26. Februar 2026 Der König von Scheißegalien

Quelle
Die Zeit, Peter Kümmel

Solange es ihn gibt, sind wir nicht verloren. Udo Lindenberg wurde in deutschen Trümmern geboren. Aus all dem Gespenstischen, das er vorfand, baute er sein eigenes, freies Land.

1946 erschien die erste Ausgabe DIE ZEIT. Wir feiern mit Menschen, Dingen und Ideen, die genauso alt sind wie wir – und die Welt bis heute bewegen. Unser größter Popstar ist ein unausgeschlafener Mann. Aus Prinzip. Noch abends um zehn wirkt er, als sei er gerade erst, viel zu früh, geweckt worden. Seine tiefste Botschaft ist aus seinen Gebärden zu lesen: Ich bin kriegsuntüchtig, weil ich es so will, ich komme in Frieden.

Udo Lindenberg wurde ein Jahr nach Kriegsende geboren, am 17. Mai 1946. Vor ihm waren die pünktlichen Mörder des Großdeutschen Reichs an der Macht gewesen. Udo hingegen wurde berühmt als Totalverweigerer, er ist der König eines ganz anderen deutschen Reichs: "Ich fühl mich umzingelt von der Menschenarmee – / trübe Rüben, wohin ich auch seh / und die wollen mir erzählen von Hamburg bis Laos / wo es langgeht in diesem Chaos / Und dann bin ich so frei und sag: Hören Sie mal, Mann / lecken Sie sich selber – an meinen Arsch kommen Sie nicht ran / Und nerven Sie mich nicht mit Ihren Lappalien / ich bin der König von Scheißegalien". Das ist er immer gewesen, aber nur, was Auftrittsgestus und Sprechweise betrifft. Das Rotzig-Coole dient dazu, die Verletzbarkeit zu überdecken, die dem Sänger zu schaffen macht. Im zitierten Lied, dem König von Scheißegalien, schildert er, wie es ihm geht, wenn die geliebte Frau sich von ihm trennt: "Dann fängst du zu kotzen an, und es geht dir so miese / Und du denkst, jetzt kommt die Endlife-Krise / und du holst dir’n Strick oder die Neunmillimeter / doch der Nervenarzt sagt, killen Sie sich später ..."

Wenn sich "Neunmillimeter" auf "Killen Sie sich später" reimt, kann es sich nur um ein Lied von Udo Lindenberg handeln. Sein Motto: Lebe auf eigene Kosten, und wenn du schon untergehen willst, dann zieh nicht Unschuldige mit runter.

Der Ton, in dem er all das sagt und singt, hat eine stoische Blasiertheit. Er quetscht die Verse durch die Nase, und zwar nicht nach außen, sondern nach

oben. So versetzt er weniger seine Stimmbänder als seine Stirnhöhle in Schwingung; das Entscheidende wird einwärts genuschelt. Lapidar, ein wenig quengelnd, manchmal klagend, als wäre ihm schwindlig, mit geschürzten Lippen und vorgeschobenem Unterkiefer: Udo ist ein Mann, den es immer aus der Lebenskurve zu tragen droht. Leben als Selbstversuch: Wie viel hält ein Körper aus? Er nennt sich einen "Wundertrinker" und "Feiervogel", in einem Liebeslied an seinen eigenen "Body" stellt er fest: "Andre hätten bei so ’nem Leben / längst den Löffel abgegeben". So spricht der König zu seinem Volk: Indem er sich selbst aus aussichtslosen Lagen rettet, gibt er uns Hoffnung. Solange er überlebt, sind wir nicht verloren. Als er 2022 zum Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg ernannt wurde, seiner Wahlheimat seit dem 13. Dezember 1968 (er kam als mittelloser Tramper), hieß es in seiner Dankesrede: "Der Trick ist, all das zu überleben." 

Die geschürzten Lippen, der ins Gesicht geschobene, auf der riesigen Sonnenbrille aufsitzende Hut, das Nadelstreifenjäckchen, die Krawatte, die Zigarre mit dem elegant abregnenden Aschekegel, die ganze, vermutlich markengeschützte Silhouette – wie konnte dieser Mann zur größten Poplegende des Landes werden? Indem er Leben und Werk so restlos wie möglich zur Deckung brachte. Später nannte man so etwas "Authentizität". Dazu gehört im Falle Lindenberg, dass er singt, wie er spricht: deutsch, nicht englisch. Der deutsche Schlager dient ihm aber nicht als Vorbild, sondern als paradoxaler Kompass: Alles, was die "Schlagerfuzzis" taten, ließ er bleiben. Und was der Schlager nie auszusprechen wagt, sagt er laut: "Fürs blöde

Vaterland nehm ich die Hand zur Hand / lege Hand an mich" – so heißt es in Ich bin beim Bund, einem Lied mit dem schönen Refrain "Onanie – stärkt das Hemd und schwächt das Knie". Im Song 98 Lustballons hingegen werden die Freuden der Zweisamkeit gefeiert, aber es ist auch eine gewisse Vorsicht zu spüren: "Hast du etwas Zeit für mich / ohne Gummi mach ich’s nicht". Über eine begehrte Frau heißt es an anderer Stelle: "Sie ist ’ne Geradeaus-Maus, kein Tussimodell / kein Schickimicki-Mode-Huhn"; hingerissen stellt er fest: "Alles, was sie anhat, ist ihr Radio".