Die Sonnenbrille öfter abnehmen
03. November 2008 Man glaubt es nicht, aber es ist wirklich wahr: Udo Lindenberg ist zum allerersten Mal in einer Talkshow. Dass es nun dazu kam, das ist Reinhold Beckmann zu verdanken, der den Musiker zwar als einzigen Gast hatte, ihn aber trotzdem mit anderen teilen musste, denn das Ganze fand natürlich nicht im Studio statt, sondern im Hamburger Hotel Atlantic, in der „Panik-Zentrale“, in der Lindenberg seit mehr als zehn Jahren seinen Wohnsitz hat und sich offenbar auch recht wohlfühlt.
Man weiß nicht, ob es großer Überredungskünste bedurfte, damit Lindenberg sich auf dieses Treffen überhaupt einließ - die Wahl der, wie Lindenberg selber sagen würde: Location erwies sich als geschickt; denn die vorsätzliche, aber kaum inszeniert wirkende Beiläufigkeit dieser halbstündigen Begegnung erwies sich als der richtige Rahmen.
Kontakte zur Außenwelt
Vielleicht wäre es bei einem einstündigen Sich-Gegenübersitzen und sturen Ausfragen im Studio auch aufgefallen, dass Lindenberg ein nachdenklicher, sensibler Mensch ist, aber trotzdem im landläufigen Sinn nicht allzu viel zu sagen hat. Im Grunde kann man ja dieses „Alles klar“, „Ey, Alter“ und „Hallöchen“ nicht mehr hören, tut es dann aber doch, weil dies eben die Art und Weise ist, in der Lindenberg Kontakt zur Außenwelt sucht.
Der Zweiundsechzigjährige ist, das ist wahr, ein großes Kind, das einfach nicht einsehen will (und vielleicht auch gar nicht dazu in der Lage ist), ein geregeltes Leben zu führen.
Schnell und eigentlich ungefragt kam Lindenberg denn auch schon im Hotelflur - Beckmann hatte seinen hellbauen VW-Käfer noch gar nicht richtig geparkt - auf die Exzesse zu sprechen, die ihn in der Tat fast ruiniert hätten, die er aber alles in allem ganz gut überstanden hat, wie man sehen konnte, als er seine eckige Sonnebrille abnahm, von der man ja schon dachte, sie sei ihm im Gesicht festgewachsen.
In diesen Momenten, die Beckmann durchaus als persönliche Auszeichnung und Bestätigung für seinen unkomplizierten, aber keineswegs anbiedernden oder gar unterwürfigen Moderationsstil für sich verbuchen konnte, sah man ein erstaunlich und ja auch erfreulich junges Lindenberg-Gesicht mit erstaunlich jungen, braunen Augen und fragte sich, wieso er das Ding nicht öfter mal abnimmt.
Fitter denn je
Mit dem typischen Lindenberg-Gefasel ist man ja schnell durch und muss sich eigentlich auch gar nicht darüber aufregen, dass er auf Beckmanns Frage, was denn das Besondere am Hotelleben sei, antwortete, hier sei „natürlich ständig action“. Die sei ihm gegönnt. An der Bar ließ man sich eine eierlikörhafte Flüssigkeit servieren, und dass Lindenberg diesen Ort sein „Wohnzimmer“ nannte, lässt darauf schließen, dass er das Trinken so ganz wohl auch nicht aufgegeben hat.
Sie sprachen dann auffällig viel über den „Sonderzug nach Pankow“, einen von Lindenberg größten Hits und hartnäckiges Bewerbungsschreiben, das ihn dann, am 25. Oktober 1983 in den Ost-Berliner Palast der Republik führte. Hier unterlief Beckmann der einzige Fehler, indem er meinte, Lindenberg habe diesen Auftritt, bei dem ihm das Absingen des „Sonderzugs“ allerdings untersagt war, Egon Krenz und nicht Erich „Honey“ Honecker zu verdanken gehabt.
Er sei ja „fitter denn je“, attestierte ihm Beckmann, wie sich später zeigte beim famosen Liverauftritt in der Hamburger Color Line Arena, zu dem dann direkt rübergeschaltet wurde und bei dem Lindenberg der ja ebenfalls erzmusikalische Otto Waalkes beisprang. Die Zeit bis dahin nutzten die beiden Talker für ein zu keiner Sekunde peinliches, aber natürlich im Lindenberg-Duktus geführtes Gespräch, aus dem die Anekdote mit Marlene Dietrich herausragte, die Lindenberg mit angenehm verhaltenem Stolz erzählte: Die damals schon hochbetagte und sich der Öffentlichkeit ja nicht gerade freizügig zeigende Schauspielerin hatte sich darauf eingelassen, für die Lindenberg-Platte „Hermine“ einen Prolog zu sprechen, in dem vom dummen Menschenkind die Rede ist, das sich nichts wünschen soll.
Gemeinsam mit Jan Delay und Helge Schneider
Das Finale, für das man sich mit dem Fahrstuhl wieder in eines der oberen Zimmer verzogen hatte, war für den Kumpel und Freundschaftsfanatiker, dessen Liedgut eine einzige, zärtliche zwischenmenschliche Durchhalteparole ist, schlicht standesgemäß. Hier warteten nämlich die Freunde Stefanie (von der Band Silbermond), der Rapper Jan Delay, der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre und, am Klavier, Helge Schneider. Sie alle waren mitbeteiligt an Lindenbergs verblüffend gutem, im vergangenen März erschienenem Spätwerk „Stark wie Zwei“.
Und so stimmte man denn noch gemeinsam ein Liedchen an, wobei man den Eindruck hatte, dass die nun auch gar nicht anders konnten, als in dieser lümmelhaft-nöligen Lindenberg-Art zu intonieren. Stuckrad-Barre bezeichnete Lindenberg dann noch als „beste Werbung für die Menschheit“. Das wirkte ein wenig überschwenglich. Obwohl: Im Grunde ist da was dran. Udo Lindenberg ist einfach ein großes und, so weit man das erkennen konnte, unprätentiöses Kind geblieben, das sich Reinhold Beckmann ruhig anvertrauen konnte.
Text: Edo Reents