27. Juni 2016 Der rockt das Ding. Aber hallo!

Quelle
Sächsische Zeitung, 27.06.2016

Mit seinen Leipziger Riesenshows feiert der 70-jährige Udo Lindenberg sich selbst, das Leben und Zehntausende Fans.

Udo zeigt, wie’s geht. So als müsste er die Liedzeile „Hinterm Horizont geht’s weiter“ flugs in die Tat umsetzen, entschwebt der Sänger in einem Raumanzug nach knapp drei Konzertstunden ins Dunkel über der Bühne. Auf den Großleinwänden flimmert ein Raketenstart, Bühnennebel schießt in Starkströmen nach oben, Riesenflammen heizen in die Höhe, und dann ballert noch ein kleines Feuerwerk los. Übrig bleibt das leuchtschriftliche Lebenskommando des Chefastronauten der deutschen Rockmusik: „Keine Panik!“

Der Wunsch nach einer Zugabe erübrigt sich. Wer so einen Abgang hinlegt wie Udo Lindenberg bei den zwei Leipziger Konzerten am Wochenende, der schlurft keinesfalls für drei läppische Songs zurück auf die Bühne. Der kommt ganz und gar wieder, um Zehntausende Fans erneut glücklich zu machen: beim nächsten Konzert, auf der nächsten Tour. Lindenberg zeigte in der Leipziger Red-Bull-Arena, dass er den Antrag auf Rockerrente noch lange nicht zu stellen braucht. Dass er Lust hat, auch weiter in die Vollen zu gehen.

Wetter mit erstaunlichen Effekten

Es läuft ja auch gerade richtig gut für ihn. Ende April kam sein 35. Studioalbum heraus, seitdem rangiert „Stärker als die Zeit“ in den Top Ten der Charts. Im Mai wurde Lindenberg siebzig, was mehrere Fernsehsender würdigten. Und dann die Tour, die nun mit dem Leipziger Doppelschlag zu Ende ging. Das erste Konzert am Sonnabend war mit 40 000 Gästen ausverkauft.

Lindenberg und Band haben nicht nur sie im Griff, sondern scheinbar auch das Wetter. Pünktlich zum ersten Lied endet der Regen, der Himmel überm Stadion bricht auf. Die Szene wurde später noch getoppt, als der Sänger die Körperhuldigung „Mein Body“ anstimmt. Während auf der Leinwand der Mond aufgeht, lässt die richtige Natur Blitze zucken. Spannung, ja, aber nichts passiert, nicht mal Spritzer.

Schnell schwitzt sich Lindenberg auf Hochtemperatur, unterm Hut wellt klitschnasses Haar raus auf den Nacken. Das nächtliche Joggen über Hamburgs Straßen bekommt ihm gut: Sehr schlank ist der Mann und elastisch in den Hüften, in seinen typischen Tänzelschritten beherrscht er die Bühne, schwingt das Mikro wie ein Lasso, geht auf die Knie, legt sich auf den Bauch, küsst den Boden – und etliche Frauen. Im Grunde macht Lindenberg in seinen Konzerten einen Altherrentraum wahr. Rote Lippen, wallendes Rosshaar, viele hautenge Hüllen: Es vergehen keine drei Lieder, ohne dass nicht eine oder mehrere deutlich jüngere Damen hereingeschlendert kommen oder über dem Publikum heranschweben. Der Meister ist begeistert und schickt die Hübschen mit Frontalknutschern von der Bühne. Beim sanft groovenden „Cello“ räkelt sich eine Frau in einem rot leuchtenden, Cello-förmigen Gestell, wobei nicht klar ist, ob sie was anhat oder der Glitter nur gemalt ist.

Die Nummer ist die erste, die Lindenberg mit einem Gast darbietet. Der Erfurter Sänger Clueso ist nur für dieses eine Lied nach Leipzig gekommen, das gehört bei Lindenberg zum Prinzip der Bühnenbesuche. Ob Reggaemusiker Gentlemen, Trompeter Till Brönner, Ulknudel Otto, Helge Schneider als Saxofonspieler oder Axel Prahl als Sänger: Alle sind selbst Promis, die auch allein Tausende begeistern könnten. An diesem Abend sind ihre Beiträge wie Blitzlichter, dazu da, eine ohnehin aufwendige Show weiter zu veredeln. Und das fetzt, wenn ein Schlager wie „Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n“ dank Schlagzeug, Brönners hitzigen Trompetenstößen und der röhrenden Stefanie Heinzmann zur Rocknummer hochgewumst wird.

Auch andere Kracher wie „Mein Ding“, „Honky Tonky Show“ und der berüchtigte „Sonderzug nach Pankow“ lassen jeder für sich keinen Zweifel zu, warum Lindenberg so aufdreht. Er fühlt sich sichtbar wohl in seiner als Panikfamilie titulierten Crew, die mit dem Personal hinter den Kulissen dreihundert Leute umfasst. „Wir haben die beste Band am Start“, sagt der Sänger über seine Musiker. Sie versprühten „Utopium im ganzen Land“. Hingegen sieht Lindenberg mit dem Brexit „die falsche Richtung“ eingeschlagen, er schimpft auf (Rüstungs-)Industrie, „Nazischweine“ und Erdogan, „der die schöne Türkei ins Mittelalter zurückregieren“ wolle. Show und Politik gehen bei ihm mühelos ineinander über.

Rock als Realitätsflucht

Alles in allem aber wirkt der Abend zu vollgestopft: die Show, die Frauen, andere Gäste, der Kinderchor, die aufblasbaren Bühnenfiguren, Vehikel wie Schiff, Heißluftballon, Rakete und Ufo. Es sieht es so aus, als wolle Lindenberg nicht nur seine Fans mitreißen, was ihm wunderbar gelingt. Sondern auch sich selber davonbeamen. Immer unterwegs, nie am Ziel. Hauptsache weg. Rock als Realitätsflucht.

Der Eindruck entsteht auch deshalb, weil Lindenberg seine melancholische Seite offenbart: unverstellt. Die breite Dauersonnenbrille nimmt er öfter ab und zeigt Augen, die etwas Trauriges, Suchendes, Verlorenes haben. „Durch die schweren Zeiten“ vom neuen Album oder „Nimm dir das Leben und lass es nicht mehr los“ sind Songs für diese Stimmung, die manche im Publikum mit geschlossenen Augen genießen. Beim Liebeslied „Sternenreise“ scheinen Hunderte Lichter von der Leinwand überzugehen ins Stadionoval, wo Tausende ihre Smartphones hochhalten. Udo Lindenberg ist Rocker und Tröster in einem. Weil er ahnt, dass Letzterer im Alltag besonders gebraucht wird, hat er die einfühlsame Beistandsbekundung „Ich schwöre“ weit ans Ende seines Konzertes gesetzt. Dankesjubel, Freudenpfiffe, Applaus. Darauf einen „Woddy, Woddy Wodka“, damit ist alles klar auf Golgatha. Und die Rakete hebt ab.

Text: Rafael Barth
Foto: Tine Acke