Eine Kunstfigur war der "Panikrocker" schon immer - jetzt wird er zum Helden eines Musicals: "hinterm Horizont" erzählt mit seinen Liedern eine dramatische Liebesgeschichte zwischen Ost und West
E-Mail von Udo:
"Schleuderfix ist unnerwegs", schreibt er. Ob man sich denne sponti flexibel treffen könne, in Hamburg im Hotel, auf Zuruf. Na sicher doch.
Schleuderfix hatte ja auch wirklich viel zu tun in den vergangenen Wochen. Bambi- Verleihung in Potsdam: Udo bekommt ein Reh fürs Lebenswerk.
Jacob-Grimm-Preis für deutsche Sprache in Kassel: Laudator Matthias Matussek lobt Lindenbergs subversives "Easy-Deutsch" und vergleicht ihn mit Heinrich Heine.
Konzert zur deutschen Wiedervereinigung in Neuhardenberg:
Christian Wulff tritt auf die Bühne, sagt, Lindenbergs Texte hätten "uns unverkrampfter gemacht".
Uns? Das sind dann wohl wir, die Deutschen. Schon bei seiner Antrittsrede im Juli hatte Wulff Lindenbergs Spruch von der "Bunten Republik Deutschland" übernommen. Der Bundespräsident zitiert den Panikpräsidenten - Udo Lindenberg ist Nationalkultur geworden. Ein Teil der deutschen Dichter und Denkmäler.
Das Bundesverdienstkreuz hat er schon.
"Hmhm", macht Udo Lindenberg, der Hut wackelt, die Zigarre schmaucht, das prima Teechen dampft auf dem Tresen. Manchmal müsse die Nachtigall sich tatsächlich in den Arm kneifen, mal fühlen, ob da noch Fleisch ist oder schon Marmor, staatstragend und so, verstehste. Und dem Christian, dem habe er gleich gesagt, er könnte doch einen kleinen Gichtanfall bekommen, dann müsste er die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke nicht unterzeichnen, hmhm. "Viele lauschen der Stimme der Nachtigall", sagt Udo Lindenberg. "Das ist ein Privileg, und das soll man dann ja auch nutzen, nech, ja?" Die Nachtigall, der Detektiv, der Astronaut oder Indianer - Udo Lindenberg hat sich schon immer in Figuren geträumt, aus deren Perspektive das Leben ein bisschen schräger aussieht als normal.
Für die der Alltag egal ist und die Welt groß. Wer Popstar werden wolle, hat er mal geschrieben, als er schon einer war, der müsse sich irgendwann selber an die Hand nehmen und auf die Bühne stellen. Und genau so hat er es auch gemacht: Nuschellyrik, hautenge Hosen, fliegende Haare und torkelnde Tanzschritte waren die charakteristischen Merkmale, mit denen sich der ehemalige Jazzschlagzeuger in den Sänger Udo Lindenberg verwandelte.
Seit fast 40 Jahren steht er auf der Bühne - rund 30 davon mit Hut.
1974, nach dem Erfolg von "Alles klar auf der Andrea Doria" und "Ball Pompös", feiern ihn die Zeitungen als "größten Rock-Barden in deutscher Sprache". Eine Schallplatte kostet damals 22 DMark, Lindenberg verkauft Hunderttausende davon. Und natürlich ist er der Größte - es gibt keinen anderen. Rock mit deutschen Texten, das geht nicht, heißt es.
Ein Manager hätte ihm das sicher ausgeredet. Aber den hat er nicht. "Das Seltsamste an mir ist Udo Lindenberg", sagt er damals in einem Interview. "Das auch sich selbst immer wieder unbekannte Wesen", sagt er heute, "ja, das hat sich nicht geändert." Im Theater am Potsdamer Platz in Berlin wird diesem Wesen gerade eine Bühne gebaut. Von Stahlseilen gezogen, schwebt ein Hut in die Höhe, drei Tonnen schwer, neun Meter im Durchmesser, mit Auslegeware bezogen.
Auch oben, bei der Maske im vierten Stock: überall Hüte.
Schwarz für den Star-Udo, braun für den Mensch-Udo, unter den Hutkrempen wachsen dunkelbraune Kunsthaare, etwa zehn Zentimeter lang. " Hinterm Horizont - Das Musical mit den Hits von Udo Lindenberg" hat am 13. Januar Premiere.
Der Mann, der sich dann den Udo-Hut aufsetzt, heißt Serkan Kaya, ist 33 Jahre alt und wird die Nachtigall etwas weniger schlaksig geben als das Original. Im Sommer stand er noch als Hamlets Gegenspieler Laertes auf der Theaterbühne, jetzt singt er vom "Boogie Woogie Mädchen" und studiert den berühmten Lindenberg- Nasal. Dümpdödüdüm.
"Das Nuscheln? Kommt mir total entgegen", sagt er. "Nur die Stimme, die hat Udo sich jahrelang erarbeitet - und da war wohl auch reichlich Alkohol und Tabak im Spiel, munkelt man." Aber schließlich solle das Ganze ja keine Doppelgänger-Show sein. "In der Figur steckt viel Udo. Aber auch viel Serkan." Die weibliche Hauptrolle spielt Josephin Busch, 24 - es ist ihre erste große Produktion. "Ich war Sängerin in mehreren Rockbands, daher sind die Nähe und das Gefühl auf jeden Fall da", sagt sie.
Kein Musical-Geschmusi, keine lang gezogenen Gesangsunterrichtstöne und bloß keinen "Vibrator im Hals" - das waren Udo Lindenbergs Bedingungen für das Casting und die Umsetzung seiner Songs.
Erzählt wird natürlich nicht die Lebensgeschichte des Udo L. Das wäre ja auch zu langweilig bei einem, dessen Fantasie immer auf hoher See ist. Es geht um die große unmögliche Liebe, eingesperrt in der deutschen Geschichte, hinter Mauer und Stacheldraht: Udo, der Rocksänger aus dem Westen, und Jessy, das Mädchen aus Ost-Berlin.
"East-West-Side-Love-Story", nennt Udo Lindenberg das. "Man weiß bei Udo ja nie so genau, welche biografischen Details stimmen", sagt Regisseur Ulrich Waller vom St. Pauli Theater, der mit Lindenberg seit zwölf Jahren befreundet ist und das Musical gemeinsam mit der Stage Entertainment GmbH auf die Bühne bringt. In echt, das zumindest weiß man, gab es da die Liebesgeschichte mit Manuela. Und den Song, den Udo Lindenberg 1973 schrieb: "Stell dir vor, du kommst nach Ost-Berlin/und da triffst du ein ganz heißes Mädchen..." Die deutsche Teilung als Liebesgeschichte, ganz einfach und ganz traurig - "Manu" habe dann wohl irgendwann beschlossen, dass das ohnehin keine Zukunft habe, mit ihr und dem West-Rocker, sagt Udo Lindenberg. Aber auf Tournee gehen wollte er in der DDR auf jeden Fall - zu einer Zeit, in der das wegen des SED-Regimes bereits als anrüchig galt, in politisch links bewegten Kreisen.
Politisch ja, Protest-Nische nein, war Udo Lindenbergs Devise. "Ich will kein Dichter sein, der Blumen bringt, an das Grab der Vernunft, und da was Schlaues singt", heißt es 1981 in seinem Song "No Future". Niemals aussteigen, sondern immer voll rein:
"So richtig breitensportlermäßig die Nation auf den Kopf stellen, mit richtig geilem Rock`n`Roll und `n paar Jokes und so - das war unser Ding." Aber seine Lieder über den weiten Horizont, über ein Leben gegen die Strömung und gegen den Wind, über Cowboy-Rocker und Träume, die man nicht nur träumen, sondern auch erleben will, mochten im Westen zwar das Lebensgefühl der jugendlichen BRD ausdrücken.
Im Osten hatten sie eine ganz andere Bedeutung. Im Oktober 1983 darf er trotzdem rein. Für ein Konzert im Palast der Republik, im Rahmen einer Friedenskundgebung der Freien Deutschen Jugend, aus Protest gegen den Nato-Doppelbeschluss.
Der Auftritt des "Mick Jagger des deutschen Rock" sei ein großer Moment in der subtilen Annäherung der beiden Teile Deutschlands, schreibt damals die "New York Times". Die deutschdeutsche Presse sieht das, jede auf ihre Weise, ein wenig anders: In der BRD interpretiert man die verzückten Ost-Fans als Beweis für die Sehnsucht nach westlicher Kultur. Die DDR macht aus Lindenberg einen Verbündeten gegen den US-amerikanischen Aggressor.
Doch auf der Bühne fordert Lindenberg nicht nur den Abzug der Pershing-Raketen. Sondern auch den der sowjetischen SS-20. Das vorausschauende Ost-Fernsehen sendet die Übertragung zeitversetzt und bereinigt.
"Man hat mir Anbiederung an das SED-Regime vorgeworfen", sagt Udo Lindenberg. "Darum ging`s mir überhaupt nicht, das waren völlig fremde Menschen.
Aber Udo Jürgens und Peter Maffay durften in der DDR auftreten.
Nur der kleine Udo nicht. Dabei hatte der doch so viele Freunde da. Aber ging nicht. Nach der FDJS how hatte ich Lokalverbot." A m Tag des Konzerts kommt es zum Tumult, Ost-Berlin wird abgeriegelt, wer trotzdem näher ranwill, schwimmt durch die Spree - so wie der damals 19-jährige Thomas Brussig, heute Schriftsteller und Drehbuchautor des Musicals. "Udo mit Band im Palast der Republik. Das war, als ob die Außerirdischen bei uns gelandet wären", sagt er. Bei dem Versuch, hintenrum noch näher ans Konzert zu kommen, wird er von Volkspolizisten niedergeschlagen.
Thomas Brussig hat den Roman zum Film "Sonnenallee" geschrieben, und vieles von dem lakonisch-lässigen Humor findet sich im Musical wieder: die bizarre Bürokratie der Stasi- Beamten, die ihren eigenen DDRUdo casten wollen, einen Insassen aus der Nervenheilanstalt.
Die linientreuen Sportkader im Trainingsanzug. Aber auch die Angst. Die Enge. Die Verhaftungen und Verhöre.
Am Anfang sei das schon komisch gewesen, sagt Udo Lindenberg. "Musical - das war eigentlich nicht so mein Streifen. Und dann die Lieder der Nachtigall, die plötzlich von jemand anderem geträllert werden... Aber jetzt stehe ich in Flammen der Begeisterung." Seine zwei Meter dicke Stasiakte lagere in seinem Panik-City-Archiv, sagt er, während die dritte Zigarre schmaucht und das zweite Teechen dampft.
Dann erzählt er von Hermann Hesse, dessen Bücher den Menschen unter dem Hut und hinter der Sonnenbrille ein Leben lang begleitet haben, mit all seinen Brüchen und seiner Selbstverwirklichung.
Er habe bestimmt 700 Songs geschrieben, rechnet Udo Lindenberg nach. Und sein Alter? Vielleicht sei das gar kein Zahlendreher. Vielleicht sei er wirklich 64. Er persönlich glaube das jedoch meistens nicht.
Foto: eventpress/stage