LEIPZIG - Rock-Fossil Udo Lindenberg im Interview. Über Leistung, Luxus und letzte Wünsche.
Rauchschwaden ziehen durch die Garderobe von Udo Lindenberg. Der alte Panik-Rocker fläzt sich auf einem Sofa, zieht an einer Zigarre und blinzelt lässig hinter der Sonnenbrille hervor. Die Füße hat Lindenberg neben einer Früchteschale auf den Tisch gelegt. «Magst du Champagner?», fragt er zur Begrüßung, schenkt ein und wirft eine Erdbeere ins Glas. Er selber trinkt Tee. Ein paar Minuten später wird Lindenberg vor 45'000 Fans in der Red Bull Arena in Leipzig (D) auftreten.
Blick: Sind Sie kein Genießer mehr?
Udo Lindenberg: Oh doch. Ich trinke ja nicht nur Tee. Ich mag auch Schweizer Kräuterschnaps. Hauptsache, es knallt.
Sie sind seit mehr als vierzig Jahren im Showbusiness. Wie haben Sie sich Ihren Enthusiasmus bewahrt?
Ich bin ein Abenteurer und Entdecker. Ich bin ein Kolumbus und will Niemandsland entdecken, sein, wo noch keiner war. Dinge wie meine Stadientour geben mir neue Kicks. Es gibt noch so viele Abenteuer in der Musik. Nur die alten Dinge von früher wieder auszupacken, das wär nichts für mich.
Wie bleiben Sie neugierig?
Man soll sich seine Kinderseele erhalten, die Welt immer noch mit großen Augen anschauen, versuchen, etwas zu ändern. Wenn ich all die Missstände sehe, kann ich nicht still sitzen. Der Mensch soll sich nicht abfinden mit all den Beklopptheiten auf dieser Welt. Der Sinn des Lebens ist doch, sie in einem besseren Zustand zu verlassen, als man sie betreten hat. Jeder hat seine Aufgabe. Aber eben auch seinen Spaß.
Sie machen jetzt – mit 68 Jahren – Ihre erste Stadiontour. Haben Sie da ein spezielles Fitnessprogramm?
Ich fühle mich zeitlos. Auch wenn ich sieben Zigarren am Tag rauche. Mental fühle ich mich stets irgendwo zwischen Kind und altem Indianer. Der Greis ist heiß! Jeden Abend jogge ich nicht weniger als zehn Kilometer. In meiner Show muss die Kondition stimmen, sonst halte ich den Auftritt gar nicht durch. Allein die Show selbst ist mit drei Stunden ein Kraftakt.
Wie erklären Sie sich Ihren anhaltenden Erfolg?
Ich mache immer was Neues. Mit mir sind auch viele neue Künstler auf der Bühne. Clueso, Jan Delay, Max Herre. Damit erreicht man auch ein jüngeres Publikum. Einmal war Cher an meinem Konzert, da sitzen dann auch Familien mit Kindern. Panikrock passt sehr gut mit Hip-Hop zusammen.
Was machen Sie anders als vor vier Jahrzehnten?
Ich saufe nicht mehr vor den Auftritten. In meinem Tee ist nur Tee drin. Das ölt die Stimme ordentlich. Vor der Show musst du total klar sein im Kopf. Ich brauche keinen Alkohol mehr gegen das Lampenfieber. Eine Menge Leute planen hier alles auf die Minute genau. Fehler kann ich mir nicht erlauben. Aber nach der Show gibt es ein gezieltes Besaufen.
Was ist für Sie Luxus?
Freiheit und die Zeit, die ich so einteilen kann, wie ich will. Die Möglichkeiten, das zu tun, was ich will und zu dem Zeitpunkt, den ich mag.
Worauf sind Sie speziell stolz?
Ich habe die deutsche Sprache mit Rock als Breitensport neu erfunden und etabliert. Unsere Sprache hat nun eine Kulturidentität. Die Jungen heutzutage singen auch auf Deutsch, nicht nur Englisch. Straßendeutsch findet man bei mir nicht. Ich singe hohe Literatur. Und das für ein breites Publikum. Ich bin absolut dagegen, nur als Entertainer angesehen zu werden, sondern bringe politische Inhalte rüber. Gegen Rechtsradikale, gegen Schwulenhetze.
Warum blieben Sie nicht länger in der Politik?
Ich habe aktiv die Grünen mitbegründet. Ich bin aber doch zu gern Sänger, Tänzer und Nachtigall, um nur als Politiker zu arbeiten. Politisches Amt, ja. Ich werde Bundespräsident, wenn ich 70 bin (lacht). Dann gibt es Rock ’n’ Roll statt Protokoll! Als Erstes würde ich gegen Putin vorgehen.
Was möchten Sie sonst noch erleben?
Ich will zum Mars fliegen, ganz realistisch! Alternativ würde auch der Mond helfen. Ich wollte schon immer die Welt entdecken, bin rastlos. Die Arktis und Australien reizen mich schon lange.
Denken Sie eigentlich oft an den Tod?
Der Tod ist allgegenwärtig. Ich glaube aber, dass es nach dem Tod weitergeht. All die Energie verschwindet nicht einfach. Freunde oder Leute, die ich kenne, sterben jeden Tag. Krebs, Unfälle oder mehr. Ich verdräng das nicht. Umso bewusster lebe ich jeden Tag. Carpe diem!
Was wäre eine schöne Art zu sterben?
Ich möchte auf der Bühne sterben. Oder bei einem Flug. Es soll einfach schnell gehen.
Ein Interview von Angelika Meier