Gronau - Große Nummern ist er gewohnt: Udo Lindenberg ist noch mal richtig durchgestartet, hat zwei Nummer-eins-Alben veröffentlicht und im vergangenen Jahr bei der ersten Stadiontour fast 200.000 Fans begeistert. Die Idee, ihm ein Denkmal aus Bronze zu errichten, fand er zu abgehoben. „Zu viel Personenkult“. Aber erstens kommt es anders…
Ein Interview von Carsten Voß
Deine Fans vom „Syndikat L“ in Gronau wollen dir ein Denkmal errichten. Du wolltest eigentlich nicht.
Erst habe ich so meine Probleme mit dem Personenkult gehabt - das Teil ist ja drei Meter groß! Ich bin ja eher ein scheuer, schüchterner Mensch…
…und dann?
Die Gronauer Experten haben sich das so sehr gewünscht, und die Idee fand auch die Zustimmung der meisten Menschen, die in Gronau leben. Das wollte ich nicht ausbremsen. Andere müssen warten, bis sie sich ihr Denkmal aus der Radieschen-Perspektive angucken können, posthum und so. Ich habe jetzt schon was davon.
Ziemlich groß geraten ist die Statue trotzdem…
Ich seh‘ das symbolisch: Das Denkmal steht nicht nur für mich, sondern auch für all die anderen Abenteurer und Entdecker, die mal hinter den Horizont gucken wollen. Für all die jungen Leute, die zu neuen Ufern aufbrechen, um die Welt zu entdecken. So wie James Cook, Humboldt oder Kolumbus. In dieser Tradition sehe ich mich. Und letztlich ist es ja auch für Gronau gut, wenn Pioniere losziehen und irgendwann mit goldenen Erkenntnissen in ihre geliebte Heimatstadt zurückkehren…
Das Denkmal soll ausgerechnet an der alten Bundesstraße 54 stehen, von der du einmal gesagt hast, sie sei die schönste Straße der Stadt, weil sie aus ihr hinausführt. Ironie der Geschichte?
Junge Pioniere müssen raus aus der Beengtheit der kleinen Städte. Als der Rock’n’Roll rüber nach Gronau kam, in die Gartenstraße, da musste ich trampermäßig losziehen und die Welt entdecken. Aber irgendwann kommt man dann mit neuen Erfahrungen und geläutertem Pioniergeist gerne zurück, um in der kleinen Stadt neue Dinge an den Start zu bringen. Die B54 ist jetzt auch die schönste Straße, weil sie wieder nach Gronau zurückführt.
Ist Gronau für dich noch immer - oder wieder - ein Stück Heimat?
Ich bin ein ET, weißt du ja. Ich seh‘ mich gesamtdeutsch, gesamtinternational. Die Welt ist mein Zuhause. In Deutschland sind Hamburg und Berlin meine Panikzentralen. Und Gronau, na klar. Einige Freunde von früher sind noch da, auch einige neue Gronauten, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt habe. Die stärkste Connection ist die zu meinem alten Freund Clemens Buss. Wenn ich da bin, geh’ ich mal in meine alte Schule, in meine alte Kneipe, ‘n bisschen Memories austauschen und gucken, ob es Neuigkeiten gibt.
Wo jetzt das Denkmal aufgestellt wird, befand sich der alte Schützenhof, in dem du deine ersten professionellen Trommelversuche gestartet hast. Erinnerst du dich?
Klar, das ist ein Meilenstein-Erlebnis. Mein Bruder Erich hatte mich damals zur Old Time Jazzband mitgenommen. Dann seh‘ ich da mein erstes richtiges Schlagzeug wie Oskar Matzerath (Hauptfigur der „Blechtrommel“, d. Red.), und donner‘ richtig los. Ich war elf, ein mozartmäßiges Naturtalent. Von da an ging die Trommelei so richtig los.
Wieviel Schlagzeuger steckt noch in dir?
Viel! Wenn ich unterwegs bin in irgendwelchen Clubs, dann setz‘ ich mich ans Schlagzeug und trommle ‘ne Runde. Den ACDC-Rundschlag hab‘ ich noch ganz gut drauf.
Wirst du bei der Denkmal-Enthüllung dabei sein?
Ich komm‘ da mal hin, ganz überraschungsmäßig. Wenn die Gronauten so was Geiles, Ehrenvolles machen, ist doch klar, dass die Nachtigall da auch erscheint.
Die Veranstalter erwarten am 16. Mai bis zu 4000 Menschen, deine letzte Tournee mit vier Stadionkonzerten haben 200.000 Menschen besucht. Musst du dich angesichts solcher Dimensionen nicht manchmal selber kneifen?
Ich find‘ das sehr gut, bin von Natur aus ja von der Firma ‚Think Big‘ (lacht). Aber immer charmant, mit Augenzwinkern und Selbstironie. Nur so geht das ja auch. ‚Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen‘, hat Hermann Hesse gesagt. Dass es so ein Vogel wie ich mit fast 70 es hinkriegt, in großen Stadien aufzutreten, wo von den ganz jungen Lindianern bis zu den Rock’Roll‘-Omas alle am Start sind, hielten viele für unmöglich. Für mich war das „Think Big“. Wenn so was funktioniert, und dabei auch unsere Inhalte für Toleranz, gegen Rassismus und Fremdenhysterie, Zuspruch finden, ist das supergeil. Deshalb freue ich mich über jeden, der kommt.
In Gronau gibt es einen Udo-Lindenberg-Platz, „panikhistorische“ Stadtrundgänge und jetzt auch ein Lindenberg-Denkmal. Was soll da noch kommen?
In 30 Jahren, wenn ich abgekratzt bin, können sie ja immer noch ein Mausoleum für mich hinstellen. Wie Lenin in Moskau, so Lindi in Gronau.
Am 17. Mai wirst du 69. Du könntest nach langer Zeit mal wieder einen Geburtstag in Gronau feiern.
Mal gucken. Möglicherweise habe ich in der Nacht noch einen Geheimratstermin in Amsterdam…
In Kürze stehen die nächsten großen Stadionkonzerte an. Wie hältst du den ganzen Stress körperlich durch?
Ich hab’ ja Kondition, ich jogge nachts immer ‘ne Dreiviertelstunde. Für die Shows auf den Riesen-Bühnen muss ich topfit sein. Da muss ich tanzen, rennen, singen, Rolle rückwärts machen, schwindelfrei sein. Das geht nur, wenn die flinke Sohle nachts wirklich unterwegs ist.