19. Mai 2011 Mein Leben mit Udo oder „Sag ja zum Glück“

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MusikWoche, 05/2011

Hamburg - Am 17. Mai wird Udo Lindenberg 65 Jahre alt. Zu seinem Ehrentag bat MusikWoche ausgewählte Wegbegleiter und Freunde um einen persönlichen Geburtstagsglückwunsch. Rita Flügge Timm, Director Artist Department bei Warner Music Entertainment, verbindet mit dem Künstler nicht nur eine intensive berufliche Beziehung, auch in ihrem Leben spielte Lindenberg eine herausragende Rolle...

Ab meinem zwölften Lebensjahr habe ich mein Leben mehr oder weniger mit Udo verbracht. Das weiß er gar nicht. 1972 wurde es zum ersten Mal aktenkundig, da füllten wir in der Klasse statt Poesie-Alben Steckbriefe aus. Es gab dort die Rubrik ,In wen bist du gerade verliebt‘ aber auch die Rubrik ,Wer ist Dein Lieblingssänger‘. Da habe ich dann zum ersten Mal ,Udo Lindenberg‘ eingetragen. Mein Lieblingslied war damals ,Daumen im Wind‘ - Udo sang, wie wir untereinander sprachen. Und er sang mir aus dem Herzen. ,Ich steh noch immer an der Autobahn, und träum von der weiten Welt. Vielleicht sollt ich den Daumen etwas höher heben? Denn ich will meine Träume nicht nur träumen, ich will sie auch erleben.‘ Im Herbst 1973, ich war 14, fuhr ich mit meiner Freundin Sabine - wie jeden Monat - mit dem Fahrrad 20 Kilometer nach Tonndorf, ins Studio Hamburg. Wir haben die Schule geschwänzt, um gleich morgens da zu sein, wenn alle ankamen: Die Stars wollten wir sehen. Es war Disco-Tag, ,ZDF Disco‘ mit Ilja Richter - Licht aus, Spot an, und wir waren verrückt. Verrückt nach Musik, verrückt nach diesen Klamotten und verrückt nach dieser wilden Welt. Udo war da mit seinem Panik Orchester. Sie probten gerade ,Andrea Doria‘. Das Lied gefiel mir gut, ich hab mir sogar die Single gekauft. Ich weiß noch genau, dass mich diese Dixieland-Bläser genervt haben. Ich wollte E-Gitarren oder Romantik, am liebsten beides. Aber der Song war trotzdem großartig, so ein Leben, wie Udo das beschrieb, wollte ich auch. Im ,Onkel Pö‘, Hamburgs berühmten Musik Club, wollte ich auch auf den Tischen tanzen, wie diese Rosa: , ‘n Groupie ham die auch, die heißt Rosa oder so und die tanzt auf’m Tisch wie'n Go Go Go Girl.‘ Und da gab es die Kantine im Studio Hamburg: Da saßen dann immer die Stars
zwischen den Proben und der Aufzeichnung und tranken morgens schon Whisky oder Cola Rum und redeten und redeten. Mit Udo war das ganz anders. Er saß mit seiner Gang in einer Ecke, hatte diese unglaublich enge Lederhose an, die ihm heute wieder passt. Ein echter Rocker, ziemlich lecker. Und dann redet der ganz normal mit uns: ,Ey Mädels kommt mal her, was macht ihr hier, erzählt mal’n bisschen was. Wollt Ihr ‘ne Cola?‘ Klar wollten wir ‘ne Cola. Und klar wollten wir uns den großen Udo mal aus der Nähe ansehen. Udo war cool, bevor es das Wort überhaupt gab. Er war so cool, dass wir kaum ein Wort herausgebracht haben, die Cola herunterstürzten und uns vor lauter Verlegenheit ein Autogramm holten - auch von der ganzen Band. Das habe ich heute noch.
1974 brachte Udo gerade sein drittes deutschsprachiges Album ,Ball Pompös‘ heraus. Es war das erste Udo-Album, das ich mir gekauft habe, da war mein Lieblingslied ,Vakuum‘ drauf. Ich war 15 und wollte auch so gern mal abhauen, mit 50 Mark in der Tasche ab ins große Abenteuer, wollte mir auch mal die Nächte um die Ohren hauen, hab‘ mich dann aber doch nicht getraut und mich stattdessen verliebt, in einen Jungen, der Gitarre spielte und nur Beatles hörte. In den nächsten zwei Jahren wollten meine Eltern, dass ich allmählich erwachsen werde und einen Ausbildungsvertrag beim Finanzamt unterschreibe, wo auch auch mein Vater arbeitete. Null Bock. Stattdessen bewarb ich mich undercover bei zwei Hamburger Plattenfirmen, machte einen Einstellungstest und wurde angenommen. Meine Eltern gaben schließlich nach und unterschrieben für ihre 16-jährige Tochter den
Ausbildungsvertrag bei Polygram. Udo machte in dieser Zeit richtig Karriere: Seine Platten und vor allem seine Konzerte waren einzigartige Happenings. Skurrile Leute mit ebenso skurrilen Namen turnten auf der Bühne herum. Udo war sehr produktiv, er veröffentlichte jedes Jahr ein Album, manchmal sogar zwei. Lange bevor Madonna weltweit ihre Wandlungsfähigkeit mit jeder neuen Platte und einem jeweils neuen Image unter Beweis stellte, machte Udo dies in Deutschland vor: mal als Einstein der Rockmusik („Votan Wahnwitz 1975“), mal als außerirdisches blaues Männchen („Galaxo Gang, 1976). 1979 glänzte Udo mit 20er-Jahre-Pomadefrisur als Philipp Marlowe der Popmusik („Der Detektiv“). Er war auch der erste, der gigantische Bühnenshows machte, ich erinnere mich an sein opulentes, Fellini-inspiriertes Meisterwerk „Dröhnland Symphonie“ (1978), die er mit Peter Zadek auf die Bühne brachte. ,Andere denken nach, wir denken vor‘, lautet der dahingemalte Spruch auf einer seiner Likörelle-Flasche. Udo war und ist seiner Zeit immer voraus. Manchmal Lichtjahre, meistens aber gerade genug, um schon verstanden zu werden. 1980 hatte ich meine Ausbildung beendet und die Chance von der damaligen Teldec bekommen, in der Presseabteilung anzufangen. Ich glaube, es war mein vierter Tag, als Udo bei unserer Pressechefin Heidi Münch im Büro auftauchte - mit einem ganzen Clan, einer richtigen Gang. Eddy Kante war auch schon dabei und Rocky der Irokese, der uns später immer Kuchen und Pralinen mitbrachte. Mann, war da Stimmung in dem kleinen Büro, ein Alarm. Udo war zu dem Zeitpunkt bereits Superstar, die Tournee zu seiner gerade veröffentlichten Platte ,Panische Zeiten‘ stand an und die musste besprochen werden. Heidemarie, unsere Pressechefin, war jedenfalls an dem Tag auch in Höchstform und meinte, dass man gleich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden könnte und schickte mich und meine Kollegin Astrid los, im Park nebenan mal eben schnell ein Foto für die neue Autogrammkarte von Udo zu machen, weil er heute besonders gut aussieht‘. Das war lustig, Udo im Park, neben uns spielende Kinder auf Rutschen und in Sandkisten mit Schaufeln und Eimern. Udo poste so, als wenn wir den ganzen Kinderkram und die Kinder für viel Geld als exzentrische Kulisse angemietet hätten. Hammer. Total cool. Klick Klick.
Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob das Foto dann tatsächlich eine Autogrammkarte wurde, aber: Man hat damals doch sehr effizient gearbeitet ... Peter Maffay war zu dieser Zeit auch bei Teldec unter Vertrag. Beide waren absolute Rivalen, nicht persönlich, aber das war damals so wie später bei Grönemeyer und Westernhagen. Zwei Giganten. Es musste immer genau abgestimmt werden, wann der eine sein Album bringt und wann der andere. Da durfte nichts kollidieren, und jeder von beiden musste genauso ein fettes Paket, so fette PR, so fette Aktionen, so fette Giveaways wie der andere bekommen. Von 1980 bis 1982 habe ich Udo dann öfter mal gesehen und auch mal betreut, die dicken Interviews und ,das große Ganze‘ machte Heidemarie, Udo war ,Chefinnen-Sache‘. Meine Kollegin und ich durften immer die ganzen Tourdaten und Pressemeldungen auf meterlangen Telex-Streifen raushauen. Jeder Streifen 200-mal eingelegt für 200 Redaktionen. Postversände mit Fotos - Udo mit Helen Schneider, die auf seiner Tour als ,special guest‘ dabei sein durfte, 2000 Fotos, 2000 Umschläge, 2000 Adressaufkleber handschriftlich und ab in die Post. Auch das war Pressearbeit. Heute ist doch einiges besser ... Dann hat Udo uns verlassen, er ist fremd gegangen, bis 2007. Er hat in dieser Zeit viele große Songs geschrieben, weitere erfolgreiche Alben veröffentlicht, große Tourneen gemacht.
Er hat es geschafft, dass Ost- und Westdeutschland etwas näher zusammengerückt sind, hat das Unmögliche möglich gemacht, als er 1983 mit dem Sonderzug zu ,Honey‘ fuhr, um die Menschen im Ostberliner Palast der Republik mit seiner Musik zu wärmen. Und er hat sie aufgerüttelt. Er hat dort die Klappe aufgerissen - live - und unerlaubt gesagt, was er denkt, dass der kalte Krieg und die Aufrüstung ein Ende haben müssen, ,weg mit den Pershing Raketen und auch mit SS20‘. Das hat gesessen. Die geplante Tour wurde gecancelt, Udo muss raus aus der DDR und darf nie wieder rein. Heute schauen sich Millionen von Menschen diese Story im Theater des Westens an, in Udos Musical ,Hinterm Horizont‘. Ich habe Udo in der Zeit immer mal wieder gesehen, als er vor 15 Jahren wieder von Berlin nach Hamburg gezogen ist, ins Atlantic Hotel. Er hat mir öfter mal Sachen für andere vorgespielt, wir haben herumgesponnen, was man machen könnte und über Musik und das Leben sinniert. 2002 nahmen wir dann das Comebackalbum mit Nena (Nena feat. Nena) auf, Udo wollte natürlich unbedingt dabei sein. Ich weiß noch, wie easy er damit umgegangen ist, als am Morgen nach dem ersten Konzert ,Bild‘ folgenden Aufmacher auf der Titelseite hatte: „Nena und Udo - ja, wir waren ein Liebespaar“. Da war natürlich die Hölle los, aber Udo blieb ganz cool. Er sagte nur: „Ja klar waren wir ein Liebespaar, und was für eins.“ Das liebe ich an Udo: Wenn es Krisen und Probleme gibt, bleibt er cool und überlegt. Und dann findet man auch gemeinsam immer eine Lösung, meistens die beste: die Wahrheit. 2007 ging es dann ums Ganze, um Udo und um seine neue Platte. Er war schon seit Monaten mit Andreas Herbig im Studio und immer hieß es: „Ja, Du kannst es hören, wir spielen Dir was vor, ganz bald.“ Es zog sich den ganzen Sommer hin. Bis in den Herbst. Dann endlich kam der Tag, an dem wir was hören konnten. Udo war ganz ruhig. Konnte er auch sein, mit vier Assen im Ärmel. Der erste Song war ,Wenn du durchhängst‘ – ich bin durchgedreht, dann kam ,Stark wie Zwei‘ – ich hab geheult. Dann schnell ,Chubby Checker‘ nachgelegt mit Helge und dem Drogenhund – ich konnte wieder lächeln, dann ,Was hat die Zeit mit uns gemacht‘ – Betroffenheit, Sprachlosigkeit. Ich hab’ dann Udo und Andreas und seine Jungs umarmt und unten im Auto gleich Udos Anwalt angerufen. Der hatte schon einige Anrufe unserer geschätzten Mitbewerber und sollte auch noch weitere erhalten. Alle wollten das machen. Zu Recht. Das ist ein Jahrhundertwerk, das nicht nur ich bis ans Ende meiner Tage hören werde. Es dauerte dann noch monatelang, bis Udo sich entschied, mit wem er gehen möchte. Alle hatten ihr Angebot abgegeben, wir ja auch. Bernd Dopp, Hans Fink, Markus Hartmann und damals noch Lars Ingwersen, wir haben alles gegeben. Irgendwann konnte ich es nicht mehr aushalten und schickte Udo zwischen Weihnachten und Sylvester eine SMS: ,Sag ja zum Glück‘. Da hat er endlich ja gesagt.