21. Oktober 2008 Der Udonaut landet auf 'nem D-D-Doppelkornfeld

Quelle
SWR3-Clubmagazin

Sein Lebenslauf füllt mehrere DIN-A4-Seiten. Die Liste seiner Songs ist fast endlos. Sein Stil ist einzigartig und seine Schnauze frech. SWR3 holte den Comeback-Star 2008 zum Hautnah-Konzert nach Baden-Baden. Pierre M. Krause, Udo-Lindenberg-Fan und SWR3 latenight-Moderator, verrät, warum er am 20. Oktober unbedingt dabei sein wollte (Vorher) – und im Udonauten-Logbuch erzählt er uns, warum es das geilste Hautnah-Konzert aller Zeiten für ihn war (Nachher)...

Für zwei Männer mit Hut ist das Jahr 2008 ein Jahr des grandiosen Comebacks. Der eine ist Indiana Jones – schwingt die Peitsche und trägt gerne Lederjacke. Der andere ist Udo Lindenberg – schwingt Mikrofone und hat seine Lederjacke in den Achtzigern an Erich Honecker verschenkt. Ja, dieser Udo Lindenberg hat Geschichte geschrieben. Musikgeschichte. 1972 zum Beispiel – mit der Veröffentlichung des ersten deutsch-sprachigen Rockalbums »Daumen im Wind«. Das war zu einer Zeit, in der deutsche Texte ausschließlich von »Schlagerfuzzis« interpretiert und die Inhalte im unkritischen Heile-Welt-Modus weichgespült wurden. Rockmusik mit deutschen, oftmals frechen, politischen Texten, gesungen von einem dubiosen Trommler mit langen Haaren und schnoddriger Aussprache – das war neu und vielen deutschen Kleingeistern äußerst suspekt. Lindenberg brach immer wieder Tabus, fand ständig originelle textliche Wege, um am Fundament spießiger Geisteshaltung zu rütteln. Eine Kostprobe? Der Song »Nonnen« aus dem Album »Götterhämmerung« (1984) beginnt so: »Nonnen. Sie leben in Klostern, mit dem Papst auf den Postern und den Hostien in den Toastern.« Kein Wunder, dass Lindenberg’sches Liedgut im konservativen Bayern häufig aus dem Radioverkehr gezogen wurde. Udo ließ sich davon nie beirren, er blieb sich treu, war kantig und er machte wahrlich immer sein Ding. Letzteres besingt er im aktuellen Album »Stark wie Zwei« sehr anschaulich – oder sagt man »anhörlich«? Egal. Fest steht: Dieses Album markiert ein großartiges Comeback von einem, der eigentlich nie richtig weg war. Auf einer meiner Lieblingsplatten (»Udopia«) beginnt Udo seinen handgeschriebenen Lebenslauf so: »Im Sommer ’46 kam ich als Kind zur Welt; ich fiel direkt vom Himmel auf ein D-D-Doppelkornfeld.« Sprachwitz vom Feinsten, wie ich finde. Ja, ich bin ein Lindenberg-Fan und -Experte. Ich besitze das Udo-Gesamtwerk (auf Vinyl!) und zog schon als pubertierender Orientierungssuchender aus diesen Texten Inspiration, Lebenshilfe und natürlich auch größtes Vergnügen. Seitdem ich weiß, dass es ein SWR3 Hautnah-Konzert mit Lindenberg geben wird, habe ich eine Beule am Kopf, da mich der Freudensprung just gen Zimmerdecke katapultierte. Wenn ich nicht hineingelassen werde, grabe ich einen Tunnel ins Baden-Badener Theater. Mit einem Teelöffel! Die lebende Legende einmal live zu erleben ist an sich schon ziemlich gut. Sie in der kuscheligen Atmos-phäre eines SWR3 Hautnah-Konzertes zu erleben, das ist schlicht großartig! Das wird kein normales Konzert. Zum einen, weil es eben ein SWR3-Hautnah-Konzert ist. Zum anderen, weil es Udo Lindenberg ist. Das anfangs erwähnte »schwingende Mikrofon« war im Übrigen keine floskelhafte Satzbefüllung, sondern eine Tatsachen-Wiedergabe. Während andere Stars in moderne, kabellose Funkmikros schmettern, zwitschert die selbsternannte Nachtigall meist in Oldschool-Gesangsmikrofone mit Verkabelung. Das olympiareife Schwingen und Werfen des Gesangsstabes gehört nämlich zu Lindenbergs Bühnenperformance dazu. Udo wird die neuen Sachen singen, aber natürlich auch ein paar der alten Klassiker. Und das Schöne ist: Bei Textschwächen einfach »Dü-dü-dn-dü-dn-dü« mitträllern. Das macht Udo schließlich auch. Übrigens: Der Berufstrommler Udo hat die Musik aus dem »Tatort«-Vorspann getrommelt. Es könnte gut sein, dass er beim Konzert spontan die Drumsticks in die Hand nimmt und ein Solo spielt. Und wenn er nicht selbst drauf kommt, kann man ihn ja einfach darum bitten. Beim SWR3 Hautnah-Konzert ist man ja schließlich nahe genug dran.

Text: Pierre M. Krause