SWR1-Moderator Stefan Siller traf Udo Lindenberg in seinem Zuhause im Hamburger Hotel Atlantik. Im Gespräch erzählt der Musiker von seiner neuen Platte, berichtet von seinen Erfahrungen mit Alkohol und philosophiert über Gott.
Stefan Siller:
Du wohnst schon 15 Jahre hier im Hotel Atlantik. Verliert man nicht den Bezug zur tatsächlichen Wirklichkeit, wenn man sich den ganzen Tag bedienen lässt?
Udo Lindenberg:
Die tatsächliche Wirklichkeit kriege ich schon mit, zumindest das, was ich davon brauche. Und es gibt ja auch noch andere Wirklichkeiten, die fernab derer normal wohnender Menschen liegen, zum Beispiel die Atmosphäre, wenn man nachts wie ein Phantom durch die Korridore geht. Und man kann hier mit der Malerei und der Musik wahnsinnige Phantasien haben, wenn man in die Tiefe der Komposition, der Literatur und der Philosophie einsteigt. Ich würde sagen, ich lebe in Wahrnehmungswelten, ich bin ein Wanderer durch die Welten. Und dann ist es auch egal, was ein Pfund Butter kostet. Ich bekomme natürlich mit, dass es zu teuer ist, und weltweit eine Lebensmittelkrise herrscht. Man sollte das auch ansprechen, die Armut in Afrika in Texten thematisieren. Im Rahmen unserer Udo-Lindenberg-Stiftung in Calw treten wir auch in Aktion, haben Initiativen in Tansania und Kenia.
Im Prinzip hast Du das erreicht, was Du wolltest, nämlich reich und berühmt zu werden. Wann hast Du Dir das vorgenommen?
Udo: Schon als Kind in Gronau - so wie der junge Hermann Hesse in Calw, der sehr früh wusste, dass er Schriftsteller wird. Manchmal wissen Leute früh, dass sie irgendwas mit Musik, irgendwas Wahnsinniges, machen wollen. Bei mir war das der Wunsch, als Schlagzeuger in ganz vielen Bands weltweit zu spielen. Ich wollte nicht in so einem kleinen pietistischen Dorf wie Gronau bleiben, ich musste da schnell "unterm Rad" [Anm. d. Red.: Titel eines Buches von Hermann Hesse] weg.
Aber ist man nicht sein Leben lang stolz darauf, wo man herkommt?
Udo: Ich nicht, nein. Das ist für mich eine Art Zufall. Ich sehe das so: Menschen fallen vom Himmel, wie Besucher aus irgendwelchen Wunderwelten, und landen irgendwo - in Baden, Schwaben oder Gronau. Und wenn man dann die kulturelle Identität kennen lernt und schätzt, wird die Welt schön bunt.
Der besondere Kick liegt in der Begegnung mit der anderen Kultur. Und wenn man ein Weltenwanderer ist, kommen die ganzen Farben zusammen, und man macht die größte Musik und die größten Texte.
Du hast gesagt, es interessiert Dich nach wie vor, was auf der Welt passiert. Aber das neue Album ist doch eher ein persönliches, privates geworden.
Udo: Das ist wie ein Interview mit Gott, da geht es sehr zur Sache. Ich frage also Gott: "Bist du überhaupt noch dabei, kriegst du überhaupt noch mit, was auf der Welt passiert, im Sudan oder so?" Und Gott antwortet in diesem Interview: "Hey, ich hab doch die ganzen Berater, meine besten Leute runter geschickt, Martin Luther King, Gandhi und Jesus, sogar den scheinheiligen Vater. Ihr seid aber immer noch die alten Idioten und klebt an Kirche und Religion, habt diesen Religionswahn vom einzig wahren Gott. Ihr müsst in eine Verantwortlichkeit einsteigen für diesen kleinen Planeten und könnt nicht immer alles den Göttern in die Schuhe schieben." Wir Menschen sollten losgehen, uns über die Grenzen begegnen und schauen, in welcher Verantwortlichkeit wir hier im privilegierten Norden stehen.
Du gehörst keiner bestimmten Glaubensgemeinschaft an?
Udo: Nein, ich bin Freidenker und Flexibilist. Und was den Glauben an Gott betrifft, da habe ich einen Optionsschein in der Tasche. Ich bin sehr empfänglich und noch im Standby, warte also auf Signale. Aber ich hatte öfter schon den Eindruck, auf die Gottheiten ist schlecht Verlass, gerade dann, wenn sie dringend gebraucht wurden, in Katastrophensituationen.
Für manche ist eine Ausflucht der Alkohol, das war es für Dich auch eine Zeit lang?
Udo: Ja, zum Anfeuern, um ab und zu Sternschnuppen etwas genauer auszumachen oder neue zu finden. Man trinkt ja nicht nur, um sich wegzudröhnen sondern eben auch wegen der Inspiration. Bereits in jungen Jahren ist bei mir mancher Text im Brausebrand entstanden. Es geht aber auch ohne Stoffe von außen. Man kann auch aus sich selbst heraus die größten Sachen schaffen. Das zeigt Hermann Hesse in seinem Buch "Siddharta": Aus der totalen Askese heraus kannst du das ganze Leuchten der Welt sehen.
Und vom Koma-Saufen halte ich nichts. Wenn einem die Welt nicht passt, sollte man lieber mit Energie hingehen und sie ändern. Völlig breit ist man ja eigentlich in einer Art Opferrolle. Du liegst nur noch in der Ecke, bist besinnungslos und kannst froh sein, wenn du überlebst.
Es sind ja Einige, auch aus der Kultur, relativ frühzeitig über den Jordan gegangen. Und so kurz davor warst Du ja auch mal.
Udo: Ja, und es wäre wirklich schade drum gewesen. Ich habe da jede Menge Songs drüber gemacht, zum Beispiel "Lady Whiskey" oder "Das nasse Gold". Manchmal neigt man dazu, Grenzen zu überschreiten. Deshalb passe ich jetzt ein bisschen auf, mache das etwas gezielter. Sich ein wenig anfeuern ist durchaus mal okay, aber ich kann auch prima nüchtern, clean und fit sein. Dann bin ich in der Wildnis mit dem Jeep unterwegs und freue mich, dass mein Körper fit ist und ich ihn nicht niedergerichtet habe, dass er das alles überlebte.
Der Beitrag ist die gekürzte Fassung eines Gesprächs Stefan Sillers mit Udo Lindenberg in der Sendung "SWR1 Baden-Württemberg Leute" am 27.6.2008. Hier könnt Ihr Euch das Interview ganz anhören:
http://mp3.swr.de/swr1/bw/leute/udo-lindenberg-saenger-maler-und-original.6444m.mp3