"Manchmal kneife ich mich - das ist wie im Märchen!"
Mit 68 Jahren mal was ganz Neues:
Deutsch-Rocker Udo Lindenberg steht vor der ersten Stadiontour seines Lebens.
Mit Hans-Jürgen Jakobs und Christian Schnell spricht er über den VEB Lindenberg, seinen Umgang mit Geld, die Liebe zum Alkohol und den Drang, die Welt zu verbessern.
Saal „Bremen“ im Seehotel am Timmendorfer Stand: Udo Lindenberg probt mit seiner Band, von morgens an. Der 68-Jährige wirkt fit. Für das einzige Interview vor der Tour nimmt er sich zwei Stunden. Schnell noch eine Zigarre angezündet, dann geht es los.
Herr Lindenberg, Sie nennen sich selbst „volkseigener Betrieb“. Interessiert sich VEB Lindenberg auch für ökonomische Kennzahlen?
Udo Lindenberg: Ich kam aus der Armut. In den 1950erJahren haben wir in Gronau vor Hunger an nassen Matratzen rumgeknabbert. Unsere Firma machte pleite, mein Vater starb, Mutter bekam 300 Mark Rente. Da sagte ich: Ich gehe jetzt los, Kohle holen. Also erst mal gut trommeln und Popstar werden.
Ökonomisch ist es nicht, wenn Sie jetzt mit großem Aufwand für nur vier Stadionkonzerte in Düsseldorf und Leipzig proben.
Wer weiß, wo uns das hinführt? Da kommt noch was. Wir sind zum ersten Mal in so einem großen Stadion und tasten uns an die Möglichkeiten, die wir da haben, heran. Zum Beispiel an LED-Fluggeräte irgendwo zwischen Silicon Valley und Entenhausen. Das ist eine riesige Herausforderung. Da musst du in exzellenter Kondition sein. Jede Nacht läuft also der VEB-Chef als einsames Kerlchen mit Tarnmütze durch den Ort und hört dabei Robert Schumann, Johannes Brahms und Franz Schubert.
Wollten Sie immer schon mal groß im Stadion wirken?
Ich dachte, das sei zu anonym. Aber jetzt ist es so, dass ich jeden Einzelnen sehen und im Stadion besuchen kann. Udo auf der Drohne sozusagen. Also runtersteigen beim Stage-Diving. Unsere Leinwände sind größer als die der Stones, und unsere Anlage ist größer als die von AC/DC. Das ist wie bei einem Stabhochspringer: Du musst immer noch einen Zentimeter draufpacken.
Dabei kommen die Leute, um Ihre Lieder zu hören. Sie sind damit in mehr als 40 Jahren groß und alt geworden.
Songs kannst du viele machen. Du musst die Volltreffer hinkriegen, die Seelentreffer. Dabei ist mir ja das Geschenk meiner Stimme gegeben – die ist von der Straße, nichts ist gelernt. Nur gut gegurgelt. Ich musste mich ja als Märtyrer nach vorne trinken für die Stimme.
Also eine Investition?
Klar, zehn Prozent sollen Unternehmen ja in die Entwicklung von Innovationen stecken. So habe ich zehn Prozent meiner Gage verschluckt und verraucht. Leider konnte ich steuerlich nichts absetzen. Aber der „Return on Investment“ stimmt.
Was machen Sie mit Ihrem Geld?
Ich habe da Experten, die machen das.
Auf Berater kann man hineinfallen, siehe
Maddoff oder Jürgen Harksen.
Harksen habe ich in Hamburg kennen gelernt. Da habe ich ihm ein paar Scheine rübergeschoben, aber die Rendite floss nicht. Nach einer Woche habe ich Druck gemacht, und ich habe die Kohle zurückbekommen. Da war ich im Übrigen der Einzige. Klar, da kommst du als junger Typ aus Gronau, vom Doppelkornfeld. Da wirst du auch mal schräg beraten. Aber ich habe mich, einem Instinkt folgend, nie auf die windigen Dinger eingelassen. Über mich kann man sagen: So dunkel wie seine Erscheinung ist, so sauber ist seine Weste.
Sagen Sie selbst schon mal: Diese Aktie interessiert mich?
Allen voran Porsche natürlich. Die machen innovative Autos mit Hybridantrieb, so dass der Igel am Straßenrand mal wieder richtig
durchatmen kann. Und dann Tesla vielleicht noch.
Hat der VEB Lindenberg nie darüber nachgedacht, aus Deutschland wegzugehen, um
Steuern zu sparen?
All diese steuerlichen Konstrukte in Luxemburg, der Schweiz oder auf den Antillen mache ich nicht. Ich lebe sehr gerne in der Bunten Republik Deutschland. Und latze hier auch meine Steuern. Es wird ja auch immer bunter.
Deutschland ist so geworden, wie Sie es
sich vor 40 Jahren vorgestellt haben?
Ja, die Richtung stimmt. Ich finde, wir sind führend in Toleranz. Auch im Respekt gegenüber Andersdenkenden. Deutschland ist ein ziemlich geschmeidiges Land. Es wird immer besser.
Wie war Ihr Einfluss darauf?
Künstler schaffen ein Klima, in dem ein freieres Denken wachsen kann. Deswegen bin ich auch kein Entertainer, sondern ein Mitgestalter. Der Konzertveranstalter Fritz Rau hat immer gesagt: Die Leute sollen ein Konzert schlauer verlassen, als sie hineingegangen sind. Deswegen bringen wir jetzt wieder Lieder wie „Sie brauchen keinen Führer“, „Wozu sind Kriege da“, „Straßenfieber“, die Schwulen-Hymne „Na und“.
Eine Partei kam für Sie nicht infrage?
In der SPD kannte ich einige gut, Willy Brandt oder Egon Bahr zum Beispiel, auch Gerhard Schröder. Bei den Grünen war ich Mitinitiator damals, ohne Mitglied zu sein. Ich bin ja von der Panik-Partei, die über Tickets auch noch wählbar ist. Oder wie Rau, mein Impresario, ein bisschen launig sagte: "Unsere Demokratie ist die härteste der Welt, da müssen die Leute die Stimmzettel auch noch bezahlen!"
Kann man sagen, dass Sie ein Wegbereiter
der deutschen Einheit waren?
Die Vision hatte ich 1973 mit „Mädchen aus Ost-Berlin“. Mir war klar, dass die DDR irgendwann zusammenbrechen würde. So ein Lied wie „Sonderzug nach Pankow“ ist wie ein Gewächshaus, in dem neue Blüten wachsen können. Die Provo-Attacke hat ein bisschen dazu beigetragen, dass Erich Honecker und sein Diktatoren-Verein demontiert wurden.
Vielleicht sollten Sie dem Kreml-Chef Wladimir Putin auch eine Lederjacke schenken, so wie einst Honecker.
Das in Ost-Berlin war näher dran und überschaubarer. Für Putin muss ich mir etwas anderes ausdenken.
Dabei war Moskau für Sie vor 30 Jahren die „Hammer-Halligalli-Stadt“.
Heute könnte ich dort festgenommen werden. Ich habe Putin ja öffentlich als „Ganoven“ bezeichnet. Er ist ein lupenreiner Diktator, ein Machtspieler, rücksichtslos. Er verachtet Oppositionelle und Schwule.
Wie hat Ihnen da der Schlagerwettbewerb ESC gefallen mit Siegerin Conchita Wurst, einer Frau, die ein Mann war?
Frau Wurst ist ja toll. Eine Super-Attacke. Putin macht einen Fanklub auf (lacht). Ich habe mir das natürlich angesehen, und finde auch den Song gut.
Stimmt es, dass Reinhard Mey Sie stimuliert
hat, auf Deutsch zu singen?
Am Anfang wollte ich so singen wie er, super deutlich artikuliert. Ich neige ja etwas zum Nuschel-Style.
Rio Reiser oder die Band Ihre Kinder haben
Sie nicht inspiriert?
Doch. Das fand ich auch ganz schön toll.
Geile Szenenmusik. Für Hausbesetzer und Straßenkampf. Das war natürlich für eine eher kleine Szene. Ich hatte musikalisch einen anderen Stil. Ich wollte das zu einem wichtigen Bestandteil der gesamtdeutschen Kulturszene machen. Mir ging
es nie um ein Nischenpublikum, ich wollte die ganze Riesen-Attacke. Einer muss den Job ja machen. Da traf es mich.
Sie hätten auch als Jazzmusiker Karriere machen können. Immerhin spielten Sie bei der bekannten Band Passport von Klaus Doldinger.
Doldinger fand das immer fantastisch, wie ich mich weiterentwickelt habe. Mit dem Jazzrock und Künstlern wie Billy Cobham wurde das Schlagzeugspielen zu kompliziert für mich. Da hätte ich ja jeden Tag fünf Stunden in den Probenkeller gemusst.Und so entstand aus dem Jazz-Drummer die Stilikone Udo Lindenberg, mit Hut, Sonnenbrille und grünen Socken. Da waren natürlich zuerst die Fragen: Wie ist das so am Mikro? Was ziehe ich an? Wie bewege ich mich? Da habe ich mir erst mal eine halbe Flasche Wodka reingezogen und geschaut, auf der Bühne nicht auf die Schnauze zu fliegen. So war der Paniktanz geboren. Singen hatte ich ja auch nicht gelernt, aber an die Texte geglaubt. Dann habe ich mir einen großen Zettel genommen und ähnlich wie David Bowie seinen Ziggy Stardust meinen Rockstar Udo L. konzipiert.
Wie David Bowie malen Sie auch.
Es war ein Auftrag aus dem Weltall. Außerdem gab mir die Malerei auch vorher schon Entspannung, Freude und neuen Mut, denn ich hatte in meinen Fünfzigern schwere Zeiten zu durchwandern. Ich musste mich weiterentwickeln, ich hatte meine Sinnkrise. Mit 50, dem Tod entgegen? Auf der Suche in den Katakomben der Erleuchtung. In dunklen Kellern, auch in New York. Mit Saufen und bewusstseinserweiternden Drogen. Wobei ich immer Angst gehabt habe vor LSD und so.
Sie sind mit dem Bruch in Ihrem Leben
nicht klargekommen, mit dem Ende als Teenie-Star?
In Frankreich gibt es die alten Chansoniers, die machen immer weiter, auch mit 90 in den USA die alten Bluesmusiker, da läuft die Karriere einfach weiter. Hier war es anders. Das hat mich in ein kreatives Loch gebracht. Irgendwann sah ich aus wie ein Rock-and-Roll-Mops, aufgepumpt, 92 Kilo. Es wurde viel gefeiert und abgestürzt. Der Notarzt gehörte zu meinem engeren Beraterkreis.
Was hat Sie rausgebracht?
Es kamen am Ende viele glückliche Umstände zusammen. Ich entdeckte alte Freunde, den Producer Andreas Herbig und die Musikerin Annette Humpe, dazu neue kreative Köpfe wie Jan Delay oder Clueso. Ich ging nicht mehr durch die Kneipenkeller, sondern durch die Studiokeller. Das ging über einige Jahre. Und dann merkte ich, das sind die Storys, mit denen ich jetzt zu tun habe. Ich wollte nicht mehr der alte Mann sein, der sich nur über den Sonderzug definiert. Dazu habe ich eine Wirkstoffumstellung gemacht und Alkohol nur noch gezielt eingesetzt, so wie jetzt auch.
Haben Sie dabei Vorbilder gehabt?
Ich habe mich mal drei Takte mit Mick Jagger unterhalten. Der ist ja schon 70, geht auf die Bühne und ist knallefit. Macht Yoga und vieles mehr. Es gibt ja nicht mehr viele in dem Alter, aber die noch da sind, machen richtig geile Musik. Das Radio-Geseiere kann ich heute gar nicht anhören. Alles austauschbar.
Hat Sie das Comeback von 2008 selbst überrascht? Auf einmal kamen Sie wieder groß in die Feuilletons.
Manchmal kneife ich mich. Es ist wie ein Märchen.
Sie verkaufen im Gegensatz zu vielen aus der Branche viele CDs. 1,5 Millionen Stück allein von MTV-„Unplugged“.
Das ist doch was in diesen Zeiten, wo alle nur noch mit Spotify herumrennen. Junge Bands müssen andere Einnahmequellen finden, zum Beispiel mehr live spielen oder sich am Merchandising beteiligen.
Viele kaufen in diesen Tagen Immobilien. Sie dagegen leben seit Jahrzehnten im Hotel. Ist das heute noch clever?
Es ist dort ja alles da, du musst dich nicht um den Haushalt kümmern. Hätte Bach seinen Müll persönlich runtergetragen, hätte er so manche Kantate nicht geschrieben. Jetzt lebe ich schon seit 19 Jahren im Hamburger „Atlantic“. Das ist wie eine große Familie. Das ist wie WG. Hinter jeder Zimmertür ein anderes Schicksal. In der Bar kannst du mit allen ins Gespräch kommen. Als VEB duzen mich ohnehin alle. Das hält mich gut in Gang. Unterwelt und Oberwelt sind da, Milieu und Kanzleramt.
Also auch hier: Think Big!
Das ist mein westfälisch-amerikanischer Traum. Einfach die Einstellung: Lass machen. Und dabei schlaue große Dinge machen. Ich habe schon mal an ein eigenes Panik-Hotel gedacht, kommt vielleicht irgendwann. Quasi als Panik-Zentrale, wo die Panik-Partei frei agiert und sich aus allen Kulturen das Beste rauszieht. Dennoch, das Kapital des Langzeitstars ist die geheimnisvolle Aura, die ihn umgibt, hat mir Marlene Dietrich mal gesagt.
Jedenfalls sind Sie weit gekommen auf Ihrem Weg, Kohle zu verdienen.
Anfang der 1960er-Jahre habe ich mir vom
Schlagersänger Benny Quick ein Autogramm geholt. Der hatte mit „Motorbiene“ einen Hit. Wir gingen über die Duisburger Kohlenhalden, und ich habe ihn gefragt, ob Popsänger ein geiler Beruf ist. Klar, sagte der: lange Autos, lange Schecks, jede Menge Frauen und Männer (lacht).
Okay, dachte ich mir, das mache ich auch.
Vielen Dank für das Interview.