17. März 2012 Mit Gummi im Bein

Quelle
Reutlinger Generalanzeiger

Udo Lindenberg feiert in der Schleyerhalle eine ausgelassene Show mit allem nur denkbaren Schnickschnack. Sogar ein Zeppelin hebt dabei ab.

STUTTGART. Der Mann mit Hut und extra breiter Sonnenbrille, mit lässiger Art und schnoddriger Sprache ist nicht nur Kult, er ist längst eine eigene Marke - er steht für sich. Die Fans in Stuttgart trafen Udo Lindenberg in der ausverkauften Schleyerhalle als alten Bekannten. Sie feierten ihn, sie feierten mit ihm. Drei Stunden ohne Pause ein geballtes Programm, in dem alles Schlag auf Schlag geht. Was der bald 66-Jährige, der sich öfter auch privat in und um Stuttgart herumtreibt, da hinkriegt, ist beachtlich. Seine Beine sind weiter gummiartig, die Haltung immer etwas nach hinten gelehnt. Es lässt sich kaum zählen, wie oft sich der erklärte Hesse-Liebhaber theatralisch auf den Boden wirft.

Lindenberg versteht es nicht nur, sich und seine Art zu inszenieren, er wettert gegen die rechte Szene, klagt den Schlächter Assad an, reklamiert die bunte Republik, ermuntert alle, ins Leben zu greifen: »Jeder Tag ist ein Abenteuer, ein großes Ding.« Er pflegt die bombastische Show. Die Halle wird mit großartigen Lichteffekten geflutet. Er selbst schwebt im Zeppelin als Luft-Kapitän in die Halle, beim Landen sind zwei reizende Damen im Ganzkörper-Konturanzug behilflich. Mit Koffer, Drink und brennender Zigarre in der Hand wird er mit dem Luftschiff ganz am Ende wieder entschweben.

Ausgesaugt und neu erwacht
Kleine Anzüglichkeiten gibt es überall. Das Lied »Cello«, das recht früh kommt, endet mit einer eindeutig nicht zweideutigen Szene auf dem Boden, wo Udo auf der Tänzerin Emilia Arata zum Liegen kommt. Die Artistin hatte zuvor in der hoch in der Luft schwebenden Glaskugel Können mit Ästhetik überm Abgrund vereint.

Auch ein Vampir wird sich nach »0 Rhesus Negativ« beim Zwischenspiel auf der kleinen Bühne in der Hallenmitte kunstvoll in die Luft schwingen. Der blutlose Udo muss hier leergesaugt liegend von der Ambulanz abtransportiert werden, bevor er auf der großen Bühne zu neuem Leben erwacht.

Auf dem Weg zur kleinen Bühne hatte er in Boxermanier im Menschenmeer gebadet, küsst die eine und andere Frau im Publikum. Aber wie singt er doch an anderer Stelle: »Schmeiß' nicht gleich unsere Liebe weg, wenn ich mit einer anderen pofe.«

Die Dramaturgie stimmt ebenso wie das Wechselbad der Gefühle. Nachdenklich kommt »Wozu sind Kriege da« daher. In der »Der Greis ist heiß« gesellt sich Rollator-Slapstick zu solidem, gut laufendem Rock 'n' Roll. Das Panikorchester kann generell musikalisch überzeugen, der Bass ist in der Halle mitunter zu stark ausgesteuert.

Publikum als gewaltiger Chor
Bei »Horizont« vor dem ersten Abgang bebt die Halle, das Publikum fungiert textsicher als gewaltiger Chor. In der ersten Zugabe-Reihe heizt der »Sonderzug nach Pankow« und die »Andrea Doria« weiter ein. Und »Candy Jane« rockt dann erst richtig. Die alte Gangster-Braut »Reeperbahn« in der zweiten Zugabe-Reihe wird schließlich geradezu frenetisch gefeiert.

Der Mann, der sich mit »Goodbye Sailor« stilsicher verabschiedet und nach einer Runde mit dem Zeppelin überm Publikum hinausschwebt, bevor sich Feuersbrünste erheben, liefert auch dank dem »Mädchen aus Ostberlin«, Musical-Hauptdarstellerin Josephin Busch (»Hinterm Horizont«), die mit auf Tour ist, einen klasse Abend. Sie singt mit Glanz und Druck, Udo darf ins Mikrofon seinen bewährten Sprechgesang reinlullen.

Gleiches gilt fürs Duett mit Nathalie Dorra, wo etwa der Song »Was hat die Zeit mit uns gemacht« zum gefühlvollen Hinhören animiert. Der Mann macht eben sein Ding. Und das macht er verdammt gut. (GEA)

Text: MICHAEL MERKLE