08. Februar 2011 Hut ab!

Quelle
Focus, 17.01.2011

Von Tim Pröse

Hier zeigt Udo Lindenberg, 64, wie es auf seinem Kopf aussieht. Er plaudert darüber, dass ihn ein Musical zum Denkmal macht. Und erzählt, wie ihn das echte "Mädchen aus Ostberlin" an die Stasi verriet

Manchmal weiß er selbst nicht, ob das alles noch der echte Udo ist. Ob ihm der Hut, die Brille, die enge Hose "nicht schon längst eingewachsen sind in die Haut", wie er sagt. Ob das eine Rolle ist oder schon er selber?

"Mein Leben ist Inszenierung. Aber manchmal fragt sich der kleine Udo aus Gronau an der Dinkel, ob er wirklich der Hauptdarsteller ist in diesem irren Leben oder schon so 'n doofes Denkmal, ne?" Lindenberg grübelt, wie er die eigenen Legenden unter den Hut bringen soll. Und lässt sich rücklings in die Couch der mit rotem Samt ausgeschlagenen Raucher-Lounge des Hotels fallen.

Gegen das Denkmal hilft der Sockelsturz. Den übt er jetzt. Und lupft ebenjenen heiligen Hut. Bloß für Sekunden. Und scheint augenblicklich ein anderer, ein netter 64-jähriger Herr, der sich mit der Hand über die Restfrisur, die "äußerst sensiblen Haare" fährt. Von denen noch erstaunlich viele hervorlugen: "Die Leute denken, da sei gar nix mehr drunter, stimmt nicht, schau mal." Er trage die Frisur jetzt halt "in Scheibletten". Sein Hut und seine Brille verbergen die Hälfte eines Gesichts, das für einen Rocker vielleicht viel zu weiche Züge trägt. Es verrät sofort, wie ihm zu Mute ist, sein Blick ist zugewandt. Und so schützt die Brille vor zu viel Offenheit. Der Mund darunter biegt sich wie eine Berg-und-Tal-Bahn.

Lindenberg feiert sein Gesamtschaffen. Vergangene Woche schaute er der Premiere des ihm gewidmeten Musicals "Hinterm Horizont" zu, das sein Leben einmal mehr inszeniert. Er feierte die Künstler auf der Bühne des Theaters am Potsdamer Platz - und sein eigenes Überleben: "Hinterm Lebenswerk geht's weiter, ne."

Und er verwandelt sich, statt sich zu verwalten. Geistig und optisch. „Der Scheitel is ´n bisschen verrutscht, ne. Aber der Mann unterm Hut is voll am Start, ein Entdecker, kolumbusmäßig.“

Muss ja nicht jeder gleich sehen. Und so zieht er den Hut wieder fest und tief in die Stirn und schmaucht seine Cohiba Montecristo. Die duftet nach Kuba, er selbst nach Sandelholz und Seife. Lindenberg atmet tief aus, schaut den Schwaden hinterher, den Gedankenwolken aus Rauch.

Und erzählt, wieso er dieses Udo-Utensil auf dem Haupt eigentlich trägt: Es war Anfang der 80er, der Panikrocker hatte sich gerade von seiner „Pop-Praline“ getrennt, wie er Nena während ihrer heimlichen Liebe nannte. Als die Amour fou verglüht, flieht Lindenberg vor Liebesschmerz und sich selbst nach Rio. An der Copacabana tröstet ihn eine dunkle Schönheit: „Ich war ab sofort ´n bisschen verlobt mit diesem Girl von Ipanema.“ Das Girl will ihn aus dem Stand heiraten. Doch der Mann will frei sein. Und flieht erneut. „Ihre Oma hatte geweint, der Vater war wütend, und sie erst . . .“ Die Verlassene schwört Rache. Steht plötzlich vor seiner Hoteltür, zückt ein Messer aus ihrem Strumpfband und sticht zu, einmal längsseits über den Schädel. Seitdem kaschiert der Hut auch eine Narbe, sagt er.

"Die Stasi hatte Stapel von Udo-Akten"

Eine Wolke Cohiba-Rauch sammelt sich nun unter seinem Hutrand. Wenn Lindenberg udomäßig mit Stirn, Brauen und Krempe wippt, lässt er Rauchzeichen steigen. Die Glut verbrennt fast seine Hände. „Eduard!“, ruft er hinüber zu seinem „Bodyguard“ Eddy Kante. Der serviert seinem Chef eine neue Zigarre. Udos „Geheimräte“, ein Tross von Getreuesten, haben Quartier in der Raucher-Lounge des Hotels genommen. Sie umringen ihren Boss stets wie einen Mafia-Paten. Neuerdings lebt die Lindi-Family nicht mehr im Hamburger „Atlantic“, so wie die letzten 16 Jahre, sondern in Berlin am Potsdamer Platz im „Hyatt“. Nah beim Musical, der Meister inszeniert ein wenig mit. Daher ist die „Panik-Zentrale“ vorübergehend verlegt.

Und ihr Bewohner ist ein Zeitreisender, rast im Gespräch vom Gestern ins Morgen. Der Anarcho von einst ist heute Nationalheld. Bundespräsident Wulff zitiert in seiner Antrittsrede Lindenbergs „Bunte Republik Deutschland“, beehrt ihn bei seinem Konzert zum Tag des Mauerfalls.

Der Geehrte streicht jetzt über seinen Totenkopfring und lässt die Beine über die Couchlehne baumeln. Er federt, dank Trennkost wiegt er 70 Kilogramm bei 1,76 m Größe. „Schleuderfix muss flexibel sein.“ Er tänzelt auf schmalen Füßen durch die Lobby, schlüpft aus seinen Schuhen. Wie schon bei der Bambi-Verleihung im November läuft der Lebenswerk-Preisträger gern auf Strumpfsocken. Die grasgrünen, die er trägt, sind das Geschenk eines Fans.

Und seine Hüte stammen aus einem Städtchen im Allgäu namens Lindenberg. Die Brille ist Marke „Schnuckel handmade“, so steht es geschrieben auf der Innenseite des Bügels.

Ein Schnuckel muss auch dieses „Mädchen aus Ostberlin“ gewesen sein, Lindenbergs Hit von 1973, Hymne und Hoffnung vieler DDR-Jugendlicher. Als glaubwürdigster aller friedensbewegten Deutschrocker singt er Risse in die Mauer und wiedervereinigt seine Fans lange vor der Wende. Es gab viele Mädchen aus Ostberlin, wobei die Sache mit mindestens einem wahr ist, einer Art Urmutter aller Folgenden. Sie heißt Manu, entstammt einer Sinti-Sippe. Er trifft sie in den 70ern in Höhe Friedrichstraße. Und fragt sie: „Aus welcher Galaxie kommst du?“ Und sie sagt: „Pankow.“

Eigentlich wollte diese Manu nun zur Premiere von „Hinterm Horizont“ erscheinen. Doch sie sei sehr scheu, sagt der Ex. „Hab ihr deswegen vorgeschlagen, dass sie später mal in Burka vorbeischaut, ne.“
Und dann erzählt er, wie sie sich damals immer nur für die Dauer eines Tagesscheins lieben können. Wie er zu spät bemerkt, dass Manu eigentlich mit einem NVA-Offizier zusammen ist. Dass sie als IM Intimes aus der Liaison mit dem laut SED-Jargon „mittelmäßigen BRD-Schlagersänger“ an die grauen Herren verrät. „Die Stasi hatte Stapel von Udo-Akten angelegt. Und unsere Liebe war nicht lebbar. Nicht mit diesem Pop-Chaoten, den vielen weiblichen Fans und seinem Kundendienst. Nach dem Motto: ,Hier macht´s Ihnen der Chef noch selbst´“, sagt Udo über sich.

Ein Ring von Marlene Dietrich

IM Manu wohnt heute in einem Bungalow im Speckgürtel Berlins, mit Ex-NVA-Mann und drei Kindern. „Das ist Strafe genug“, meint der Sänger. Wobei eines ihm sehr ähnlich sehen soll. Gibt´s Lindenzwerge? Er lächelt: „Wär doch schön.“ Heute aber liebt er seine „Komplizin“, wie er sie nennt, die Fotografin Tine Acke.

Während des Gesprächs tönen und blinken sein iPhone und iPad. Mal als Echolot, mal als Entengeschnatter, wichtige Freunde haben ihren eigenen Rufton. Und zu einigen hält er eine Standleitung ins Jenseits. Weil die ihre Nummer, die Adresse gewechselt haben, auf Dauer. Sein Bruder Erich etwa, der Udos großes Comeback nicht mehr erlebte. Ihm widmete Udo seinen Hit „Stark wie Zwei“ – und seitdem ist er stark und erfolgreich wie nie.

Eine himmlische Geheimnummer verwahrt er auch für jene Dame, deren Namen der Platz vor seinem Hotel trägt: Marlene Dietrich, Lindenbergs großes Idol und Deutschlands größter Weltstar. Als sie längst niemanden mehr zu sich lässt, knüpft der Verehrer zarte Bande. Er quartiert sich eine Straße entfernt von ihrem Pariser Appartement in der Avenue Montaigne 12 ein und schickt ihr Tonbänder. Marlene spricht ihre letzten überlieferten Texte für ihn. Er veröffentlicht sie 1988, lässt aus Dank Dietrichs Treppenhaus mit „roten Rosen der Liebe“ pflastern.

Und sie schenkt ihm einen Ring, auf dem eine „7“ prangt. „Steht für die sieben Tage der Woche“, erklärt er, „soll mich dran erinnern, jeden einzelnen zu leben, als wär´s der letzte.“ Es beginnt die Zeit, als Marlenes Lied „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ für ihn zum bösen Omen wird. Er droht, sich selbst zu verlieren, in den Armen von Lady Whiskey.

Verschwörerisch beugt sich der Panik-Patriarch heute über sein „Teechen“ und raunt. Der „Exzessor“ von einst sei fast trocken. Vorbei die Zeit, als er nicht nur künstlerisch tieftauchte, um das „nasse Gold zu heben. Nur manchmal muss die Nachtigall gurgeln mit Eierlikör, damit sie schöner singen kann.“ Aber „ohne Vibrator“ im Hals. Das war auch seine Bitte an die Sänger auf der Bühne, er wollte keine „Pflaumenkuchenmusik und kein Musical-Gejaule“.

Udo Lindenbergs „G-Punkt im Leben“

Nikotin und Alkohol haben Lindenbergs Stimme abgehärtet. Doch der Knabe mit dem Glockenstimmchen und den irren Gedanken blieb ihm bis heute erhalten. „Ich wollte immer ein Star werden, schon als Junge“, sagt er. Bereits vor fünf Jahrzehnten, als er die Schule schmiss, Kellner im „Löwenbräu“ in Münster war oder Page im Hotel „Breidenbacher Hof“ in Düsseldorf.

Da merkte er, dass der Falsche den Diener macht. Künftig wollte er selbst Gast sein im Nobelschuppen. Er reißt aus, trampt nach Hamburg. Lebt mit einem Komiker namens Otto Waalkes und einem Musiker namens Marius Müller-Westernhagen in einer WG.

Damals steht Lindenberg oft vor den Luxushotels und träumt sich hinein in diese schickste Möglichkeit, unstet zu leben. Und heute? Lauert in der Hotelgarage sein Panik-Porsche 911 Turbo. Mit ihm gleitet er im Schutz der Nacht an den Timmendorfer Strand zum Joggen. „Is mehr so ´n Flugzeug, brauchste mehr so ´n Pilotenschein, ne?“ Das Auto ist sein „Beichtstuhl“: Er führt dort Selbstgespräche. Seine Sprache, jüngst Jacob-Grimm-Preisgekrönt, stilbildete Generationen von Deutschrockern.

Und nun ist Udopia da. Er ist angekommen in dem Land, von dem er immer fantasierte. In dem alles wahr ist, was geträumt ist. Und der Mann lächelt, wenn er sich erinnert. Etwa an Klaus Doldingers Band Passport, in der er schlagzeugte. Bis heute erklingt sonntagabends um 20.15 Uhr sein Trommelwirbel in der „Tatort“-Melodie.

Vor vier Jahrzehnten schließt er seinen ersten großen Plattenvertrag über eine Million Mark ab. Er rennt zum nächsten Autoverleiher, mietet den größten Straßenkreuzer und kehrt zurück nach Gronau an der Dinkel in Westfalen, „meinen G-Punkt im Leben“. Die Leute stehen hinter den Gardinen und staunen. Lindenberg hupt vor dem Haus der Mutter, lädt sie ein zum Triumphzug durch die kleine Stadt seiner großen Sehnsüchte.

Heute, da ist sich der „Udonaut“ sicher, schauen Mutter Hermine und Vater Gustav ihrem Udo vom Himmel aus zu. „Die beiden sitzen da oben. Manchmal schieben sie die Wölkchen beiseite, gucken runter und freuen sich, ne?“
Dann muss Lindenberg wieder weiter. Wippt zum Abschied noch kurz mit dem Hut und atmet eine letzte Rauchschwade aus. Dort, wo er war, steht noch lange eine Wolke in der Luft.

Text: Tim Pröse