Udo Lindenberg ist so erfolgreich wie nie. Im Playboy spricht der Sänger über seine zwei Leben als Rockstar, tiefe Krisen unterm Tresen, Staatsempfänge im Bett und warum er statt Hut manchmal lieber eine Burka trägt.
Hier ist immer blaue Stunde: Die Bar des Hamburger Hotels „Atlantic“ hat was Nautisches. Wie eine Offiziersmesse. Messingreeling, Artdeco-Leuchter, schummriges Licht. Während noch ein Bierchen kommt, spielt der langhaarige Pianist einen Beatles-Song. Da vergisst man schon mal den Landgang. Doch dann öffnet sich die Tür der Smoker’s Lounge, und der Käpt’n bittet zum Gespräch: Udo Lindenberg, seit Jahren Dauerresident in diesem Haus, tänzelt freundlich plaudernd voraus zu Tisch. Er ist überraschend klein – und in Begleitung von Tine Acke, über deren Rolle in Udos Leben die Boulevardpresse seit Wochen spekuliert. Er nimmt einen Schluck Fruchtsaft, dann wieder die Zigarre, die sein legendäres Nuscheln verstärkt.
Playboy: Udo, Ihre erste deutschsprachige Platte, „Daumen im Wind“, kam 1972 raus. Genau wie der erste deutsche Playboy. Wir hatten gemeinsam Geburtstag, Glückwunsch nachträglich!
Lindenberg: Danke schön! Ihr seid 40? Wahnsinn.
Playboy: Ja, die Zeit vergeht. War sie damals reif für deutschen Rock ’n’ Roll?
Lindenberg: Die Resonanz war jedenfalls okay. Es gab ja bis dahin kein echtes straightes Straßendeutsch. Also hatte ich zunächst die ganze Schlager-Lobby, Ralph Siegel und dergleichen, gegen mich. Auch bei den Sendern haben viele Leute gesagt: „Den spielen wir erst gar nicht.“ Ich habe ja die Schlagerleute und das verlogene seichte Zeug attackiert in meinen Texten, Dieter Thomas Schreck oder Heino, mach deinen Scheiß allein und so.
Playboy: Warum war das Deutsche vorher nicht rockfähig?
Lindenberg: Es gab das schon ein bisschen bei Rio Reiser, für die Besetzerszene, die Apo und so. Aber als ich aufwuchs, herrschte noch totales Schweigen. Keiner war es gewesen, es gab viele traumatisierte Leute nach dem Weltkrieg, da war Deutsch tabu. In den 1950ern kamen dann Elvis und so. Aber in Sachen deutscher Rock ’n’ Roll war nicht viel los. Und ich dachte, es muss gehen! Ich werde es hinkriegen. Und wenn ich mir noch ’ne Flasche Doppelkorn reinziehe.
Playboy: Das half dann?
Lindenberg: Ich war ja erst Trommler, zwölf Jahre lang, auch in München bei Klaus Doldinger, und habe nebenbei immer Tagebuch geschrieben: Das mysteriöse Leben des Udo L. Ich dachte, so was zu singen wäre ganz gut. Die erste Platte war dann noch auf Englisch, 1971, da habe ich gemeint, ich werde sofort Weltstar. Ein grausamer Flop, 700 Käufer, einschließlich meiner Oma. Aber nach der dritten Flasche Doppelkorn machte es irgendwann klickediklick, und ich dachte: Okay, Hoch im Norden, das ist das erste Ding, „und hinter den Deichen bin ich geboren“ – Dichtung und Wahrheit. Ich komme ja aus Gronau im Münsterland, da musst du lange gucken, bis mal ein Deich kommt.
Playboy: Dafür kamen Sie in die Charts.
Lindenberg: Ein Volltreffer. Dann Andrea Doria, 1973. Das war der Underground-Hit, und Rudi Ratlos, da wussten alle Bescheid: Es geht doch.
Playboy: Der Udo-Sprech war geboren. Woher kam der?
Lindenberg: Das war Szenejargon. Wie Martin Luther, dem Volk aufs Maul geschaut. Graffiti-Sprüche, die in der Luft lagen in den qualmigen Kneipen. Und dann irgendwie breit auf den Bierdeckel, tataram, hier mal eine Zeile hingeschrieben, da noch ’n Spruch. Goethe wäre schwierig gewesen. Heine ging nicht, Adorno auch nicht. Da musste eine völlig neue Sprache her. Ich dachte mir: Ein deutscher Popstar, wie sieht der aus, was macht der? Dann hab ich mir den ausgedacht und wurde der. Er war ja bereits angelegt in mir, nur noch nicht so kultiviert.
Playboy: Mittlerweile haben Sie zwei Rockstar-Leben. Eines in den 70ern und 80ern und eines heute. Was ist der Unterschied?
Lindenberg: Damals, das war schon anders. Heute sind viele ganz junge Fans dabei, viele Kinder. In den 70ern war ich eher Jugendstar.
Playboy: Damals gab’s Led Zeppelin. Heute gibt’s Casting-Shows.
Lindenberg: Den Scheiß gucke ich mir nicht an. Wir haben ja mit der Udo-Lindenberg-Stiftung unsere eigene Show: den Panik-Preis für junge Musiker, die sich auszeichnen durch provokante Texte, die eigenwilliges Zeug machen, das keiner im Radio spielt. Genau diese Leute kriegen einen Crash-Kurs bei mir. Dann wissen die schon eine ganze Ecke besser Bescheid über den Beruf. Also, Rockstar ist ein supergeiler Beruf. Würde ich jedem gönnen.
Playboy: Aber nicht alle sind berufen.
Lindenberg: Ja, genau. Man muss schon verrückt sein. Für normal bin ich nicht zuständig. Das können die anderen machen.
Playboy: Als Rockstar ist man ja auch Vorbild. Wie ist der Mann heute im Vergleich zu damals?
Lindenberg: Ganz, ganz damals war er immer nur hart. Dann kam Marlon Brando, von dem sie alle gelernt haben. Und James Dean, der geweint hat auf der Leinwand. Männer zeigen heute mehr ihre Feelings.
Playboy: Mit dem Zeigen von Gefühlen und Schwächen haben Sie ja kein Problem, oder?
Playboy: Sind Sie manchmal einsam?
Lindenberg: Nie. Alleine ja, und zwar auch gerne ab und zu. Das ist wichtig, dieses Sichselber-Begegnen. Aber nicht nur um zu relaxen, sondern auch um Sachen auf den Grund zu gehen. Let’s go indisch – auch auf die Gefahr, dass du niemandem begegnest. Das gibt’s ja in manchen Fällen. Aber ich begegne mir ganz gut.
Playboy: Es gab eine Zeit in den Neunzigern, da war Udo für uns da draußen nur noch eine Erinnerung und viele gute alte Platten im Schrank.
Lindenberg: Da hatte ich eine fiese, miese Krise. Da saß ich oft am Tresen und versuchte, mich nach vorne zu trinken. Gucken, wie geht’s weiter. Ich musste umswitchen vom Sänger für Jugendliche – „Bravo“-Starschnitt und so – zum Rock-Chansonnier, der einen neuen Sound findet. Und Texte, die zu ihm passen, weil er nach irdischer Zeitzählung älter geworden ist.
Playboy: Nach irdischer Zeitrechnung?
Lindenberg: Die gilt ja für mich nur bedingt, ich bin ja E.T., nicht so ganz von dieser Welt, über Gronau vom Planeten gerutscht und auf einem Doppelkornfeld gelandet. Alter ist nur eine Zahl, scheißegal. Wir wollen nicht Kinder erschrecken und mit dem grauen Sterbeflanell durch die Gegend gehen. Ich bin lodenfrei.
Playboy: Hätten Sie damals gedacht, dass Sie noch mal so durchstarten? Dass Sie 2012 mit „Ich mach mein Ding“ Ihre größte Tour überhaupt absolvieren würden, dokumentiert in einem Fotoband von einer jungen Freundin, Tine Acke?
Lindenberg: Nee, ich war absolut unsicher, als ich noch vor’n paar Jahren besoffen unterm Tisch lag in der Kneipe, in der „Ritze“ etwa. Und zwar tagelang, nächtelang. Tine hat mich da auch schon abgeholt unterm Tresen. Nee, ob das weitergehen würde oder ob ich da abkratze oder so, wusste ich echt nicht.
Playboy: Sie hatten Glück.
Lindenberg: Ja, das ist der totale Hammer. Jeden Morgen wache ich jetzt mit einem Lächeln im Gesicht auf und kneife mich: Träume ich? Nee, es ist alles wahr. Ich singe die Texte, mit denen ich richtig was zu tun habe, die von früher und von morgen und übermorgen handeln. Und ich freue mich natürlich über die Zusammenarbeit mit Clueso, mit Jan Delay und mit den anderen Jungen, wo ich mal der große Bruder bin, aber auch mal der kleine Bruder, der gerne zuhört.
Playboy: Ihr „MTV Unplugged“-Album mit den Jungstars war wie eine Wiedergeburt des alten Udo. Was haben die jungen mit Ihren alten Weggefährten gemein?
Lindenberg: Die sind alle schön verrückt, alle vom Wahnsinn geknutscht. Und natürlich haben diese wunderbaren Producer, Andreas Herbig mit Henrik Menzel und Jem Seifert, das eben auch so geil umgesetzt, das blüht alles auf. Die Songs kriegen ein frisches Kleidchen angezogen, mal einen Mini, mal ein Abendkleid, mal ein bisschen Reizwäsche. Neue Kleidung, sage ich mal so, für zum Teil auch ältere Songs.
Playboy: Früher haben Sie in einer WG mit Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen gewohnt. Sind das auch noch Freunde von Ihnen?
Lindenberg: Einige ja. Es waren ja mehrere WGs. Meine allererste war mit den City Preachers und Inga Rumpf, eine begnadete Sängerin, ’ne Seemannstochter. Ich war für die Küchenarbeit nicht geeignet, also war ich der Shit-Einholer. Ich kannte mich da ein bisschen mit aus und habe ordentlich Shit eingekauft für die WG. Und dann später mit Otto Waalkes, da waren wir lauter Jungs, die alle Stars werden wollten, auch Marius.
Playboy: Sehen Sie Ihre Ex-Mitbewohner noch?
Lindenberg: Zu manchen habe ich immer noch einen guten Draht, zu Otto einen extrem guten. Mit Marius weniger, den treffe ich praktisch nie.
Playboy: Ist er ein bisschen abgehoben?
Lindenberg: Weiß nicht. Aber er sagt auch selber, dass er da Probleme hatte mit der Dimension in den Stadien und so und ihn da etwas befremdet hätte. Ich müsste ihn noch mal ein bisschen genauer checken. Ich mag über Leute, die ich lang nicht gesehen habe, nicht gern urteilen.
Playboy: Was uns bei Otto interessieren würde: Kann ein Mann wirklich immer so lustig sein? Ihm wird ja gerade von seiner Ex-Frau die Hose ausgezogen, und er ist immer noch heiter.
Lindenberg: Ja, ist er wirklich meistens. Er ist einfach ein Spruchmeister, er verstellt sich nicht. Auch mit Helge Schneider ist das so. Da denkt man manchmal, dass das alles ein bisschen abstrakt ist. Aber du kannst mit ihm auch ganz cool reden in stillen Momenten.
Playboy: Wie geht das, nicht zur Karikatur zu werden, wenn man Ikonenstatus hat?
Lindenberg: Durch Beibehaltung deines Stils. Und indem du dich trotzdem immer wieder erneuerst. Abenteurer bleibst und man dir das auch anmerkt, dass du aufm Sprung bist ins Niemandsland, wo noch keiner war im künstlerischen Leben. Aber das ist auch ein bisschen riskant. Mein Leben ist gut für Überraschungen, sagen wir mal so. Ich gehe die Straße lang, und 200 Meter vor mir sind Leute. Ich rede ein bisschen mit meiner Freundin, und die drehen sich um und erkennen mich über Hunderte von Metern an der Stimme.
Acke: Sogar, wenn du als Elvis verkleidet bist.
Playboy: Udo verkleidet sich als Elvis?
Acke: Ja, er verkleidet sich häufiger.
Lindenberg: Ich tarne mich manchmal mit Perücke, Ohrenklappen und all so was. Oder einer Burka mal.
Playboy: Einer Burka?
Lindenberg: Ja, irgendwelche Tücher. Ganz interessant. Aber die erkennen mich dann am Gang, an meinem raubtierartigen Schleichgang.
Playboy: Sagen Sie mal, Tine: Wie ist das, wenn Udo abends nach Hause kommt, legt er dann Hut, Sonnenbrille und den Rockstar ab und ist der Feierabend-Udo?
Acke: Nein, Udo ist immer gleich. Das ist eins zu eins bei ihm.
Playboy: Haben Sie Prinzipien, Udo, Lebensregeln?
Lindenberg: Ich folge meinen eigenen Gesetzen. Wobei, ich habe eigentlich nur Hermann Hesse ein bisschen übersetzt in meine Sprache, der die heilige Individualität – highlige geschrieben, die highlige Individualität – feiert und dazu ermuntert, keinen Lehrern zu folgen, sondern: „Folge den Gesetzen, die dein Blut dir rauscht.“ Das lebe ich radikal, aber ohne anderen wehzutun.
Playboy: Wobei ja viele Leute, die mit 20 Hermann Hesse gelesen haben, irgendwann Karriere machen, Reihenhaus, Familie, Kohle ranschaffen. Ist das ein Fehler?
Lindenberg: Das ist auch okay. Das muss jeder mit sich selber abmachen. Mich hat das nie gereizt. Wenn, dann ganz, ganz kurz, früher mal für einen Moment. Habe es aber sofort wieder verworfen. Ich wollte eigentlich immer Abenteurer sein, viel unterwegs. Deswegen wohne ich ja auch im Hotel. Ich will nur einen Koffer haben, ein bisschen Reizwäsche und . . .
Acke: . . . die grünen Socken.
Lindenberg: Ja, meine schönen grünen Socken, die ich hier trage, weil ich diese endlos langen Beine habe. Auf der Bühne ist es manchmal ein bisschen neblig und dunkel. Damit ich weiß, wo ich gerade langtanze, hab ich die grünen Socken. Ansonsten brauche ich nicht viel. Ich kann spontan losziehen, fahre zum Flughafen, gucke mir die Tafeln an, sag: Oh, geile Städte, da war ich schon lange nicht mehr, da fahre ich jetzt mal eben hin. Und nicht zu Hause eine Riesenfamilie, die sagt: “Äh, das geht aber nicht.“ Meine Freundin Tine ist auch sehr eigenständig, das ist wunderbar. Wenn sie sagen würde, so, ich geh streunen, bin mal kurz weg: kein Problem, easy.
Playboy: Macho waren Sie nie, oder?
Lindenberg: Nee, ich galt eigentlich eher als Feminist. Zum Beispiel bei der großen Jubiläumsparty, zehn Jahre „Emma“: Wer wurde eingeladen als einziger Typ? Ich.
Playboy: Seltsam, wir nicht.
Lindenberg: Ihr nicht? Also, ich bin ja auch einer, der Frauenpower schätzt. Auf der Bühne hatten wir immer schon starke Frauen dabei, Gianna Nannini, Ulla Meinecke. Ich hätte auch gern Frauen in der Panikband.
Playboy: Haben Sie Feinde?
Lindenberg: Es gibt sicher eine Menge Neonazis oder so, die mich zur Hölle wünschen. Aber ich habe natürlich Bodyguards. Es gab da Bedrohungen, Drohbriefe und so.
Playboy: Nur irgendwelche Spinner?
Lindenberg: Ja, Spinner, Kranke. Guck dir den Fall John Lennon an. Das ist ein bisschen Berufsrisiko. Aber ich habe viele gute Geister, die mich begleiten, und in manchen harten Zeiten ist auch Tine voll an meiner Seite, zum Beispiel als ich dachte: Nipple ich bald ab? Ich mache jetzt Sport, schwimme jeden Tag zwei Kilometer – so mit Gummihut. Und wenn es dunkel ist, schwimmt einer voraus mit einem Kerzenleuchter.
Playboy: Können Sie sich frei bewegen in Hamburg?
Lindenberg: Ja, obwohl es Luxus ist, dass ich einfach in den Bahnhof reingehe und mir einen Rollmops hole. Dann kommen die Leute und sagen, Udo, komm, dann schreibe ich was auf irgendeine Serviette und mach eine Zeichnung. Dann sind die reich beschenkt und sagen, das ist ja eine Million wert. Und ich sage, ja, da hast du Recht, ich hab dir gerade eine Million geschenkt. So leicht geht das. Und dann fresse ich da meinen Rollmops und ziehe weiter. Ich bin so eine Art VEB-Sänger, volkseigener Betriebssänger hieß das früher in der DDR. Ich treffe ständig Leute, schnacke, auch über Songtexte und so, wenn ich die gerade schreibe.
Acke: Da bist du oft im Bahnhof.
Lindenberg: Ja, für Umfragen, wie die Texte so funktionieren.
Playboy: Udo, Sie sind auch immer politisch gewesen. Aber im Grunde nie richtig rockerböse. Gibt es etwas, das Sie hassen?
Lindenberg: Verbrechen gegen die Menschlichkeit, so ein Oberschwein wie Assad oder so einen Ganoven Putin oder die rumeiernden Chinesen, die durch ihr dusseliges Veto in der Uno die ganzen Grausamkeiten mittragen. Die Uno ist zu schlapp drauf. Müsste man ändern. Und zwar müsste sie demokratisch abstimmen. Es geht nicht an, dass ein Land wegen irgendwelcher Interessen die Weltgemeinschaft blockiert. Beim Völkermord in Ruanda etwa. Da wirst du bekloppt. Deutschland als friedenspolitischer Impulsgeber müsste da ganz vorne stehen.
Playboy: Sind wir außenpolitisch zu schlapp?
Lindenberg: Wir Deutschen haben einen besonderen Auftrag. Da erwarte ich Visionen von der Kanzlerin und dass sie die auch klarer äußert. Jemand wie Obama, wunderbar, der geht nach Kairo! Wir erheben ja keinen Anspruch auf die einzige Wahrheit. Man sollte allerdings ruhig auch sagen: Steinigung und die Scharia sind auch nicht unbedingt erstrebenswert. Keine Frauen an den Unis, seit hundert Jahren kein Nobelpreis: Das ist natürlich daneben. Aber eine Verhärtung der Fronten bringt die Menschheit nicht weiter. Deswegen: dem anderen zuhören, vertrauensbildende Maßnahmen, ein wenig anlockern, da kann Musik auch eine Rolle spielen.
Playboy: Wenn Udo im Radio läuft, hört man meist „Ich lieb dich überhaupt nicht mehr“ oder „Hinterm Horizont“. Aber Sie sind doch Rocker. Wie ist das, der Mann für Balladen zu sein?
Lindenberg: „Ich mach mein Ding“ läuft auch viel im Radio. Aber viele Leute lieben an mir diese leichte Melancholie in der Stimme. Die hören das im Radio, dann fahren die rechts ran, fangen an zu heulen, die können ja nicht weiterfahren. Scheibenwischer noch an, nicht direkt vorm Auge. Das müsste man eigentlich noch mal erfinden, Scheibenwischer direkt am Auge.
Playboy: Sind Sie Romantiker?
Lindenberg: Manchmal. Hält sich in Grenzen.
Playboy: Tine, ist Udo Romantiker?
Acke: Er kann extrem unromantisch sein, aber auch extrem romantisch. Bei Udo ist alles extrem. Meiner Mutter schickt er alle paar Wochen Blumen, oder mal ne Dose Kichererbsen. Und wenn wir uns nicht sehen – was häufiger vorkommt, weil ich ja auch sehr busy bin – ruft er alle paar Stunden an und schickt liebe SMS.
Playboy: Udo, zwischen Tine und Ihnen, das ist Liebe – oder stand das nur in der „Bild“-Zeitung?
Lindenberg: (lacht) Ich hab denen erzählt, wir sind Komplizen. Ist es auch Liebe? Ja klar liebe ich Tine. Wir kennen uns schon ewig, und wir machen viele geile Sachen zusammen.
Acke: Wir stellen das nicht so raus, wir wollen beide als eigenständige Künstler wahrgenommen werden und nicht als . . .
Playboy: . . . Spielerfrau?
Acke: Eben, eben.
Lindenberg: Ja, genau. Nee. Und das Privatleben soll man ja auch schützen.
Playboy: Frauengeschichten haben Sie nie groß rausgelassen. Keine Skandale, keine Randale, nie Hotelsuiten zerlegt, stattdessen wohnen Sie drin!
Lindenberg: Seit 30 Jahren. Aber zerlegt? An die Tapete gekotzt habe ich mal. Ist ein bisschen her. Macht ja jeder. Ist auch ein nettes Muster, mit Rotwein, fast wie ein Gemälde. Wenn du es unterschreibst, kannst du es bei Ebay verticken.
Playboy: Gibt es irgendwas, das Sie nie getan haben, aber noch erreichen möchten?
Lindenberg: UNO-Botschafter sein. Dass es wirklich eine Weltgemeinschaft ist, dafür möchte ich mich noch stärker einsetzen. Manche sagen ja, Udo sollte mal Bundespräsident werden.
Playboy: Sind Sie bereit?
Lindenberg: Da muss ich noch ein bisschen reifen. Wenn ich 70 bin, stehe ich bereit. Aber dann müssen die vieles ändern am Protokoll. Dann kommen die Staatsbesuche immer erst mittags, ohne militärische Ehren, direkt ans Bettchen, trinken schön Eierlikör und feiern Freundschaft und Frieden.
Foto: Sven Sindt