15. Oktober 2008 Der Astronaut hebt wieder ab : Udo Lindenberg in der Porsche-Arena

Quelle
HZ-online

Udo Lindenberg hat mit seinem Album "Stark wie Zwei" das Comeback des Jahres gelandet. Jetzt erlebten ihn 6000 begeisterte Fans in Stuttgart.

Eine Sound-Rakete hatte Udo Lindenberg mit seinem Überraschungsalbum "Stark wie Zwei" ja bereits im Frühjahr abgeschossen. Nun schwebte der 62-jährige Nuschelkünstler auf der Tour zur aktuellen Scheibe und zu Beginn einer zweieinhalbstündigen Show im Astronautenanzug zu den Klängen von "Woddy Woddy Wodka" vom Bühnenhimmel herab. Kein Absturz, sondern eine weiche Landung in den Armen eines altersmäßig bunt gemischten Publikums, das den Helden des deutschen Rock und Pop auch in der Stuttgarter Porsche-Arena abfeierte. Schließlich ist Lindenberg ein Deutschrock-Urgestein in Meteoritengröße. Einer, der die Musiklandschaft hierzulande geprägt hat, wie kaum ein anderer. Und der ließ gleich die "Boogie Woogie Mädchen" tanzen und das "Cello" klingen, um zu zeigen, dass er bei den "Zuffenhausener Zauberern" auch einen auf gepflegte Nostalgie machen wollte. Zusammen mit dem Panikorchester, "der ältesten Boyband der Welt". Und sie rockten nicht nur, als sei die Zeit stehen geblieben, sondern geradezu revitalisiert. Ganz am Anfang klang das zwar noch so, als habe der Hut- und Likörkünstler im Orbit seine Reststimme eingebüßt, doch getragen von außerirdisch grünen Socken und beflügelt von Energiedrinks statt von Hochprozentigem, wurde der Meister des gepflegten Sprechgesangs warm und wärmer. Geradezu heiß.

Selbst der zunächst mampfig-pampfige Sound klarte auf, nachdem sich Carola Kretschmer gitarrensolistisch wie die Tigerin von Eschnapur grell-kratzend in den "Seemann" verbissen hatte. Gemessen am Ball Pompös, der in den vergangenen Jahren bei Lindenbergs Kirmes-Rock-Revues bisweilen abgezappelt wurde, gings bei dieser Show geradezu spartanisch zu. Ein paar Leibesübungen, LED-Filme im Hintergrund und am Ende Eierlikör fürs Volk. Mehr sollte, mehr musste nicht sein. Musik war Trumpf, und diese erfasste die Fanschar wie eine Welle. Balladen und Rock n Roll-Nummern im perfekt gespannten Bogen aneinandergereiht. Da konnte man sogar den textkulturell nicht ganz so interessanten Einstand der Berliner Band "Angelas Park" locker wegstecken. Die hatten sich den Panik-Preis und den Auftritt in der Hermann-Hesse-Stadt Calw erspielt. Und zu Hesse verspürt Lindenberg ebenso eine Wahlverwandtschaft wie zu Marcel Reich-Ranicki. Der Mann habe endlich mal Klartext geredet. Auch in der Popmusik gäbe es viel zu viel Texte-Tralala. Sprachs und legte sich selbst wieder ins Reimzeug, dabei immer authentisch auf dem Grenzweg zwischen alkoholbedingtem Delirium und großer Emotion. Starke Momente, brüchige Stimme, das richtige Maß an Theatralik. Und dann legte er erst so richtig los. Im Duett mit seinen Backgrounddamen, acht Songs in den Zugaben. Zeitgeschichte mit "Mädchen aus Ostberlin" und dem "Sonderzug nach Pankow". Alles bebte, alles lebte. Doch mit "Der Astronaut muss weiter" setzte er, am Flügel und vom Keyboard begleitet, noch den melancholisch-anrührenden Schlusspunkt in bester Randy-Newman-Manier. Wahrscheinlich der beste Udo, den es je gab.

Text: Udo Eberl
Fotos: Tine Acke