22. September 2008 Freude am Gesetzesbruch

Udo Lindenberg sieht aus wie einer, der Udo Lindenberg parodiert: auffällige Sonnenbrille, markante Lippen, die wie von einem Expander trainiert scheinen und der obligatorische Hut, unter dem das Resthaar strohig hervorlugt. Olaf Neumann traf den Panikrocker im Atlantic Hotel in Hamburg und sprach mit ihm über die Neuauflage des „Lindenwerks“, die Chancen der SPD und das geplante Lindenberg-Musical

Das „Lindenwerk“ mit Ihren bekanntesten Gemälden und Zeichnungen ist soeben neu aufgelegt worden. Kein Geringerer als Joseph Beuys brachte Sie dazu, den Pinsel in die Hand zu nehmen. Beuys schuf den erweiterten Kunstbegriff, unter dem er eine kreative Mitgestaltung an der Gesellschaft durch die Kunst verstand. Was ist der Motor des Malers Lindenberg?

Udo Lindenberg: Man muss keine Akademie besucht haben, man kann einfach losmalen. Man sollte sich niemals einzwängen lassen, sondern lieber Grenzen überschreiten und sich einbringen im Sinne einer wirklich bunten Republik Deutschland. Ich wollte Kunst nicht immer nur konsumieren, sondern sie auch selber machen.

Mich hat es sehr beflügelt, was Joseph zu jener Zeit mir riet. Er sah ein paar Striche von mir und fand das ganz verheißungsvoll. Er sagte: „Udo, du Stricher, du solltest mal malen“. Wenn man etwas nicht gelernt hat und es trotzdem tut, kann dabei etwas völlig Neues entstehen. Solche Leute sind unbekümmert und erfrischend naiv. Mein Credo ist: Viel Freude am Gesetzesbruch in der Kunst.

Sie haben in der Vergangenheit mit Blut, Erde und Likör gemalt. Womit malen Sie heute?

Mit Erde und Blut sind Antinazibilder wie die „Pimmelköppe“ für die „Rock gegen Rechts“-Tournee entstanden. Ich finde es schön, wenn die angewandte Kunst in Form von Plakaten auf der Straße hängt. Ich arbeite gern mit Acryl, das ist ein praktisches Zeug, aber auch mit Blue Curaçao und Eierlikör, weil das sehr schöne Farben sind.

Um die Leuchtkraft zu erhalten, muss man sie mit Bindemittel anreichern und sieben Mal sprayen. Auf diese Weise halten sie 500 Jahre. Manche Leute kaufen meine Bilder als Investition. Sie werden minütlich teurer und man sieht, wie ein feiner Goldstaub an der Tapete vorbeizieht. Aber man muss sie nicht verkaufen. Sollte einem zuhause mal der Drink ausgehen, kann man ja an einem Likörell lutschen.

Kann sich der Durchschnittsverdiener einen Lindenberg überhaupt noch leisten?

Die Preise erhöhen sich exorbitant. Aber wir sind einer der letzten Betriebe aus dem angewandten Sozialismus. Bei uns zahlt man nach Einkommenslage. Wer sehr reich ist, zahlt sehr viel, Leute mit schmaler Kohle dagegen wenig. Wer nun gar nichts in der Tasche hat, aber Panikexperte ist, dem male ich das Bild sogar umsonst. Dafür muss er nur 50 Texte auswendig können. Das ist alles schon passiert. Ein Land braucht Künstler für seine Identität.

In Ihren Liedern filtern Sie seit 35 Jahren heraus, was Deutschland ausmacht. Treffen auch Ihre Bilder die Stimmung im Lande oder eher die Stimmung in Ihnen selbst?

Es ist oft eine Korrespondenz zwischen draußen und drinnen. Ich höre mir an, was die Leute auf der Straße so schnacken. Manchmal übernehmen sie Sprüche von meinen Platten in ihren Alltag. Das geht so hin und her. Bei der Kunst ist das ganz ähnlich, denn ich bin kein Maler im Elfenbeinturm. Ich male meine Likörelle auch gerne in der Kneipe. Dort kriege ich schnelle Anregungen.

Mein Antrieb war immer die Sehnsucht nach einem Land, das man wirklich eine bunte Republik nennen kann. Inzwischen haben wir Deutschland herausgeführt aus einer grauen, bleiernen und spießigen Zeit, in der vieles verboten war. Ich wünsche mir Deutschland als ein supertolerantes Land mit ordentlichen friedenspolitischen Positionen. Wir müssen wieder eine Achse zu den USA hinkriegen und darauf hoffen, dass Obama im Präsidentenamt ankommen wird.

Und ich mache mir Gedanken ums Klima. In meinem Buch ist ein Bild drin, auf dem Angie zwischen Treibsand und Gletschereis balanciert.

Künstler sind immer wieder verfolgt worden. Ist es das Wesen der Kunst, aufzurütteln und zu beunruhigen?

Sie sollte ein bisschen Panik verbreiten. Dazu gehört auch, die selbstverliebte und ignorante Szene in den Arsch zu treten. Ich gehe oft zu Vernissagen. Viele Kunst ist reiner Selbstzweck. Sie mischt sich nicht ein und greift nicht an. An manchen rauscht die Welt da draußen einfach vorbei. Ich träume davon, dass sich mehr Künstler als Mitgestalter an der Gesellschaft begreifen im Sinne von Beuys.

Sie gehören schon lange zum deutschen Pop-Establishment. Mussten Sie sich da irgendwann fragen, ob Sie überhaupt noch reizbar und unbequem sein können?

Unbequem sein? Heute sagen Leute wie Jan Delay, dass es gut ist, dass es einen wie mich gibt. Früher hieß es immer, einen wie mich müsste man verbieten. Natürlich sind in meinen Texten Spitzen drin, mal mehr, mal weniger. Aber ich singe auch Songs über Dinge, die viele Menschen erleben: Älterwerden, Tod, Liebe, Freundschaft und Gott.

Die Behauptung, es gäbe nur einen Gott, ist fatal. Früher wurden im Namen der Kirche ganze Völker und Kulturen niedergemetzelt und der Vatikan ist auf geklautem Gold aufgebaut. Da kann man doch nicht still halten. Die Bibel ist deswegen aber immer noch nicht umgeschrieben worden.

In Ihren Songs und Bildern beziehen Sie sich auf Mutter Teresa, Buddha oder den Dalai Lama. Ist es gleichgültig, an wen man glaubt?

Ich finde es zu fantasielos, rational und nüchtern, nur an einen Gott zu glauben. Glauben ist ja nicht gleich wissen. Wie können wir uns anmaßen, etwas zu beurteilen, was außerhalb unserer Wahrnehmungswelt liegt? Sicher gibt es spezielle Situationen, in denen man so etwas wie ein Zeichen zu spüren glaubt, das auf einen Gott oder mehrere Götter oder auch auf Energien hinweist. Sich in solch einem Moment zu öffnen ist prima und vielleicht habe ich danach sogar einen Teilnehmerschein für den Himmel in der Tasche.

Ich persönlich glaube an so was, würde mich aber nie hinstellen und behaupten, es sei auf jeden Fall so. Auch die totale Rationalität finde ich blöd, wenn Leute behaupten, nach dem Tod komme gar nichts mehr. Der Mensch hat einfach den großen Wunsch zu glauben. Den sollte man ihm nicht nehmen, egal an wen er glaubt. Hauptsache, man spricht sich friedlich ab mit den anderen Glaubensgemeinschaften.

Sie kultivieren, wie kaum ein anderer in Deutschland, Ihre Künstlerexistenz: Udo Lindenberg denkt anders, kleidet sich anders, lebt nach anderen Regeln, reklamiert ein viel größeres Maß an Freiheit für sich. Was ist der „Homo Panicus“?

Das hat Professor Bazon Brock sehr gut erkannt: Der „Homo Panicus“ ist einer, der nichts verdrängt, nichts beschönigt und die Welt so sieht, wie sie wirklich ist. Um auf all das gefasst zu sein, was einem an Gefahren widerfahren kann. In seinen Ausführungen geht Brock zurück auf den Höhlenmenschen. Dieser musste sich das gesamte Ausmaß der Panik in seiner Fantasie ausmalen, um gefeit zu sein vor den Gefahren, sonst hätte er nie seine Beute bekommen und die Sippe wäre verhungert.

Ich habe das immer so ähnlich empfunden, konnte es aber nie so genau ausdrücken wie Bazon Brock. In den 1980er Jahren zum Beispiel ging die Atomangst in Deutschland um. Da war die Gefahr so groß, dass der „Homo Panicus“ auf die Straße gehen musste.

Laut „Spiegel“ ist Udo Lindenberg für die Popmusik das, was die SPD für die Politik ist: ein Reformer, aber kein Revolutionär. Was halten Sie von den aktuellen Entwicklungen bei der SPD? Hat der Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier Chancen gegen Angela Merkel?

Viele wissen nicht, was sich auf der ganz linken Seite der Politik entwickelt und haben deswegen Angst. Solch ein Flirt mit dem Postkommunismus ist schwierig. Aber jetzt, wo sich die SPD abgegrenzt und Steinmeier nominiert hat, sehe ich wieder gute Chancen für sie. Ich kenne Steinmeier und Müntefering ganz gut. Aber ich mochte auch Kurt Beck.

Ob sie nun das Profil haben, die Wähler anzutörnen wie einst Willy Brandt oder aktuell Barack Obama, muss sich noch rausstellen. Müntefering hat mit seiner Heuschrecken-Rede schon ein bisschen vorgelegt. Da war ja auch was dran. Steinmeier macht auf mich einen korrekten Eindruck. Aber man muss sich ihn noch etwas genauer angucken.

Auf dem neuen Album „Stark wie zwei“ singen Sie Duette mit Jan Delay, Annette Humpe, Till Brönner, Helge Schneider und Stefanie Kloß von Silbermond. Wer wird Sie bei der bevorstehenden Tour begleiten?

Ab und zu werden Jan Delay, Stefanie Kloß und Helge Schneider dabei sein. Das hängt immer von deren eigenen Tourneeplänen ab. Ich habe vor, sie im Gegenzug auch zu besuchen. Am 23. Oktober machen wir dann hier in Hamburg eine große Fernsehproduktion für den NDR, bei der alle Stars dabei sein werden.

Thomas Brussig schreibt das Libretto für ein Musical über Ihr Leben. Wann soll es auf die Bühne kommen?

Ulli Waller würde es gern im St. Pauli Theater machen. Das finde ich sehr reizvoll. Aber das wird sicher noch eine Weile dauern. Im Moment sind sie noch am schreiben und ich schaue, wie sich das so entwickelt. Ich stelle mir eine bunte Revue vor, aber mal gucken, in wie weit sich das im kleinen St. Pauli Theater überhaupt realisieren lässt.

Udo Lindenberg – „Das Lindenwerk“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, Premium Hardcover im Großformat, 308 S. mit 300 farb. Abb., € 49,90, ISBN 978-3-89602-824-2

Ständige Lindenberg-Ausstellung in der Walentowski-Galerie Hamburg, Ballindamm 40, Mo-Sa 10-20 Uhr, Tel. 040/40 185 705

Quelle: Olaf Neumann/www.suedkurier.de
Foto: Tine Acke