Panikrocker Udo Lindenberg spielt am Dienstag in Leipzig auf der Festwiese. Im Interview spricht der „Marathon-Mann“ über seine Tournee, Verhandlungen mit dem Tod und böse Geister.
Leipzig. Legende Udo Lindenberg ist mit seinem Panikorchester auf „Udopium“-Tour und macht am Dienstag auf Leipzigs Festwiese Station. Das neue Album ist ein Best-of aus der mehr als 50 Jahre andauernden Karriere des 76-Jährigen. Im Interview mit Stephanie Riedel spricht Lindenberg über den Tour-Alltag, böse Geister und einsame Momente.
Wie geht es Ihnen?
Bestens, die ersten Shows sind mega gelaufen, der Dealer ist zurück, Deutschland bekommt wieder sein Udopium. Die Band war noch nie so gut, das Panikorchester ist ready for take off. Jetzt haben wir uns schon ein bisschen warm gespielt und freuen uns auf die Show im geliebten Leipzig.
47 Tage, 13 Städte, 22 Konzerte. Wie macht Mann das mit 76 Jahren?
Wenn man so lange dabei ist, ist das wie Hochleistungssport, da gibt es eine gewisse Automatik. Ich mache viel Sport, jogge wo immer ich gerade bin, gut getarnt durch die Nacht. Und wir haben die besten Physios und Sportärzte am Start, die machen uns nach der Show wieder fit, wie Fußballer. Das kann man schon vergleichen.
Wie sieht der Tag vor einem Konzert aus?
Relaxen, Massage, ein bisschen gut getarnt die Städte erkunden, aber zurzeit müssen wir ja auch vorsichtig sein, deshalb können wir nicht so viele Menschen treffen, so wie das früher war.
Zuletzt waren Sie 2019 mit ihrem Kunstkosmos „Zwischentöne“ in Leipzig. Dann kam Corona. Endlich wieder Zeit für Party mit der Panikfamilie?
Yeah, das war eine lange Zeit der Entbehrung. Tausend einsame Nächte im Hotel Atlantic, da begegnete ich so manchen guten, aber auch bösen Geistern. Habe mich ein bisschen so gefühlt wie Jack Nicholson im spooky Film „Shining“. Jetzt ist alles wieder geschmeidig und wir freuen uns extreeem, dass wir endlich wieder vereint sind mit unserer Panikfamilie, dem Clan der Lindianer, wir gehören doch zusammen. In Leipzig ist immer so eine große Liebe zu spüren. Wir freuen sehr auf den heißen Osten.
Die Panik-Crew lebt während der Zeit in eine Bubble. Ihr bleibt abgeschirmt, um die Tour corona-frei über die Bühne zu bringen. Wer kommt noch an Euch ran?
Wir haben ein ganz striktes Sicherheitskonzept: testen uns täglich, tragen Masken hinter der Bühne und so … Wir sind ja fast 170 Leute, wenn da einer was einschleppt, kann sich das schnell ausbreiten. Und dann müssen wir Konzerte absagen, das wollen wir ja nicht. Bis jetzt sind wir damit gut gefahren und das halten wir auch durch. Ist zwar ein bisschen ungewohnt für alle, wir treffen sonst ja nach und vor den Konzerten viele Fans und Gäste, das geht halt diesmal nicht. Das holen wir dann nach der Tour nach.
1979 unternahmen Sie mit ihrer Rock-Revue eine Expedition zum Nordpol. Nun schweben Sie durchs All. Wohin soll die Reise noch gehen?
Oh mal sehen, ein echter Abenteurer ist da nicht so festgelegt, sondern sehr offen für neue Kicks. Man ist ja noch ein junges Talent voller Neugierde und Ideen. Vielleicht machen wir ja mal Shows auf dem Mond oder unter Wasser. Möglichkeiten gibt es viele und kein Ende abzusehen.
Sie sagten, dass das Publikum überlebenswichtig sei …
… das ist wie eine Droge, Udopium eben. Diese Verbindung ist einmalig und für immer. So wie viele unserer Songs Menschen auch durch Lebenskrisen tragen, brauchen wir die Bühne wie ein Überlebenselixier …
Die letzten Minuten vor der Show: Bevor sie übers Publikum oder vom Hallendach schweben. Ist das ihr einsamster Moment?
Wenn ich so einsam da oben hänge, denke ich oft an meine Eltern, Hermine und Gustav. Einmal, genau hier in Leipzig im Stadion, hat es bis kurz vor Konzertstart nur geregnet. Ich habe dann hochgeschaut, Hermine und Gustav haben die Wolken beiseitegeschoben, es hörte auf zu regnen und die Sonne knallte durch. Einsam bin ich da oben, klar. Aber, wenn ich lande, fängt mich die Wärme und Liebe meiner Fans auf und trägt mich durch die ganze Show.
Udopium ist eine Reise durch die Ära Lindenberg. Ein Ritt durch 50 Jahre. Die vier neuen Songs auf dem Album sind emotional, tiefgehend und persönlich: „Wieder genauso“ erzählt von der Endlichkeit. Wann haben Sie mit dem Tod gequatscht?
Schon öfter. Gelegentlich kommt er mal vorbei, sagt, so langsam sei es doch nun mal Zeit. Dann reden wir eine Weile. Ich sag, ich kann hier noch nicht weg, muss hier noch weiterjodeln, kann die Panikfamilie ja hier nicht hängenlassen. Tja, und dann machen wir einen neuen Deal für die nächsten Jahre oder gründen gleich den Club der Hundertjährigen. Kannst Du ja auch einsteigen. Jubiläumsconcerto 2046. Besser jetzt schon mal ein Ticket sichern. Haha.
Hatten Sie Gedanken, dass 2019 womöglich Ihre letzte Tour über die Bühne ging?
So manchmal habe ich schon gedacht: Vielleicht habe ich mein letztes Konzert schon gespielt. Aber für mich Marathon-Man ging’s immer irgendwie weiter. Ich lebe nicht nach der Devise: früher Tod, großer Ruhm, sondern erstmal gar kein Tod, trotzdem ewiger Ruhm. Ich bin aber von Beruf aus Optimist, lass mich selten von was komplett runterziehen, und so war mir immer klar, dass der Tag kommen wird, an dem ich wieder mit dem Paniktheater unterwegs sein werden. Und jetzt ist es so weit.
Der Greis ist heiß oder Dirty old man?
Dirty old man würde ja heißen, dass man nicht gerade ein netter Zeitgenosse ist, ähnlich wie „alter weißer Mann“. Mit solchen Begriffen kann ich nicht viel anfangen, wenngleich sie wichtig sind, wenn man über Themen wie Kolonialismus, Sexismus diskutiert. Aber Pauschalisierung ist nicht hilfreich. Wir haben schon in den 60er, 70ern oder 80ern für die Werte und Utopien gekämpft, die junge Menschen heute auch einfordern, sind für Frauenrechte, LGBT und globale Gerechtigkeit eingetreten, und wir haben ja auch viele Lieder drüber gesungen. Außerdem sind wir mit unserer Stiftung in Afrika aktiv, für Menschenrechte und Bildung. Da sind wir ja nicht alleine. Es gibt so viele aus dieser Generation, die zusammen mit den Kids von heute für globale Gerechtigkeit, Diversität und Klimaschutz fighten. Dafür stehen wir, und dafür fighten wir, zusammen mit der neuen Generation: No panic, wir bleiben am Start. Der Greis ist heiß …
Politische Statements gehören zur Show wie ein Eierlikörchen. Gibt es zu wenig Kritiker vom Schlag Lindenberg?
Wir haben unseren Job immer so verstanden, dass Unterhaltung stets auch was mit Haltung zu tun hat. Auch politischer Haltung. Wir haben immer gegen Missstände angesungen und Action gemacht. Das gibt es auch heute noch, geht aber vielleicht in der Vielfalt der Stile und Meinungen ein bisschen unter. Heute muss man schon verdammt laut oder krass auffällig sein, um gehört zu werden. Aber, es gibt sie überall, die kritischen Geister und das ist gut so. Und es werden täglich mehr, yeah.
Nach mehr als 100 Tagen Krieg in der Ukraine ist von einer Kriegs-Müdigkeit die Rede. Sehen Sie das auch so?
Kann sein, dass andere Schlagzeilen das Thema verdrängt haben. Aber, Ukraine und all die anderen Kriege in der Welt sind ja noch da, hören nicht einfach auf: Sudan, Syrien, Jemen, Mali, Ost-Timor. Auf der Welt toben Kriege, die wir gern verdrängen. Aber so kann es nicht weitergehen. Wir müssen konsequent als Menschheit die Kriege beenden, sonst beenden die Kriege die Menschheit. Wir glauben noch - bei allem Realismus - an unsere pazifistischen Utopien von einer besseren Welt, auch für alle Kinder in der Ukraine, Russland, Deutschland, überall auf der Welt. Lass weiterpowern.
Interview: Stephanie Riedel
Fotos: Tine Acke