12. März 2017 Für die Ewigkeit gemacht

Quelle
Weser Kurier, 12.03.2017

Die Außenalster in Hamburg ist nicht nur der wohl beliebteste Ort in der Hansestadt für Spaziergänger und Jogger, sondern seit vielen Jahren auch Dreh- und Angelpunkt im Leben von Udo Lindenberg. Anfang der 70er-Jahre wohnte Lindenberg dort in einer Musiker-WG. Mit damals noch ebenso unbekannten Künstlern wie Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen stritt er sich womöglich über so profane Dinge wie den Abwasch und das Entsorgen des Hausmülls. Mittlerweile sind ein paar Jahre ins Land gezogen. Über den Hausmüll muss sich Lindenberg wahrscheinlich keine Gedanken mehr machen, denn heute wohnt er im Hamburger Hotel Atlantic Kempinski – und das bereits seit vielen, vielen Jahren. Und noch etwas hat sich in den mehr als 40 Jahren seit dem WG-Leben geändert: Udo Lindenberg ist definitiv kein Unbekannter mehr.

Über das Leben des Kultsängers zu schreiben, würde bedeuten, viele Seiten zu füllen. Und wenn es jemanden gibt, der etwas über das Leben erzählen kann, dann ist es der 1946 in Gronau geborene Künstler selbst. Er wirkte musikalisch, politisch, kulturell und zwischenmenschlich. Als einer der Ersten veröffentlichte er Rockmusik mit deutschen Texten und ebnete damit den zahlreichen Acts den Weg, die heutzutage mit deutscher Musik die Charts bevölkern. Mit dem Album „Alles klar auf der Andrea Doria“ gelang ihm 1973 der Durchbruch. Damals wie heute an seiner Seite: das Panikorchester. Anfang der 80er-Jahre wurde er mit seinem Lied „Sonderzug nach Pankow“ berühmt, gleichzeitig kam der Wunsch auf, in der damaligen DDR auftreten zu dürfen. Zwar spielte der Musiker 1983 unter strenger Beobachtung der damaligen Funktionäre im Palast der Republik, doch seine erste Tournee durch die DDR durfte Lindenberg erst nach dem Mauerfall absolvieren.

Musikalisch dehnte Lindenberg sein Schaffen immer weiter aus. Anfang der 2000er-Jahre konzipierte er die Revue „Atlantic Affairs“ mit Liedern von deutschen Exilanten aus den 20er- bis 40er-Jahren wie Bertolt Brecht, Kurt Weill und Friedrich Hollaender. 2011 feierte das Musical „Hinterm Horizont“, eine autobiografische und fiktive Geschichte einer Liebe, Premiere in Berlin. Lindenberg war immer Vorbild und Ideengeber für viele deutschsprachige Künstler, die heute selbst große Hallen füllen. Und er selbst versammelte sie um sich, um gemeinsam Musik zu machen. Mit seiner „MTV Unplugged – Live aus dem Hotel Atlantic“-­Show schrieb der Künstler Musikgeschichte: 2011 holte er mehr als ein Dutzend der besten zeitgenössischen Rock- und Popkünstler in die Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, um live und unplugged im Ambiente des originalgetreu nachgebauten Atlantic-Hotels mehr als drei Stunden lang Musik zu machen. Für den dazugehörigen Longplayer gab es mehrfaches Gold und Platin sowie zwei „Echos“, die Single „Cello“ mit Clueso landete auf Platz vier der Singlecharts.

Natürlich gab es auch Tiefpunkte im Leben Lindenbergs. Alkohol war sein großes Laster. Doch von dem hat er sich mittlerweile befreit. Dennoch spielt Schnaps weiterhin eine Rolle: Seit den 90er-Jahren ist Lindenberg auch als Maler tätig. Seine berühmten „Likörelle“ sind in Kunsthäusern und privaten Haushalten zu bestaunen. Einst an der Hotelbar entstanden, kosten sie heute stolze Summen.

Im vergangenen Jahr ist Udo Lindenberg 70 Jahre alt geworden. In dem Alter ziehen sich viele Menschen zurück – er aber nicht. Ganz nach seinem Motto „Ich mach mein Ding, egal, was die anderen sagen“ ist er künstlerisch sogar stärker geworden. Vor neun Jahren brachte er das Werk „Stark wie zwei“ mit der dazugehörigen Single „Mein Ding“ auf den Markt, das ihm nicht nur seine erste Nummer eins in seiner über 40-jährigen Karriere einbrachte, er hat sich zudem künstlerisch neu erfunden. Die Platte klingt wie die besten der ganz frühen Lindenberg-Werke – aber mit der Erfahrung eines sehr bewegten Lebens. „Ich habe gemerkt, dass da etwas Besonderes am Entstehen ist. Und ich habe mir dieses Mal auch gut Zeit für das neue Album genommen“, sagt er. „Man wird als Künstler heute oft zu einer Art Produktionsmaschine. Zwei Monate. Fertig. In diesem Fall war mir aber die Zeit egal, alles ist flexibel. Wenn es ready ist, bringt man es einfach raus.“ Die dazugehörige Tournee mit einer sehr aufwendigen Show war überaus erfolgreich. Die daraus resultierende Live-DVD und Audio-CD „Ich mach mein Ding – Die Show“ hielt sich wochenlang in den Charts. Darauf folgte 2014 eine ausverkaufte Stadion­tournee, 2015 die zweite. 2016 erschien das langersehnte neue Album von Udo Lindenberg: „Stärker als die Zeit“. ­Gleich­zeitig fand der Abschluss der Stadion-Trilogie statt. „Ich wollte eine Rockrevue schaffen, mit Flug­akro­batik, UFOs und ich als Raketenmann“, erklärt der Künstler. Dazu lud er Stars ein – von Bryan Adams bis Otto Waalkes, von Jan Delay bis Clueso.

Dass der neue Longplayer so viel Zeit brauchte, kommt nicht von ungefähr: „Die Messlatte lag natürlich sehr hoch nach ‚Stark wie zwei’, ein bisschen Bammel war auch dabei“, gibt Lindenberg zu. Aber: „Ich spürte irgendwann, nach den vielen Shows im Stadion: Bevor man langsam zu einer Art Jukebox wird, muss jetzt wieder neuer Stoff kommen. Dann bin ich wieder losgestreunt, wie ein Detektiv, auf der Suche nach neuen Themen und Texten.“

Die 15 neuen Songs wollen auch live präsentiert werden. Allerdings ist es ein Rückzug von den großen Stadien: „Es war für mich immer ein Hammermoment, wenn ich vor der Show irgendwo von oben im Stadion auf das Arenarund guckte und die vielen Tausend Fans da stehen und sitzen sah“, sagt er. „Aber andererseits weiß ich, wie viele traurig darüber waren, nicht die Reisen zu den Stadien oder großen Hallen unternehmen zu können.“ Deshalb gibt es auch 2017 bei 18 Auftritten die Möglichkeit, Lindenberg live zu erleben. Mit neuen Songs, alten Freunden und vielen Überraschungen. Des Weiteren sticht auch der „Rock­liner 5“ von Kiel nach Aarhus, Göteborg und Kopenhagen in See. Zu erleben gibt es eine Rock-Kreuzfahrt mit Udo Lindenberg und Gästen auf der „Mein Schiff“. Gleich im Anschluss legt Lindenberg für sein einziges Open-Air-Konzert vor dem Luxusliner „World Dream“ an der Meyer-Werft in Papenburg an. Mit dabei: das Panikorchester. „Wir sind das eingeschworene Team und kriegen alles hin“, sagt Lindenberg. „Wir sind für die Ewigkeit gemacht. Goethe gibt es auch noch in 300 Jahren. Und das Panikorchester gibt es auch noch in 300 Jahren.“

„Stärker als die Zeit“: Udo Lindenberg ist am Freitag und Sonnabend, 26. und 27. Mai, ab
20 Uhr in der ÖVB-Arena zu Gast. Das Open-Air-Konzert an der Meyer-Werft in Papenburg
findet am Freitag, 8. September, ab 20 Uhr statt.

„Bevor man zu einer Art Jukebox wird, muss neuer Stoff kommen.“ Udo Lindenberg

Text: Linda Bussmann
Foto: Tine Acke