19. Oktober 2012 "Ich bin ein Außerirdischer"

Quelle
Frankfurter Neue Presse, 19.10.2012

Udo Lindenbergs produktive Form der Egomanie: neuer Bildband, neue DVD, neuer Fernsehfilm

Der Hamburger Rockmusiker stellt sein Gesamtkunstwerk unter den Titel "Ich mach mein Ding". Wer unter seinen Beobachtern hätte das je bezweifelt?

Udo Lindenberg, selbsternannter "Exzessor" und Panikrocker aus Passion, ist 66 und kein bisschen leise. Hinter ihm liegt die erfolgreichste Tournee seiner 40-jährigen Karriere. Ein mit viel Aufwand gedrehter Dokumentarfilm und ein kiloschwerer Fotoband zeigen den Sänger jetzt auf der Bühne und hinter den Kulissen. Beim Interview im Atlantic-Hotel in Hamburg sah Olaf Neumann eigentlich nur den typischen Udo-Mund, die auffällige Sonnenbrille und den obligatorischen Hut, unter dessen Rand eine qualmende Zigarre hervorlugte. Hier ein paar vernuschelte Antworten auf Fragen zum Älterwerden, zur Weltpolitik und zu den Anfängen des Deutschrock.

Herr Lindenberg, in dem Fotobuch "Ich mach mein Ding" mit Bildern von Tine Acke heißt es, Alter stehe für Radikalität und Meisterschaft. Was verstehen Sie unter Radikalität?

Radikale Shows, radikale Texte. Obwohl – das war bei mir früher auch schon so. Es war also eine Vorahnung meines irdischen Alters. Eigentlich bin ich ja ein E.T., deswegen zählt das irdische Alter bei mir nicht so sehr. Es ist nur eine Zahl von der Firma Scheißegal. E.T.s sind Wesen, die kommen von irgendeinem Kometen und rutschen dann ab über Gronau oder anderswo. Krachen da runter aufs Doppelkornfeld. Die Geschichtsschreiber hatten frei an dem Tag. Und später mal wird im Weltall weitergesungen. Hähähä. Aber bei meiner Fitness habe ich hier noch eine ziemlich lange Zeit. Mein Doktor gibt mir mindestens noch 30 Jahre.

Wie halten Sie sich fit?

Mit Schwimmen. Jeden Tag zwei Kilometer in Hotelpools – unter Wasser, mit Gummihut. Ein guter Körper ist wichtig für die Tourneen. Das Publikum zahlt fetten Eintritt und hat ein Recht auf einen fitten Sänger und eine superfitte Band.

Haben Sie heute noch höhere Ansprüche an sich selbst?

Früher dachte ich immer, im Alter wird man ein bisschen schlapper. So wie man es von früheren Generationen kannte: Mit 70, 80 war man uralt. Aber die Vertreter der ersten Rock-’n’-Roll-Generation, zu der Mick Jagger, Rod Stewart oder ich gehören, bleiben einfach so wie sie sind. Sie kriegen einen Charakterkopf mit edlen Falten, ansonsten macht Rock-’n’-Roll den Menschen zeitlos. Ich möchte nicht gemütlich die Füße hochlegen und mich auf meinen Lorbeeren ausruhen. Ich bleibe ein neugieriger Entdecker, immer auf dem Sprung. Eine Tournee ist immer ein Abenteuer. Man weiß nie genau, wie alles wird.

Ihre diesjährige Tournee wurde überraschend zur kommerziell erfolgreichsten Ihrer Karriere. Eine Versöhnung des Sängers mit seinem Werk, sagt Ihr Freund Benjamin von Stuckrad-Barre.

Ja, ja, das stimmt auch. Tausendmal "Sonderzug nach Pankow" oder "Rudi Ratlos" zu trällern, ist wie "Hossa, Hossa". Aber jetzt, wo wir so viele geile neue Songs haben, die übrigens genau solche Hits sind, fühle ich mich wieder frei.

Im Laufe der Proben und der Tour mussten Sie Ihren Nietengürtel immer enger schnallen. Hat Sie dieses Projekt besonders viel Kraft gekostet?

Konditionell würde ich das jedes Jahr machen können, psychisch weiß ich nicht. Ich glaube, wenn man monatelang unterwegs ist, stellt sich vielleicht doch Routine ein. Diese Tour hingegen hat sich jungfräulich angefühlt. Vieles lebt von der Flirterei mit dem Publikum. Ich kann die feuchten Augen und die weit aufgeklappten Seelen sehen. Das ist schon toll. Nach der Show gehe ich ins Hotel und krache erschöpft in die Pofe wie nach einem Boxkampf. Aber es kreiselt im Kopf weiter.

Für viele Künstler ist die Bühne eine Therapie. Auch für Sie?

Eine Therapie ist die Bühne für mich nicht, aber mein Zuhause. Diese Bretter bedeuten einen großen Teil meiner Welt. Ich teile die Geschichten meiner Songs mit vielen Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Wir gehen jetzt ja schon 40 Jahre gemeinsam durch die Zeiten mit allen Ups and Downs, sowohl privat als auch politisch. Von der Friedensbewegung bis zum Wegkriegen der Mauer. Sonst hätte ich ja meine heutigen Freunde von "Silbermond", "Rammstein", "Silly" und Clueso nie persönlich kennenlernen können. Durch die Maueröffnung hat sich mein künstlerisches Spektrum sehr erweitert.

Sie sind kürzlich über den großen Teich gefahren. Welche Beziehung haben Sie zu Amerika?

New York ist für mich auch eine Art Zuhause. Ich muss auch dort Autogramme geben, obwohl die manchmal gar nicht wissen, wer ich bin. "Oh, you must be Bono!" Früher, als ich ein bisschen runder war und einen leichten Schwellkopf hatte wegen der Sauferei, war ich für die Amis immer Ozzy Osbourne.

Text: Olaf Neumann

Bildband: Udo Lindenberg und Tine Acke, "Ich mach mein Ding". Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Großformat, 300 S. mit 500 Abb., handsigniert, 49,95 Euro.

DVD: "Deutschland im März 2012 – Ein Roadmovie" von Hannes Rossacher, vom 26. Oktober an, als DVD und BluRay sowie als Fan-Edition mit Bonus-Audio-CD.

Fernsehfilm: 01.12.2012, ARD, 23.45h.