14. Oktober 2008 Als wäre er nie weggewesen

Quelle
Stuttgarter Nachrichten, 14.10.2008

Udo Lindenberg hat in der Stuttgarter Porsche Arena 6000 Zuschauer begeistert.

Stuttgart - Ein Knall, eine Flammensäule, Nebel - und von der Hallendecke schwebt ein Astronaut. Dem Raumanzug entsteigt im schwarzen Zwirn mit Hut und Sonnenbrille der Wortspieler, der gezeigt hat, wie mächtig deutschsprachige Rockmusik sein kann. "Ganz schön geil hier bei euch im Ländle", sagt der erklärte Hermann-Hesse- und Calw-Fan Lindenberg, "ein enormes Temperament!"

Er lässt die fast 40 Jahre seiner Karriere Revue passieren und zeigt auf der Bühne all die Rollen, die er schon gespielt hat. Da ist der "Rock'n'Roller", der das Mikrofon am Kabel kreisen lässt und in "Honky Tonky Show" an elterliche Sorgen von früher erinnert, da ist der Entertainer, der mit "Andreadoria" jeden Ballroom zum Swingen bringen könnte, da ist die nasal trällernde "Nachtigall" (Selbsteinschätzung), die der Frau am "Cello" nachhängt, da ist der Balladeur, der sich selbst belügt in "Ich lieb dich überhaupt nicht mehr", da ist der Sich-Einmischer, der in "Straßenfieber" jugendlichen Ohnmachtsgefühlen eine Stimme gegeben hat, und da ist natürlich der gesamtdeutsche Udo, der an sein "Mädchen aus Ostberlin" erinnert und den "Sonderzug nach Pankow" nochmal scattend aufs Gleis setzt.

Das alles funktioniert hervorragend, weil Lindenberg sein Panikorchester reaktiviert hat, eine der wenigen wirklich großen deutschen Rockbands. Eingerahmt von den Klängen alter Weggefährten wie den Gitarristen Hannes Bauer und Carola (früher Thomas) Kretschmer, Keyboarder Jean-Jacques Kravetz, Bassist Steffi Stephan und Drummer Bertram Engel klingt Lindenberg, als wäre er nie weggewesen. Und weil er zudem ein neues Nummer-eins Album im Rücken hat, wirkt er nie wie ein Fossil. Der Titel "Stark wie zwei" hat sich als sich selbst erfüllende Selbstbeschwörung erwiesen - das Publikum bildet nicht nur bei Klassikern wie "Horizont" einen gigantischen Chor, sondern singt auch aktuelle Stücke wie "Mein Ding" textsicher mit - zur Freude des Meisters.

Die Jahre, in denen Lindenberg vor allem durch Geschichten vom "Trallafitti-Tresen" (eine seiner Wortschöpfungen) aufgefallen ist, verdrängt er nicht: "Ich stand schon oft auf dem Löffel und bin wieder runtergehupft." Mit Schnaps habe er seine Stimme geformt, bekennt er. Und wenn er allein zum Piano auf einem in die Halle ragenden Steg die Trinkerballade "Unterm Säufermond" anstimmt, dann scheint es ein wenig so, als blicke er in einen Spiegel der Vergangenheit. In solch puren Momenten, in denen die Band zurücktritt, kommt Udo den Menschen am nächsten.

Meistens aber ist die Show laut und bunt und groß, und nach zweieinhalb Stunden sind die 6000 in der Porsche-Arena restlos bedient. "Der kleine Udo", topfit, badet im Applaus, die Stuttgarter huldigen dem rastlosen Desperado, der mit in seiner Alltagslyrik so vielen aus der Seele spricht und deutschen Musikern ihre Sprache wiedergeschenkt hat. Lindenberg wollte die Herzen der Menschen noch einmal erobern, und es ist ihm gelungen. "Alte Männer sind gefährlich", hat er festgestellt. Er weiß, wovon er da singt.

Text: Bernd Haasis
Foto: Tine Acke