Udo Lindenberg übers Jungbleiben, den richtigen Gang fürs rasante Leben, seine einsamste Zeit und den Moment, als der Arzt im Krankenhaus zu ihm sagte: Wenn du so weitermachst, kann es sein, dass du in drei Tagen tot bist.
Acht Uhr abends in Hamburg. Der Tag ist noch nicht alt für den Nachtarbeiter Udo Lindenberg, der im Mai 75 Jahre alt geworden ist und auf "Udopium" 75 Songs neu herausgebracht hat. Das lange Gespräch endet in seiner "Hippiebude" im Hotel Atlantic, wo er in einer Suite wohnt, nachts malt und textet. Hier hat er allein seinen Geburtstag verbracht. Feiern wollte er nicht, weil seine Branche ums Überleben kämpft.
SZ: Udo Lindenberg, in Ihren Songs schwingt immer ein Faible für die kleinen Leute mit - hat das was mit Gronau zu tun, der kleinen Stadt, aus der Sie stammen?
Udo Lindenberg: Kann gut sein. Auf jeden Fall waren die Leute in Gronau ziemlich gesellig und dem Alkohol zugetan - und zwar reichlich. Und ich später ja auch, nicht zu knapp. Es war 'ne reine Alkoholkultur, in der ich aufwuchs, mit viel Livemusik und Prosit auf die Gemütlichkeit. Wenn ich das Feeling für die Leute nie verloren habe, dann hat das wahrscheinlich mit dem Klima zu tun, in dem ich da groß geworden bin.
Sie gehen jedenfalls keinem Gespräch aus dem Weg, wenn Sie von Fans auf der Straße angesprochen werden oder Leute in der Bar des Atlantic auf Sie warten.
Wenn jemand charmant rüberkommt, auf jeden Fall. Ich bin halt die ewige Straßenratte, immer im Austausch mit der Basis.
Ich denke schon. Auch wenn ich früh dort weg bin. Mit 13 immer schon per Anhalter los. Mit 15 dann der Point of no return, war dann richtig weg, abgereist. Ich wollte raus, weltweit unterwegs sein.
Wieso schon mit 15?
Ich hatte einen Kumpel aus Gronau, der war etwas älter. Er fuhr als Schiffssteward zur See. Manchmal kam er mit'm Taxi aus Rotterdam nach Gronau, direkt in die Kneipe. Da hat er uns Frischlingen erzählt, was abgeht in der weiten Welt. Da habe ich gesagt: Das mache ich auch. Und er: Du musst aber erst was gelernt haben, bevor du auf so einem Luxusdampfer anheuern kannst. Hotelfach oder so. Also habe ich eine Kellnerlehre im Breidenbacher Hof angefangen, in Düsseldorf. Ungefähr für ein Jahr.
Sie haben den Steward mit 13 in der Kneipe getroffen?
Mit 13 sind wir alle nach der Schule erst mal in die Kneipe. Erst mal einen schlucken und runterkommen, nach dem ganzen Schulstress.
Was hat Ihre Mutter dazu gesagt?
Na ja ... Ich habe ihr gesagt: Mach dir keine Sorgen. Und sie hat gesagt: Nicht überziehen, Junge, nur nicht überziehen.
Und wie war das mit 15 in Düsseldorf? Was hat die Zeit als Liftboy und Tellerwäscher im Breidenbacher Hof, bevor Sie die Ausbildung nach einem Jahr schmissen, gebracht?
In Düsseldorf hab ich mich öfters in die Jazzclubs reingeschlichen. Die haben mich aber nicht immer reingelassen, dann war wieder die Einsamkeit in der großen fremden Stadt, in der du dann nachts allein an den Schaufenstern vorbeigelaufen bist und im spiegelnden Glas geschaut hast, ob du schon den richtigen Gang draufhast fürs rasante Leben. Aber die einsamste Zeit habe ich in Duisburg erlebt, wo ich fast ein Jahr das Konservatorium für eine Ausbildung als Orchestermusiker besucht habe. Das war hauptsächlich zur Beruhigung meiner Eltern, damit sie sehen, dass ich ein echtes berufliches Interesse an der Musik hatte. Ich lerne was Anständiges und werde Orchestermusiker. Aber ich kam nicht oft zum Studieren. Die meiste Zeit habe ich mit unterschiedlichen Semiprofi-Bands gespielt, so drei Mal die Woche. Die Mucke stand immer im Vordergrund.
Das hat in Düsseldorf angefangen?
Ja. Es ging gleich mit den Bands los. In der Altstadt. Da gab's richtig gute Jazz-Kneipen. Wenn da der Trommler zu besoffen war, war ich sofort am Start. Hatte meine Sticks ja immer dabei.
Wieso kamen Sie zum Jazz? Sie waren doch noch so jung.
Zum Jazz bin ich ganz früh durch meinen Bruder Erich gekommen. Der war Jazzexperte und hatte schon die ganzen Platten zu Hause. Dadurch kannte ich die großen Trommler, die Riesenmeister. Gene Krupa und so. Und die Trommelei im Jazz fand ich viel interessanter als im damaligen Rock 'n' Roll, Mitte der Fünfzigerjahre. Und ich habe dann auf allem getrommelt, was mir auf der Straße vor die Finger gekommen ist. Benzinfässer, Mülleimer.
Ne, das kam einfach so. Die Trommelei war mein Schrei nach Befreiung, aus dieser engen, bleiernen Zeit, wo die Väter oft schwiegen, wenn sie nicht gerade in der Kneipe waren. Wenn ich meinen Vater mal fragte: Wie war's denn im Krieg?, kam immer nur: Ne, da rede ich nicht drüber.
Hat Sie das belastet?
Ja, hat es. Mein Vater hat ja nur geredet, wenn er einen im Tee hatte. Sonst war da das Trauma des Zweiten Weltkrieges. Nur wenn er dirigiert hat, ging's ihm besser.
Wo hat er denn dirigiert?
Schützenfest. Oder zu Hause auf'm Tisch. Spätabends, Kinder wurden geweckt, er brauchte ja Publikum, dann ging er ab. Er dirigierte sich in Rage, und dann sagte er: "Ey, Hermine, meine Mutter, ey, ihr Kids, eigentlich bin ich gar kein richtiger Installateur, eigentlich bin ich von der Kunst, eigentlich bin ich ein Super-Dirigent. Und ich gehöre hier gar nicht hin, ich gehöre auf die große Bühne der Mailänder Scala."
Das hat er vor den Kindern gesagt?
Klar. Er stand auf Operetten. Operettenmelodien. Dadadaaaadaaaa! Mit wehenden Haaren. Ich dachte immer: Ganz schön verrückt, aber interessant verrückt. Ja, starker Hang zur Musik, genau wie sein starker Hang zum Witzeerzählen am Tresen, das war er: ein Entertainer und Spruchmeister. Meine Mutter: sehr still, sehr fein, sehr sensibel. Und er: so'n Durchdreher. Und diese Seite kam dann bei mir später voll raus. Es gab sehr früh eine kurze Zeit, da wollte ich mal so'n richtiger Sänger sein, mit langen Tönen. Aber das kam nicht so richtig. Die Songs waren damals alle noch in Englisch und ich wollte so klingen wie Clayton-Thomas, der Sänger von Blood, Sweat & Tears. Unsere Band hieß damals Free Orbit, wenn ich das heute höre, krieg ich 'n Lachkrampf. Ne, ich hab dann aber schnell gemerkt, ich hab eigentlich mehr so 'ne Erzähl-Stimme.
Ihr ausgeprägtes Rhythmus-Gefühl - hat das auch was mit dem Sprachgefühl zu tun, das Ihnen den Jacob-Grimm-Sprach-Preis eingebracht hat?
Ich glaube, dass ich mit Sprache so gut umgehen konnte, weil ich Trommler war, Jazz-Trommler. So wie andere singen, konnte ich mit der Sprache trommeln. Und ich hatte einen weiteren Vorteil: Ich bin kein ausgebildeter Sänger und konnte mich deshalb mehr auf Storysperformen konzentrieren. Ich musste den Leuten und mir selber dann mit meinen Easy-Vocals nicht mehr beweisen, dass ich lange Töne halten kann mit Vibrato und Tirili.
Rio Reiser hat gesagt, Sie würden die Jugendsprache nachmachen, und das gehe ihm auf den Geist.
Hat er das gesagt? Da weiß ich nichts von. Ich weiß nur, dass Ton Steine Scherben damals auch in Deutsch gesungen haben und dass das ein großes Ding war für die damalige Polit- und Hausbesetzerszene. Die Scherben waren ein Hammer in ihrer Szene. Wir wollten nicht nur eine bestimmte Szene. Wir wollten immer Breitensport. Wir wollten Musik für jeden machen - und den ganzen Millionen Leuten 'ne echte Chance geben, von den blöden deutschen Schlagern wegzukommen, es gab damals unglaublich viel Schlagerschrott in Deutschland.
Ein wirklich feiner Herr verleugnet seine Herkunft nicht. Ich finde das geil, dass ich in allen sozialen Schichten rumwandern kann. Von den Chefetagen von Politik und Intellektgewerbe bis runter in den tiefsten Underground. Von den nobelsten Sieben-Sterne-Plus-Hotels bis zur Pension Filzlaus auf'm Kiez. Ich bin immer noch der Tramp, dessen tiefstes Zuhause irgendwie die Straße geblieben ist. Ich esse gern und oft im Imbiss am Bahnhof. Ich streune locker rum. Das ist mein Liebstes. Außer natürlich wenn ich auf die Bühne kann. Das ist ja mein höchster Kick, mein absolutes Eldorado.
Sie wollten immer, dass Sie jeder versteht, oder?
Das ist der Sinn dabei. Ich wollte keine arroganten Sachen machen, um meine Ego-Eitelkeiten zu bedienen. Ich wollte Rock und Rebellion machen, damit unser Land freier und toleranter wird - und die Leute auf die Straße gehen und sich gerade machen für eine gerechtere, fairere, sensiblere Welt von morgen, die sich um Menschenrechte kümmert und den Planeten vorm Untergang schützt.
Rocksongs handeln von Freiheit, Liebe und Sex, Rockmusik wird von der Energie junger Menschen angetrieben. Wie behält man diesen Drive? Wenn man jung ist, ist ja noch diese Sehnsucht da...
Und die Seele.
Wie bewahrt man sich das?
Die Sehnsucht bleibt ja immer. Und die Freude am Erleben behält man, wenn man nicht zu dem wird, was man sich in Deutschland im üblichen Sinne als Erwachsenen vorstellt. Wenn man diese Normalitätsangebote ablehnt. Und so habe ich meine Seele als eine Art Rutschbahn eingerichtet, auf der ich bis in meine Kindheit oder Jugend zurückrutschen kann. So bewahre ich mir diese Erlebniswelt und kann mich an alles noch erinnern. Der Memory-Schalter muss voll funktionieren. So behalte ich die Freude an jeder Lebensstufe, das große Staunen in den Augen. Wie ich das erste Mal nach New York kam, die erste große Liebe. Man sollte sich niemals das Spielkind und den Jungsound aus sich rausamputieren lassen, weil man denkt, man müsste sich doch jetzt endlich mal wie ein "Erwachsener" verhalten. Alles Quatsch.
Die Auftritte sind ja extrem wichtig für Sie...
Klar. Da rauszugehen und die Liebe der Fans zu erleben und in die leuchtenden Augen zu blicken, viele kenne ich ja, die sind immer da, die Panik-Experten.
Und das nervt Sie nicht?
Nö, im Gegenteil. Wir sind eine Familie in dem Ausnahmezustand, in den uns der Sound gemeinsam versetzt. Das ist für mich eine Body-and-Soul-Ekstase. Ohne Kopfhörer. Laut und voll rein. Ähnlich, wie wenn ich zum Beispiel ins Berghain in Berlin gehe, da stehen die Riesenboxen. Da stelle ich mich rein. In die Boxen. Die Bässe. Die wühlen sich in meinen Bauch und vibrieren meinen ganzen Body durch. Das ist besser als im Gym.
Ich brauchte nach den Erfolgen am Anfang erst mal zehn Jahre Pause von all den Terminen und Verpflichtungen, da gibt es ja vieles, was da mit dranhängt, bis zum Alk und den diversen Drogen und dem ganzen Medien- und Managerstress und dem nicht grade klösterlichen Lifestyle eines Rockstars. Da musste ich mich erst mal von erholen und tief durchatmen.
2000 kam der totale Zusammenbruch mit 4,3 Promille. Wer hat Ihnen geholfen, um da wieder rauszukommen?
Ich lag an den Schläuchen im Krankenhaus. Blutwäsche. Der Astronaut ist wieder da, habe ich ganz leger gesagt. Aber der Arzt hat nicht gelacht, sondern gesagt: Wenn du so weitermachst, kann es sein, dass du in drei Tagen tot bist. Dann kamen zwei Zivis mit nassen Augen zu mir und sagten: Udo, wir brauchen dich. Und wir können es nicht ertragen, dir dabei zuzusehen, wie du hier mit deinem Leben spielst. Dann habe ich schlagartig aufgehört. Ja, das ist echt eine Wahnsinnsarbeit, diese Entgiftung. Aber es musste sein. Da bin ich auf Knien durchgegangen. Auch zu Ehren meines Bruders, der 2006 gestorben war, und zu Ehren meiner Eltern. Ich dachte: Du darfst dich nicht einfach hängen lassen.
Und seitdem kein Alkohol mehr?
Nein.
Fällt Ihnen das nicht schwer?
Klar. Aber ich habe nach zwei Flaschen Whiskey am Tag auch wie ein Rock-'n'-Roll-Mops ausgesehen. Ich habe alles getrunken, was da war, und zwar nach dem Motto: Was knallt am besten. Und, da sind wir wieder beim Thema, ich hatte damals mit über 50 auch meine Zweifel gehabt, was das Jugend-Ding angeht. Das war genau mein Thema: Ist nicht Rock 'n' Roll eigentlich ein Jugend-Business? Wie wird das sein, wenn du 60 oder 70 bist? Wirst du dann ein Chansonnier sein? Wirst du das so gut machen wie etwa Charles Aznavour?
Nach langem Überlegen, auch nach wirklich langem Unsichersein: Wie gehst du mit 70 auf die Bühne? Wie 'n Rocker? Ist das nicht albern? Ich wusste es nicht. Aber als ich dann keinen Alkohol mehr getrunken habe und viel gejoggt bin, war ich ja plötzlich wieder sehr schmal und schnell und leicht wie eine Feder, sprach schon Castaneda. Ich konnte an jedem Spiegel vorbeigehen und denken: lecker Kerlchen. Das Auge hört ja mit. Da habe ich gedacht: So kannst du wieder auf die Bühne gehen. Und zwar als ewiger Rock 'n' Roller.
Sie haben Ihrer Mutter das Album "Hermine" gewidmet, Ihrem Vater das Album "Gustav". Wie haben Sie Marlene Dietrich dazu gebracht, auf "Hermine" einen Text zu sprechen: "Wünsch dir nichts, dummes Menschenkind. Träume sind nur schön, so lang sie unerfüllbar sind." Das ist ihre letzte Tonaufnahme. Wie haben Sie das geschafft?
Sie wohnte ja in Paris und niemand durfte sie mehr sehen, weil sie in der Erinnerung der Menschen schön und stolz bleiben wollte. Und als dann der Film von Maximilian Schell über sie rauskam, wollte sie unbedingt das Original des Plakats von Gottfried Helnwein. Renate Helnwein hat es ihr gebracht und ihr erzählt, dass ich sie so liebe und so gerne mit ihr telefonieren würde. Und da hat sie gesagt: Der kann mich gern mal anrufen. Und dann habe ich ihr davon erzählt, dass wir eine Platte mit ihren schönsten Hollaender-Liedern machen wollen. Und das fand sie gut.
Und wie lief das ab?
Ich bin mit einer Kassette nach Paris gefahren. Dann kam ein älterer Herr ins "George V" und holte die Kassette ab. Und ein paar Stunden später brachte er die Kassette zurück und da war da ihre Stimme drauf. Das ganze Treppenhaus haben wir mit roten Rosen vollgeknallt in der Avenue Montaigne. Wir haben danach noch oft miteinander telefoniert.
Worüber haben Sie denn gesprochen?
Wie man ewig ein Star bleibt. Darüber hat sie gerne gesprochen. Und zwar, indem man nicht das ganze profane dumme Zeug - so sprach sie - in irgendwelchen Talkshows mitmacht, wo man erfährt, dass Sie auch kochen können oder Fußpilz haben: "Halten Sie sich da bitte raus, Herr Lindenberg. Das ist toll, was Sie machen. Lassen Sie sich nicht von diesem Alltagspalaver kleinmachen." Ein großer Künstler muss immer ein bisschen seine geheimnisvolle Aura bewahren.
Aber daran haben Sie sich ja nicht gehalten. Sie sind eine öffentliche Figur.
Na ja, jedes Leben läuft anders. Jedenfalls gehe ich nicht mehr so oft in Talkshows. Seit Marlene nicht mehr. (lacht)
Interview: Harald Hordych
Fotos: Tine Acke