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Sonderzug nach Leipzig: Udo Lindenberg eröffnet seine Ausstellung mit Musik

05.09.2019

Udo Lindenberg eröffnet am Donnerstag seine Ausstellung „Zwischentöne“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig. Der 73-Jährige singt ein paar Lieder, zeigt seinen witzig-schrillen Bilder-Kosmos – und ein wichtiges Stück deutsch-deutsche Zeitgeschichte. Seit Montag ist er in Leipzig, am Mittwoch kam er zur Pressekonferenz.

Leipzig. In der Mitte ragt das MDR-Hochhaus in den Himmel. Unten spielt eine Band. Wir befinden uns in Leipzig, klar, aber auch im „LOCKER LECKER LAND“. Rechts prostet ein riesiger Mann mit Hut, Sonnenbrille, langem Haar, spillerigen Beinen und Fluppe – rüber zu einer übergroßen, überrunden Frau, die inmitten lustvollen Partygewimmels steht. Im Hintergrund ist ein Messe-M zu erkennen.

In der Nacht zu Mittwoch hat Udo Lindenberg dieses Kritzel-Triptychon für seine Ausstellung „Zwischentöne“ im Museum der bildenden Künste gezeichnet. Es fehlt noch die Farbe, die der Meister mit Hilfe einer patentierten Apparatur, „Ejakulator“ genannt, auf die Tafeln bringen wird. Das ist ein umgebautes Schlagzeug, aus dem bei jedem Schlag Farbe schießt – vier Trommeln, vier Farben. Das fertige Werk, „Euphorion“ ist es betitelt, bleibt als Geschenk im Museum.

„Gesamtkunstwerk Udo Lindenberg“

Am Donnerstag um 18 Uhr wird die Schau im Untergeschoss eröffnet. Seit Anfang der Woche ist Udo in Leipzig, besuchte Connewitz, das Panometer, das Werk 2. Gestern Nachmittag kam das „Gesamtkunstwerk Udo Lindenberg“ – so nennt ihn die stellvertretende Museumsdirektorin Jeanette Stoschek – kurz zur Pressekonferenz vorbei. Posierte vor dem mit „No Panic“ signierten goldenen Trabi, den Udo 1996 von der Belegschaft des Zwickauer Autowerks geschenkt bekam und der heute in der Tiefgarage des Hotels Atlantic in Hamburg steht, seiner Dauerresidenz. Trommelte für die Fotografen, blies auf der Schalmei, die ihm Erich Honecker 1987 als Gegengeschenk für die berühmte Lederjacke aus dem „Sonderzug nach Pankow“ zusandte.

Museumsdirektor Alfred Weidinger kam erst später dazu, direkt aus dem Krankenhaus. Er hatte eine Lungenembolie, ist aber auf dem Weg der Besserung. Schon am Montag hatte ihn Udo in der Klinik besucht, jetzt liegen sie sich in den Armen. Er sei ein „Flinkefuß, sehr geschmeidig, tief und pragmatisch“, sagt Udo über „Alfred“.

Udo: „Blaue Augen gehören auch zur Demokratie“

Mit der Ausstellung verneige er sich vor den ersten Montagsdemonstranten in Leipzig: „Wir feiern hier 30 Jahre Freiheit“. Aber: „Blaue Augen gehören auch zur Demokratie“, meint Udo mit Blick auf die Wahlergebnisse in Sachsen. Zur AfD: „Die werden sich mit ihren Sprüchen noch weiter disqualifizieren.“ Nationalismus sei Verrat an der Jugend, deren Probleme nur international gelöst werden könnten. Nein, das alles findet der 73-Jährige, der sich seit Jahrzehnten gegen Rechtsextremismusengagiert, gar nicht witzig. Aber das Leben bleibt ihm trotzdem immer auch ein Fest: „Wo ist der Eierlikör?“, ruft er in den Raum. Udo weiß, was er Fans und Journalisten schuldig ist.

Anlass für die Schau ist der 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution in Leipzig. Sie ist gewissermaßen das unernste Pendant zur gleichzeitig gezeigten Wendekunstausstellung „Point of No Return“, vor allem aber ein Blick in Udo Lindenbergs witzig-wilden, charmant-verspielten Kosmos – und auf ein wichtiges Stück deutsch-deutsche Zeitgeschichte.

Das alte SPD-Credo vom „Wandel durch Annäherung“: Udo lebte es leidenschaftlich. Manisch zog es ihn in die DDR, nach Moskau. Seit 1971 reiste er regelmäßig nach Ostberlin. „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ sang Udo 1973. Ein Sehnsuchtslied. Und das „Mädchen aus Ostberlin“, das gab es wohl mehrfach.

Geschichtsübermalung mit Humor

Er habe immer gehofft, sagt er, dass die „scheiß Mauer“ fällt, erzählt er. Und er wollte einfach nur in der DDR auftreten. Nach mehreren Anläufen darf er 1983 bei einer FDJ-Veranstaltung unter dem Motto „Für den Frieden der Welt“ im Palast der Republik singen. Der 21-minütige legendäre Auftritt ist in der Ausstellung komplett im Video zu erleben, flankiert vom ärmellosen T-Shirt mit Tigerfell-Applikation, das er dabei trug, und „hirnamputierten“ (Udo) Stasiprotokollen zu dem Auftritt. Der Protokollierte hat sie vergrößert und bekritzelt. Geschichtsübermalung mit Humor.

Udo verbog sich nicht. Seine live im Fernsehen übertragenen Forderungen nach Abrüstung in West wie Ost führten zur Absage seiner für 1984 geplanten Tournee durch die DDR. Erst 1990 geht dieser Traum in Erfüllung – mit einem unvergessenen Konzert in der Messehalle in Leipzig. Udo und der Osten: Der Besucher kann den unterschiedlichen Etappen dieser sehr persönlichen Beziehung in Dokumentationskorridoren begegnen – mit Fotografien, Albumcovern, Auftrittsplakaten und Liedzitaten.

 
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