Mauerfall, Wiedervereinigung, ein Stück deutsche Zeitgeschichte. Und mittendrin eine Ost-West-Liebesgeschichte. Ein Stoff, der keinen kalt lässt. Zumal er autobiografische Züge des legendären Rockrebellen Udo Lindenberg trägt
Udo, der Mann mit Schlapphut und XXL-Sonnenbrille, ist ein bisschen wie Mercedes oder VW: eine Marke, die für Deutschland steht. Jeder kennt ihn, doch er polarisiert. Entweder, man ist von ihm fasziniert oder man kann mit ihm nichts anfangen. Bis zu dem Moment, in dem man sich mit seiner Vita, seinem Denken, seinen Werken beschäftigst. Spätestens dann ist man schockverliebt und entdeckt einen Ausnahmekünstler mit Tiefgang, der, wie er selber sagt, sich bei Hermann Hesse am »zuhausesten« fühlt, weil seine Seele dort aufgehoben ist. Und man entdeckt den Deutschrocker und Sprachschöpfer als Person der Zeitgeschichte, der schon immer Stellung bezogen und Grenzen überschritten hat - leidenschaftlich und voller Idealismus.
So wie er auch für das Bühnenwerk »Hinterm Horizont« brennt. Ein Werk, das sein Leben in Teilen streift und vom dem er seit Jahren überzeugt war:
»Unsere deutsche Story, die muss auf die Bühne. Die wird viele Menschen erinnern, weil es die Biografie ist von ganz vielen«. So wie die Geschichte einer ganz großen Liebe. Der Liebe zwischen Udo und dem Mädchen aus Ost-Berlin. Da ist das Mädchen Jessy, das dem Rockrebell aus dem Westen am 13. August 1983 beim Friedenskonzert im Palast der Republik den Kopf verdreht. Die Solistin des FDJ-Chors war ihm gleich aufgefallen: Wie sie dastand, im Blauhemd, und im strahlenden Licht und mit heller Stimme die Friedensode sang. Als dann ausgerechnet sie ihm nach seinem Auftritt den Blumenstrauß überreicht, ist es blitzartig um Udo geschehen: »Aus welcher Galaxie kommst’n du, geheimnisvolle Schöne?« Und damit beginnt eine schicksalhafte Liebe über Mauer und Stacheldraht hinweg, die Udo zwar aus den Augen, nie aber aus dem Herzen verliert und die ihren Höhepunkt 20 Jahre nach der Wiedervereinigung im Jahr 2010 findet.
Das Buch zu dieser Lovestory schrieb Thomas Brussig (Autor von »Sonnnenallee« und »Helden wie wir«), der im Sommer 1983 durch die Spree schwamm, um überhaupt an den abgeriegelten Palast der Republik zu Udos Auftritt zu gelangen. Die Regie des Musicals führt Theatermacher Ulrich Waller, seit zehn Jahren Udos Weggefährte. Der wollte Udos Geschichte schon lange auf die Bühne bringen. Zusammen mit Stage Entertainment, einem Partner mit jahrzehntelanger Erfahrung im Live-Entertainment, hat sich ein Dream-Team gefunden. Ganz nach Udos Gusto. Genau wie die Protagonisten, die wie ein maßgeschneiderter Handschuh passen. Allein jemanden zu finden, der Udo verkörpern kann, war die größte aller Herausforderungen. »So viele Darsteller für eine Rolle habe ich mir noch nie angeschaut«, so Waller. »Er muss Udo glaubwürdig darstellen können, Paniktanz im Schleudergang inklusive, und darf auf keinen Fall hinter ihm verschwinden. Es geht ja nicht um eine Doppelgänger-Show.« Gefunden wurde ausgerechnet einer, der sich null Chance ausrechnete und nicht im Ansatz so aussieht wie Udo. Der sich dazu nicht vorstellen konnte, in einem Stück deutscher Zeitgeschichte eine so gewichtige Rolle zu spielen: Serkan Kaya, ein in Leverkusen geborener Türke. Er wurde schon als 15-Jähriger mit dem Bühnenbazillus infiziert. Eine Begegnung mit Schauspieler Ulrich Tukur und Regisseur Waller anlässlich einer Veranstaltung in seiner Heimatstadt war Auslöser dafür, dass Kaya sich mit einem Waller-Monolog an der renommierten Folkwang-Hochschule in Essen bewarb, angenommen wurde, Schauspiel und Musical studierte. Seither wurde der vielseitige Darsteller für große Rollen besetzt, u.a. beim Shakespeare-Festival in Neuss oder in Goldonis »Der Türke von Venedig«. Jetzt also für den Udo im deutsch-deutschen Musical »Hinterm Horizont«. Sein Fazit zur Ostalgie: »Als Sohn türkischer Gastarbeiter bin ich ein Kind des Westens, habe eher von der Westalgie geschwärmt. Die Tragweite, dass zwei Völker zusammengewachsen sind, die zusammengehören, war mir erst viel später klar.«
Ganz anders die 24-Jährige Josephin Busch, die die Rolle der Jessy spielt. Sie ist eine waschechte Berliner Göre, geboren und aufgewachsen in Pankow. »Ick bin das Mädchen aus Ost-Berlin!« Sie war zwar erst drei, als die Mauer fiel. »Aber Kindergärten, Jugendgruppen, Ferienlager, Grundschulzeit - das war schon alles noch Ost.« Schon während der Schulzeit spielte sie in einem Berliner Jugendtheater, war Sängerin in diversen Rockbands und begann 2007 ihr
Musicalstudium an der Universität der Künste. Ab 2009 absolvierte sie an der Fritz-Kirchhoff-Schule eine Schauspielausbildung. Mit der Rolle der Jessy identifiziert sie sich total. Und über Lindenberg sagt sie: »Wenn man Udo im Fernsehen sieht, denkt man, das ist echt 'ne Ikone. Eine Kunstfigur. Aber wenn man ihn trifft, dann ist er so echt, so direkt, von einer Ehrlichkeit, die berührt. Ein ganz sensibler Mensch, den man erkennt, wenn man ihn persönlich trifft.«