23. August 2013 DDR-Geschichte: Villa Deutschland

Quelle
DIE ZEIT, 22.08.2013

Wie Udo Lindenberg neulich das Museum von Mathias Döpfner besuchte.

Mit einer halb gerauchten Zigarre im Mund latscht Udo Lindenberg durchs Wohnzimmer. Er lässt sich auf das Plüschsofa fallen und greift beherzt in eine Holzschale mit Erdnussflips. Sein Hut wackelt auf der Stirn, die Sonnenbrille sitzt fest. Mathias Döpfner, der Hauseigentümer, steht daneben und lacht. Er kennt "Udo" schon seit 1983, da hat er ihn für ein Buch über die Neue Deutsche Welle interviewt.

Jetzt, 30 Jahre später, zieht Lindenberg bei Döpfner ein. Rein virtuell, versteht sich, denn als Chef des Axel-Springer-Konzerns trennt sich Döpfner gerade von vielem Analogen, jedenfalls von dem, was früher einen Verlag so ausmachte: Zeitungen, Zeitschriften. Wie gut also, dass Udo, wie ihn hier alle ungefragt nennen, bereits digital zu sehen ist, als Hauptfigur des Dokumentarfilms Die Akte Lindenberg – Udo und die DDR.
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Einer der Autoren des Films ist Reinhold Beckmann. Der Moderator war 1983 als Tonassistent eines ARD-Teams live bei Lindenbergs einzigem Auftritt in der DDR dabei. Von diesem Donnerstag an ist Die Akte Lindenberg nun auch in der Villa Schöningen zu sehen. Das Haus ist eine Art Privatmuseum Döpfners. Vor Jahren erwarben er und ein Investmentbanker das vor sich hin gammelnde Gebäude, das direkt an der Glienicker Brücke auf Potsdamer Seite steht, und bauten es als Museums- und Veranstaltungsort aus; zur Eröffnung kam die Bundeskanzlerin.

Ein Nachmittagstermin also im August 2013 – mit Döpfner, Beckmann, Udo. Das alles hier, sein Museum, habe nichts mit Springer zu tun, sagt Döpfner. Er mache das rein privat. Sein Zuhause am Heiligen See liegt in Laufweite. Draußen stünden Kollegen von Bild, ruft eine Assistentin. Ob sie schon reinkommen könnten? "Na, aber nicht, dass Bild bevorzugt wird", mahnt der Springer-Chef. Im Obergeschoss gibt es zeitgenössische Kunst zu sehen, im Erdgeschoss die Geschichte des Hauses, und diese will Döpfner seinen prominenten Gästen jetzt zeigen.

An diesem Ort konzentriert sich die jüngere deutsche Historie. Erbaut wurde die Villa für einen preußischen Hofmarschall, erworben von einem jüdischen Bankier, enteignet von den Nazis, erobert von den Sowjets, die hier ein Lazarett einrichteten. Dann zog der FDGB und später ein Kinderheim ein. Als die Mauer gebaut wurde, lag es mitten im Todesstreifen. Die Grenzsoldaten wurden Paten des Heims, und vis-à-vis, auf der Glienicker Brücke, tauschten Ost und West Agenten aus. Alltag im Kalten Krieg.

Nach dem Mauerfall habe ein West-Unternehmer die Villa abreißen und auf dem Grundstück Stadthäuser bauen wollen. So weit ist es nicht gekommen. Jetzt hängen an den Wänden "Achtung! Staatsgrenze"-Schilder, eine "Stalinrasen" genannte Nagelmatte zur Fluchtverhinderung und eine Richtlinie zur Kindererziehung von Margot Honecker. In einer Vitrine liegen Passierschein, Stempel, Grenzer-Pistole.

Sie zielt direkt auf Udo Lindenberg, der, das Sakko lässig geschultert, an der Vitrine lümmelt. Er ist der Einzige hier mit Krawatte, aber selbst mit Hut nur halb so groß wie Döpfner neben ihm. "Gitarren statt Knarren", hat er mal gefordert und jahrelang gegen die Mauer angesungen.

Die Grenze wird einen Raum weiter plötzlich wieder allgegenwärtig. Hier hat der Künstler Stefan Roloff das "Leben im Todesstreifen" wörtlich genommen und ein Ost-West-Wohnzimmer der sechziger Jahre eingerichtet – mit bunter Tapete, Plüsch und Erdnussflips. Wer in all dieser Gemütlichkeit rausschaut, sieht Mauer, Stacheldraht und Grenzer. Die hat Roloff 1984 von Aussichtsplattformen im Westen aus gefilmt, jetzt sind die Aufnahmen in seiner Installation hinter fiktiven Fenstern erstmals zu sehen. "Irre", sagt Udo Lindenberg und nimmt noch ein paar Flips. Udos Anwesenheit überlagert Roloffs Werk.

Wo sind heute Lederjacke und Schalmei?, wollen jetzt die Journalisten wissen. Lindenberg schenkte Erich Honecker einst eine Lederjacke. Der DDR-Chef revanchierte sich, für seine Verhältnisse ungewöhnlich locker, mit einer Schalmei und den Zeilen: "Lieber Udo Lindenberg! Mit der Übersendung der Lederjacke haben Sie mir eine Überraschung bereitet, für die ich Ihnen danke. Natürlich ist das Äußere Geschmackssache, aber was die Jacke selbst betrifft: sie passt."

Jahrelang hatte Lindenberg vergeblich versucht, in der DDR aufzutreten. Doch am 25. Oktober 1983 klappte es. Beim Festival des politischen Liedes durfte er im Palast der Republik vier Lieder singen – freilich nicht Sonderzug nach Pankow, erinnert sich Beckmann.

An der Wand hinter Beckmann und Lindenberg läuft jetzt der Film, der 2011 aus dem Material von damals und aus Infos aus Stasiakten entstand. Gejohle, als beide damals im Auto zu sehen sind – der Moderator mit langen Haaren, der Altrocker noch ohne Hut und Sonnenbrille. "Da hatten wir beide noch Matte", sagt Beckmann. Und: "Es war unglaublich. Du gehst ins Stasiarchiv und entdeckst Fotos von dir." Es gebe Bilder von ihm und dem Team von allen Seiten, jeder Schritt sei minutiös dokumentiert.

"Ich bin den Kontrollettis ja damals entwischt", sagt Lindenberg und schlängelt mit den Armen. Mit der Ausrede, mal zu müssen, sei er "den Steiftieren im Blauhemd" im Saal davongeeilt und habe vor dem Palast seinen Fans zugerufen: "Keine Panik, alles klar, hier ist der Tourneevertrag." Riesenjubel. Dann schritt die Stasi ein, verhaftete 44 Jugendliche, nahm Beckmanns Team die Kamera weg.

Auf dem Bildschirm taucht jetzt Egon Krenz auf, damals FDJ-Chef. "Udo, dein Freund", sagt Beckmann. "Egon!", ruft Udo, und beginnt einen – vermutlich fiktiven – Dialog: "Ich traf ihn neulich aufm Flughafen. Ich sag: Wohnst du eigentlich immer noch im Knast? Nee, sagt der, ich bin jetzt Plattenboss im Plattenbau." Gelächter. "Egon, ne", sagt Lindenberg und singt: "Egon. Ach, Egon, Egon, Eegon, Eeeegon ..."

Zur DDR-Tournee ist es nie gekommen, trotz Vertrag, Lederjacke und Schalmei. Warum, weiß keiner. Die Jacke ist heute in Rostock im Museum, die Schalmei bei Lindenberg daheim. Gegen die Mauer sang der Panik-Rocker bis zu ihrem Ende an. "Weißt du", sagt er, "Rock-’n’-Roll-Arena in Jena, die Russen aufm Ku’damm, nedadadedede. Ich bin da stets drangeblieben."

Aus dem Nichts taucht eine Amiga-Platte auf, die einzige, die von Lindenberg in der DDR erschien. Der Künstler soll signieren. "Ey, hast du ma’ ’ne Zigarre", ruft er seinem Assistenten zu. Dann malt er eine dicke Nase, einen Hut und einen Hals mit Fliege auf das Cover und schreibt darunter: Udo. Der Assistent bringt die Zigarre, bereits fertig angezündet.

Und heute? Sind wir ein Volk? "Noch nicht so richtig, ne", sagt Lindenberg und bläst Rauchwölkchen in die Luft. Er werde weiter dafür singen. Beckmann sagt, den Tag mit Udo in der DDR werde er nie vergessen. Der Rest finde sich. Und Döpfner bittet jetzt zu gehen.

Am Abend gibt Udo Lindenberg ein Privatkonzert. Es kommt der neue Potsdamer Adel. Nadja Uhl, die Jauchs, Thomas Gottschalk, die Chefs von Nationalgalerie und Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Tor der Villa schließt sich. Dann ist Mädchen aus Ost-Berlin zu hören, es wird hinter der hohen Mauer gespielt.

Text: Stefan Locke
Foto: Bernd Settnik/dpa