30. April 2010 Lindenberg in Timmendorf: „Alles easy, weißte“

Quelle
Lübecker Nachrichten, 30.04.2010

Timmendorfer Strand - Udo Lindenberg ist wieder an der Ostsee: Bevor er mit dem „Rock-Liner“ in See sticht, spielt er sich wie immer in Timmendorfer Strand warm. Die LN waren dabei.

Da steht er da so ganz lässig am Mikrofon, schiebt die Hand in die Hosentasche, wartet den Takt ab, nuschelt vor sich hin – und legt los. Dann dreht er sich um, lugt durch die Vorhänge raus auf die Strandallee, guckt nach rechts, guckt nach links, zupft an seinem Hut, schiebt die Sonnenbrille hoch, nimmt einen Zug von seiner Zigarre und setzt das Mikro an: „Brauchst du mi-ii-ch.“

Drinnen dröhnen die Bässe, stapeln sich die Boxen, schlängeln sich die Kabel durch den Raum, gibt das Panik-Orchester den Takt vor. Draußen bleiben die Passanten auf der Straße stehen und gucken. Gucken. Gucken nochmal – und ja, sagt ein Mann zu seiner Frau: „Das ist Udo. Udo live.“

Aber da hat sich der Sänger mit dem lila Mantel auch schon wieder zu seiner Band zurückgedreht. Kurze Pause. Da und da müsse das und das noch so und so sein, sagt er. Der Udo, der da vorne im Takt wippt und den Eindruck macht, als lebe er in einem Paralleluniversum, er weiß genau, wie es geht. Und er weiß, dass das alles hier, das Proben, das Singen, das Autogrammgeben, das Winken, das Fotografieren, Telefonieren, dass das alles hier auch ohne Hektik läuft.

Stress ist woanders. So könnte das Lebensmotto von Udo Lindenberg lauten. Alles easy in Timmendorfer Strand, wo Deutschlands dienstältester Rocker immer probt, wenn er auf Tour geht. Dieses Mal auf eine Tour der besonderen Art: Der 63-Jährige und sein Panik-Orchester stechen bald in See und üben gerade in den Hotelräumen des Maritim Seehotels für das Programm „Rock The Ocean“ auf dem „Rock-Liner“, den Lindenberg ins Leben gerufen hat. Bevor es mit Stargästen wie Nina Hagen und Jan Delay aufs Schiff geht, gibt es wie immer eine öffentliche Generalprobe.
„Ja, die Ostsee“, sagt Udo, „das Maritim hier. Das ist wie ’ne Family. Das ist wie Zuhause. Auch der Strand und so, ne? Ich mach viel Sport hier. Mal nachts joggen und so. Ja, is’ echt schön hier.“ Und Lübeck, erzählt er weiter, „da fahr’ ich ja auch gern hin. Tolle Stadt, so die Bauten und das Historische. Nee wirklich, ist echt toll hier. Alles easy, weißte.“

Er trinkt Tee. Neben ihm steht eine Flasche Cola Light, die er zwischendurch mal zum Spülen braucht, bevor er zwei, drei Schritte vor und zurück tanzt und zum Mikrofon greift. Er verpatzt nicht einen Einsatz, dieser Udo, dieser Typ aus einer anderen Welt – dieser Profi, der das mit seinem Ruhm ganz entspannt sieht und dafür von seinen Fans so geliebt wird.

Inzwischen steht eine ganze Horde von Menschen an der Scheibe, um einen Blick in den Proberaum zu werfen. Draußen baut sich ein Fanlager auf, drinnen probt Udo mit Nathalie Dorra. Eine „Offenbarung“, so schwärmt er von der Sängerin aus Lübeck: „Sie ist die Krönung.“ Für ihn sei von Anfang an klar gewesen, dass Nathalie, die ihn schon seit zwölf Jahren begleitet, unbedingt mit auf den „Rock-Liner“ kommt. Sie lächelt, die Musik setzt ein. Die beiden stimmen den „Sonderzug nach Pankow“ ein, sie singen „Andrea Doria“, sie singen Stücke von Udos letztem Album „Stark wie Zwei“. Das Panik-Orchester macht ordentlich Lärm. Die Probe ist ein großes Live-Konzert. Alles stimmt. Alles passt.

„Habt ihr meinen Künstler gesehen?“, fragt Bodyguard Eddy Kante, der Udo seit Jahren nicht von der Seite weicht. Ja, der ist grad um die Ecke in den Ort geschlurft. Udo macht ’ne Pause. Bis 17 Uhr. Dann geht’s weiter. Keine Panik. Alles easy eben.

Text: Schabnam Tafazoli
Foto: Lutz Roessler