Termine

alle Termine »

News

So war Udo Lindenbergs öffentliche Probe in Timmendorf

15.05.2022

Vor dem Start seiner Deutschlandtournee hat Udo Lindenberg im kleinen Rahmen in Timmendorf geprobt. Den Ballsaal des Maritim Seehotels nahm er schon mal im Sturm.

Lübeck. Hinterm Horizont geht’s weiter, alte Lindenberg-Weisheit. Nach der Pandemie aber auch. Die ist zwar noch nicht vorbei, aber irgendwie auch nicht mehr im Vordergrund. Auf jeden Fall hat sich die Lage so beruhigt, dass Udo Lindenberg seine immer wieder verschobene Tournee jetzt endlich angehen und sich am 24. Mai in Schwerin offiziell auf den Weg machen will. Vorher aber gab es noch zwei Generalproben im Ballsaal des Maritim Seehotels in Timmendorfer Strand, wieder mal.

Ballsäle mit von Lindenberg handgestoppten 1200 Zuschauern sind normalerweise nicht sein Revier. Er ist in den großen Hallen zu Hause, da, wo es jetzt zu 25 Shows quer durch Deutschland wieder hingehen soll. Es war hart, sagt er, „Entbehrung und Verzicht, dass man fast bekloppt wurde“. Aber jetzt sei sie ja wieder versammelt, die große Panikfamilie. Alles wieder gut, alles wieder klar auf der Andrea Doria.

Die alten Fahrensmänner waren dabei, Bertram Engel am Schlagzeug, Hannes Bauer an der Gitarre, Jean-Jacques Kravetz an den Keyboards, Steffi Stephan, der wohl bald tatsächlich aussehen wird wie Keith Richards, am Bass. Dazu Chorgesang, weitere Gitarren, weitere Keyboards, Bläser – ein gutes Dutzend Musiker und Musikerinnen wuselte mit hoher Sonnenbrillendichte über die Bühne. Lindenbergs fliegender Rock’n’Roll-Zirkus, eine wilde Rolling-Thunder-Tournee mit deutschen Texten und sehr viel Lust darauf, dass es „nach gefühlten 190 Jahren“ (Udo) endlich wieder losgeht.

Mehr als zwei Dutzend Songs sollten sie in den nächsten gut zwei Stunden spielen. Typische Lindenberg-Balladen, dunkel pendelnde Rocksongs, tatsächlich aber nur ein kleiner Ausschnitt der großen Show, die ab Ende Mai zu sehen sein wird, sagte der Meister.

Alles dabei bei Udo Lindenbergs Probe in Timmendorf

Aber es war alles dabei: von „Woddy Woddy Wodka“ bis zum „Sonderzug nach Pankow“, von „Cello“ bis „Johnny Controletti“. Von „Reeperbahn“ gab es eine XXL-Version, genauso wie von „Hinterm Horizont“, als plötzlich die große Gitarristin Carola Kretschmer auf der Bühne stand und ein fulminantes Solo spielte.

Davor und dazwischen und dahinter wirbelte Lindenberg herum, rank und schlank, in Schwarz und mit Hut, ein erstaunlich fittes Nietengürteltier von 75 Jahren, das die ganze Sache hier zu verantworten hatte und so aussah, als wolle er genau das auch tun. Wo Bob Dylan „It aint’ me babe“ singt, ich bin nicht der, auf den ihr wartet, da haben sie in Lindenberg einen, auf den sie bauen können. Er hat ein großes Herz für alle Mühseligen und Beladenen, für die, die man im Dunkeln nicht sieht. Und er vergisst auch seine alten Weggefährten nicht, den Konzertmanager Roland „Balou“ Temme und den Produzenten Andreas Herbig, im vergangenen und in diesem Jahr gestorben und so wichtig für seine Karriere.

Klima, Rassismus, Rechtsradikale, es taucht alles auf in seinen Songs und wird betextet mit dieser Udo-Poesie, mit der er sich seit einem halben Jahrhundert durch die deutsche Pop- und Rockgeschichte dichtet. Da ist Kitsch darunter, aber auch manche Zeile, die längst Eingang gefunden hat in den Kanon und ins kollektive Gedächtnis der Republik. Da ist ein Nuschel-Schamane am Werk, ein Spracherfinder, der auch vor Liedern wie „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“ nicht haltmacht, mit denen schon Heinz Rühmann erfolgreich war. Er macht sein Ding, das singt er ja auch, und er macht es gut. Am Ende standen die Leute knietief im Udopium, mit dem er sich jetzt aufmacht in die großen Hallen und Arenen, und dann geht sie los, die Honky Tonky Show. Es sieht gut aus.

Text: Peter Intelmann
Fotos: Tine Acke

Quelle: Lübecker Nachrichten, 14.05.2022