15. September 2011 Ein Musical schreibt Geschichte: 1800 Schüler sahen „Hinterm Horizont“

Quelle
Märkische Allgemeine, 15.09.2011

BERLIN - Menschen, die sich in die Arme fallen, denen Freudentränen über die Wangen rollen, die auf der Mauer tanzen, weil sie endlich geöffnet ist – diese Szene aus dem Musical „Hinterm Horizont“ hat Lisette Düpre von der Dreiklang-Oberschule in Schwedt (Uckermark) besonders berührt.

„Die Bilder, die gezeigt wurden, als die Mauer gefallen ist – da habe ich Gänsehaut bekommen“, sagt die 17-Jährige. Auch ihr Mitschüler Felix Degner (15) ist begeistert. „Wir behandeln das Thema gerade in der Schule. Durch das Musical kann man sich viel besser vorstellen, was damals passiert ist“, erklärt er. Arkadi Reznikor (15) vom Karl-Liebknecht-Gymnasium in Frankfurt (Oder) sagt: „Die deutsch-deutsche Vergangenheit zu kennen, ist mir wichtig, weil ich hier lebe.“

Erzählt wird diese Vergangenheit anhand einer Romanze: der unerfüllbaren Liebe zwischen Rockstar Udo Lindenberg und der 17-jährigen Jessy aus Pankow. „Durch die Liebesgeschichte konnte ich mich mit den Jugendlichen in dem Stück identifizieren“, erläutert Lisette Düpre.

Denn die Teilung von Ost- und Westdeutschland, die Mauer, die vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989 Berlin in zwei Hälften spaltete, und die Wende kennen Lisette Düpre, Felix Degener und Arkadi Reznikor nur aus den Erzählungen ihrer Eltern. Wie sie, waren gestern 1800 Schüler der Klassenstufen 9 bis 13 aus Berlin und Brandenburg zum Potsdamer Platz gekommen, um sich das Musical zur Geschichte Deutschlands in einer Sondervorstellung anzuschauen.

Aber nicht nur Schüler und Lehrer sind an diesem Vormittag im Theater. Kurz vor Ende der Show stürmt Panikrocker Udo Lindenberg die Bühne und rockt gemeinsam mit den Musical-Darstellern den Theatersaal. „Er ist genauso rübergekommen, wie ich ihn mir vorgestellt habe“, schwärmt Lisette Düpre. Auch wenn wie sie die meisten der Schüler Lindenberg-Songs von den Eltern kennen – die Jugendlichen sind begeistert. Udo Lindenberg und den Darstellern zeigen sie das nach der Show mit Standing Ovations.

Der 65-jährige Panikrocker ist sichtlich gerührt von der Euphorie, die „Hinterm Horizont“ an diesem „fantastischen Tag“ geweckt hat. Und auch seine Darsteller lassen sich mitreißen. „Wenn die Zuschauer das Ding so abfeiern, ist es besonders geil“, platzt es aus Serkan Kaya, dem Lindenberg-Darsteller, heraus.

Danach betritt ein weiterer Ehrengast die Bühne: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), von Lindenberg mit „Hi Panikrocker“ begrüßt. Denn der Grund für die Sondervorführung ist die Veröffentlichung einer Broschüre, in der die deutsch-deutsche Geschichte 50 Jahre nach dem Bau der Mauer für den Schulunterricht aufbereitet wurde. Entstanden ist „Hinterm Horizont. Diese Geschichte macht Schule“ nach der Vorlage des Musicals in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Lisum).

Bereits im Januar hatten sich der Musiker, die Produzenten von Stage Entertainment und Lisum dafür zusammengesetzt. „Udo war der Motor. Ihm lag sehr daran, viel mit Schulklassen zu machen“, erzählt Andreas Voigt, regionaler Vertriebsleiter bei Stage Entertainment.

Das Musical ist derzeit nicht nur die erfolgreichste Produktion des Unternehmens: Unter den 300 000 Menschen, die „Hinterm Horizont“ seit der Premiere am 13. Januar dieses Jahres gesehen haben, waren bereits 15 000 Schüler. Und wenn er in Berlin ist, lässt es sich der in Hamburg lebende Panikrocker nicht nehmen, auf die Bühne zu gehen – seit August besuchte er das Theater am Potsdamer Platz bereits drei Mal. Mit einem höflichen Knicks überreicht Udo Lindenberg die Broschüre an Wowereit, der an die Zuschauer appelliert, jederzeit gegen Diskriminierung zu kämpfen: „Mauern aus Stein und in den Köpfen können überwunden werden.“

Dann steht Udo Lindenberg gemeinsam mit Autor Thomas Brussig und Regisseur Ulrich Waller dem Publikum Rede und Antwort. Die selbst ernannte „Nachtigall mit dem Hut“ erinnert sich an die Absage der für 1984 geplanten Tournee durch die DDR. „Ich fand es schäbig, denn die Tour war fest zugesagt und ich hatte mich tierisch darauf gefreut“, betont Udo Lindenberg. Er habe sich immer für die Menschen in der DDR engagiert. „Es gab eine gegenseitige Sehnsucht zwischen Udo und den Fans in der DDR“, schildert Autor Thomas Brussig, der 1983 selbst vor dem Palast der Republik auf den Musiker wartete.

Ulrich Waller verrät, dass der Musiker bis zum Mauerfall den Traum von einem vereinten Deutschland hatte. Dass das Werk Lindenbergs einmal Unterrichtsstoff werden würde, daran habe er nicht gedacht. „Aber ich wusste, dass man aus Udos Liedern eine große Liebesgeschichte machen kann“, bekräftigt der Theatermacher.

Natürlich wollen die Schüler wissen, ob es das Mädchen aus Ostberlin wirklich gegeben hat. „Ja, und sie freut sich, dass unsere Liebesgeschichte sogar auf die Bühne gekommen ist“, erzählt Udo Lindenberg. Er hofft, dass die Schüler aus dem Musical die Erfahrung mitnehmen, dass es möglich ist, „Diktaturen zu knacken und Diskriminierung zu beenden“.

Lehrer können die Broschüre bundesweit für den Unterricht verwenden und online unter www.musicals.de/schulklassen bestellen.

Text: Steffi Bojahr, Foto: dpa