem Stupor mitten auf der Straße einfach einfriert, das weckt sofort den Wunsch, ihn mal abendfüllend in einer Adaption von „Berlin Alexanderplatz“ zu sehen. Hier hingegen wird er zart vom eigenen Kind an die Hand genommen und nach Hause geführt. Der Sohn, Udo, wird vom Vater das Saufen wie auch den Hang zur Schwerstmelancholie übernehmen – ihn aber in kreative Energie ummünzen, ja geradezu zum Stehaufmännchen werden.

Eine weiterer Vorzug liegt darin, Dinge nur anzudeuten. Etwa Lindenbergs legendäres Wohnen im Hotel Atlantic – bis zu diesem dringt der Film chronologisch zwar gar nicht vor, weil er 1973 auf dem ersten Höhepunkt seiner Karriere endet. Aber als der junge Mann als Kellner in einem edlen Hotel arbeitet und einer reichen Dame zu Diensten sein muss, von der es heißt, sie wohne schon seit zwei Jahren in dem Hotel, da spielt sich in der Mimik Jan Bülows kurz etwas vielsagend Vorausdeutendes ab.

Die im Film übernommene Erzählung schließlich, dass es bis 1970 in deutscher Sprache nur Schlagermusik gab, mag für die Hitparade im Großen und Ganzen stimmen, beruht insgesamt freilich auf manchen Ausblendungen. Dennoch kann man diesem Film seinen Star, den gezeigten, und den, der ihn spielt, ruhig gönnen – und sollte, wenn etwas insgesamt so gelungen ist, nicht das Haar in der Suppe suchen, sondern einfach eine Runde mitfliegen.

„Lindenberg! Mach Dein Ding“ läuft am 15. Januar im Kino an.

Text: Jan Wiele
Fotos: Tine Acke

Quelle: FAZ, 11.01.2020