Es war das erste der beiden letzten Tour-Konzerte, und der Jubel in der Leipziger Red-Bull-Arena war riesig: Udo Lindenberg und Gäste sorgten am Samstag vor 45 000 Fans für eine mitreißende Show.
Leipzig. Die Zeiten sind stürmisch. Der Rockliner geht durch schwere See, sinkt in gurgelnde Tiefe, wird in die Höhe gedrückt. Bedrohliche Bilder, die über die riesigen Leinwände toben. Da muss es einen geben, der kühlen Kopf bewahrt. Einen, der den Hut auf hat. Zum orchestral aufgepumpten Godfather Waltz aus „Der Pate“ schwebt Udo Lindenberg aus dem Himmel in einer Metallgondel heran, entert das Schiff und bringt es mit dem Stück „Odyssee“ auf Kurs. Für jeweils beinahe drei Stunden hat der 70-jährige Panikrocker am Samstagabend in der ausverkauften Leipziger Red-Bull-Arena das Kommando übernommen, die Lage der Nation analysiert und klare Anweisungen gegeben – in einem fulminanten Auftritt vor 45 000 Zuschauern, aufgezeichnet für eine DVD, am Sonntag folgt die zweite Show. Eine Show, für die der Begriff „Konzert“ deutlich zu kurz greift.
Udo Lindenberg; der Name steht für ein Phänomen, das es nach ihm nicht mehr geben wird. Dieser schnoddrige Westfale, der einst auszog, das Musizieren und Saufen zu lernen, vereint das scheinbar Unvereinbare. Im Publikum versammelt er Malocher ebenso wie Manager, ist Gastgeber bombastischer, ausufernder Parties ebenso wie politischer Kundgebungen. Ein näselnder Spinner, der wieder ernst genommen wird, nachdem man ihn in den 90ern abgehakt hatte. „Nimm dir das Leben – und lass es nicht mehr los“, eine Songzeile des eigenen Oeuvres, das seine persönliche Wende beschreibt.
Seine Physiognomie scheint sich mit dem Alter dezent zu verselbstständigen, und wie er gummiartig durch die Bunte Republik Deutschland schlenkert, hat viel Komik – belächelt aber wird Lindenberg, auf ewig mit seiner Kunstfigur verschmolzen, nicht mehr. Er ist zurück mit einer Kraft und Energie, die ihm keiner mehr zugetraut hat. Und wenn er sich positioniert, macht er das nicht aus Kalkül, sondern aus echtem Unwillen darüber, dass es immer weniger gibt, die Haltung zeigen – im Bundestag, im Alltag.
Eine Menge Bedeutung steckt in seinen Leipziger Besuchen. Es ist die Stadt, die den Mauerfall beschleunigt hat. Die er seit seinem ersten und berührenden Konzert kurz nach dem Ende der DDR liebt, das diese Nacht feiert. Die Stadt, in der er diese irre „Stärker als die Zeit“-Tournee in ein fulminantes Finale führt. Die Stadt in einem Bundesland, das wie kein anderes wegen Fremdenfeindlichkeit mit einem Negativ-Image zu tun hat. Aber jetzt ist ja Udo da, um klarzutexten über alles, was mit arg rechten Dingen zugeht. Da wird gegen Rassismus gewettert, Hilfe für Flüchtlinge eingefordert und ein „weltoffenes, solidarisches Deutschland“. Ein gewisser Erdo-Wahn wird als Versuchssultan abgekanzelt, der sein Land ins Mittelalter zurückregieren will.
Diese Statements spricht der Sänger vom Ende des ins Publikum ragenden Mittelstegs, einer eckigen Zunge, die viel Platz zum Toben lässt. Hier federt Udo als Schmidtchen Schleicher mit Handkanten-Gang, umringt von blendend schönen Tänzerinnen, Tänzern, Sängerinnen und Sängern. Überhaupt ist die Bühne eine exorbitante Spielwiese für Performance und Maskenball, ein Landeplatz fürs – zum entsprechenden Titel an der Seite von Clueso – übergroße, rot leuchtende Cello, in dem sich eine Akrobatin anmutig räkelt. Zu „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ sehnsüchtelt die E-Gitarre, ein sanfter Trost singt sich „Durch die schweren Zeiten“, und der „Rock’n’Roller“ drückt aufs Tempo, angetrieben von seiner fabelhaften Band um Bassgitarrist Steffi Stephan.
Und Udo bezieht erneut Stellung: „Dieser Gauleiter hat die Maske der AfD so weit runtergezogen, dass die hässliche Fratze des Rassismus voll zu erkennen war“. Er erinnert an das Hier und Jetzt, an Verantwortung der Mächtigen: Das Stück „Wozu sind Kriege da?“, mit einem Mädchen von den Panikkindern, ist 35 Jahre alt und fragt eindringlich wie nie. Gänsehaut. Udo, der biegsame Unbeugsame, wettert über das Waffengedonner, das aufgeführt wird wie ein Theaterstück – „und den Schampus säuft die Waffenindustrie“. Nachgelegt wird kurz darauf mit „Sie brauchen keinen Führer“. Zu den vielen prominenten Gästen gehören bei diesem Udo-Finale Stefanie Heinzmann, Helge Schneider am Saxofon, Trompeter Till Brönner, besagter Clueso, Daniel Wirtz oder Axel Prahl, Otto Waalkes covert sensationell AC/DC ostfriesisch („Auf dem Heimweg ist’s hell“) – keine Frage, Axl Rose kann einpacken.
Ein wahnwitziges Spektakel, aufgedonnert mit aufwendigem Licht und Show-Effekten. Dieser romantisch-rustikale Kindskopf liefert einen Rausch aus Kulisse und Kostüm, eine Gala und Rockrevue, ein Musical, ein Varietéstück, das gefangen nimmt und nur manchmal übertourt, wenn zu „Der Greis ist heiß“ Beteiligte in knittrigen Opamasken herumkaspern. Hinter allem flackern gigantische LED-Leinwände voller Animationen, Grafiken, Zeichnungen, Videos und mehr. Am Sonntag vor dem Konzert ermöglichen diese Flächen das stimmungsvolle Public Viewing zum Achtelfinale der Fußball-Europameisterschaft, mit all dem vieltausendfachen Raunen, Fiebern, Jubeln und Johlen, wie es in ein Stadion gehört. Einige Zeit später wird Udo in „Bodo Ballermann“ eine weniger filigrane Spieltaktik vorstellen.
Hat der Zigarrendampfer schon zu „Candy Jane“ eine Runde über den Köpfen der Fans gedreht, klettert Lindenberg zu „Woddy Woddy Wodka“ letztmalig in den Korb, um sich küssend und schwebend zu verabschieden. Zurück lässt er eine Menge Qualm vom Feuerwerk, Bengalo-Hitze – und ein Vermächtnis. Es ist ein Resümee, so beschwingt wie nachdenklich und melancholisch. Dazwischen besorgen tausende Handys das Licht zur „Sternenreise“. Unfassbar, dieser Kerl. Der 70-Jährige, der in die Gondel stieg und verschwand. Er muss wiederkommen und der Republik auf die Finger hauen. Einer muss den Job ja machen. Und wenn einer stärker als die Zeit ist, dann dieser Lindenberg.
PS: Am Sonntag ist die Show erneut zu sehen, inklusive Public Viewing des EM-Spiels Deutschland gegen Slowakei, ab 18 Uhr in der Red-Bull-Arena. Karten gibt’s noch an der Abendkasse.
Text: Mark Daniel
Foto: Tine Acke