Alt-Rocker Udo Lindenberg hat am Samstag und gestern die letzten zwei großen Konzerte seiner aktuellen Tournee gegeben - vor insgesamt 90.000 Besuchern in Leipzig, seiner "Panik-Hauptstadt".
Leipzig. Mit martialischem Horn dröhnt Udos Panik-Titanic auf der Bühne. Für seine Karriere der Superlative ist das Schiff ein perfektes Bild: Der altgediente Kreuzer des Deutsch-Rocks, kürzlich stolze 70 Jahre alt geworden, durchquerte alle musikalischen Meere, ging auch mal im Alkoholrausch unter - um danach mit voller Power zur Legende zu werden.
Wie passend, dass intensiver Starkregen den rund 45.000 Besuchern in der Leipziger Red-Bull-Arena am Samstag kurz vor Show-Beginn eine prasselnde Dusche verpasst hatte. Doch als der Grandseigneur per Kran einfliegt und "Ich mach mein Ding" singt, reißen die Wolken auf: Blinzelt der Meister mit herzigem Blick und qualmender Zigarre in die Kamera, kann nur noch die Sonne aufgehen.
Die Massen toben: Menschen aus dem gesamten Freistaat, aus Thüringen, aus Bayern und Mecklenburg sind gekommen, um ihn auf seiner vergleichsweise kurzen Stadion-Tournee in gerade einmal sieben Städten zu erwischen. Lindenberg ernannte Leipzig zur "Panik-Hauptstadt", denn zum "Grande Finale" seiner 2016er-Tour nach dem ausverkauften Samstag schob er gleich noch eine Zusatz-Show gestern nach. Viele Erinnerungen verbinde er mit der Sachsen-Metropole, denn hier spielte er eines der ersten Konzerte nach dem gefallenen DDR-Regime - dem Mann, der schon 1983 mit dem "Sonderzug nach Pankow" die Mauer niedersang, kauft man diese Herzensangelegenheit ohne Frage ab. Udo wirbelt mit dem Mikrofon, kokettiert mit seiner Sonnenbrille und ölt die typisch marottige Nuschelstimme mit Eierlikör - für ganze drei Stunden Show, in denen er und sein "Panik-Orchester" aus dem Oeuvre über fünf Jahrzehnte schöpft.
Kommt dann noch ein Kinderchor dazu, drängt sich bei der schlaksigen Silhouette mit Hut sogar Ähnlichkeit mit Michael Jackson auf - doch Udo bleibt sein ganz eigenes Phänomen. Schält man den Bombast aus Licht und Sound, aus einfliegenden Ufos und Luftakrobaten von der Show ab: Dann bleiben Song-Evergreens, die bewegen, amüsieren und Mut machen; dahinter ein Gesamtkünstler mit unbeugbarem Eigensinn, dessen eigens gemalte "Likörelle" auf den LED-Wänden zur Illustration eingeblendet werden.
Bemerkenswert immer wieder das politische Rückgrat: "Den Schampus trinkt die Waffenindustrie", statuiert er mit ausgestrecktem Mittelfinger. Kritik auch an "Angie, die mit Sultan Erdogan rumeiert". Der wirkungsvollste Hieb indes geht in Richtung Gauland von der AfD, den "Gauleiter", der die "hässliche Fratze des Rassismus" komplett freigelegt habe. Da passt der Anti-Nazi-Song "Sie brauchen keinen Führer", die herzzerreißende Friedens-Hymne "Wozu sind Kriege da" und die klare Ansage "Bunte Republik Deutschland" mit Gast-Sänger Gentleman.
Man könnte meinen, im vermeintlich braunen Sachsen soll eine besonders bunte Party gefeiert werden: Eine Reihe von eingeladenen Freunden macht es möglich. Udos ehemaliger Mitbewohner Otto Waalkes röhrt "Auf dem Heimweg wird's hell" und kommt dabei dem großen Angus Young von AC/DC stimmlich frappierend nahe. Stefanie Heinzmann bricht im Duett mit Udo die "Herzen der stolzesten Frau'n", Axel Prahl wiederum presst den Alien-Song "Gerhard Gösebrecht" im Harry-Belafonte-Stil. Die skurrilste Überraschung liefert Helge Schneider, der für ein gerade einmal halbminütiges Saxofon-Solo auf die Bühne kommt.
Die Dramaturgie eskaliert "Hinter dem Horizont": Beim anarchischen Party-Finale auf der "Andrea Doria" wird die Bühne endgültig zur Gogo-bestückten Reeperbahn-Kneipe. Kein Quadratmeter, auf dem nicht in schrillen Affen- oder Vampirkostümen getanzt wird - auch Sebastian Krumbiegel von den Prinzen mischt sich ohne sangliche Rolle einfach unter das feiernde Bühnen-Volk.
Ganz nach Deichkind-Manier schippert auch noch ein Schlauchboot durch die Massen, das die Menschen großflächig mit Glitzer bestäubt: Danke, Udo, für diese gut gelaunte Lektion in Sachen Weltoffenheit!
Text: Sebastian Steeger
Foto: Tine Acke