23. Juni 2016 Nimm dir das Leben, und lass es nicht mehr los

Quelle
FAZ, 23.06.2016

Das war eine Rock-’n’-Roll-Revue vom Allerfeinsten: Udo Lindenberg beschert der ausverkauften Frankfurter Festhalle einen großen Abend.

It’s Showtime, und zwar von der allerbesten Sorte. Grade erklang die Melodie aus dem „Paten“, und ein bisschen ging die „Titanic“ unter, hohe Wogen schwappen von den Leinwänden der Riesenbühne. Da erscheint der, der den Job ja machen muss, der heißeste der deutschen Greise. Denn wie sang er so luzide, als er selbst Anfang seiner Sechziger war (er wird das später noch mit seiner tanzenden Supertruppe vorführen): „Alte Männer sind gefährlich, denn die Zukunft ist egal. Alte Frauen sind begehrlich, denn es ist das letzte Mal.“ Nun kann schließlich jeder, der will, schon mit dreißig vergreist sein und muss es mit hundert noch nicht sein.

Schon gar nicht, wenn er Udo Lindenberg heißt und eine Band wie das umwerfende Panikorchester hinter, um, bei und neben sich hat. „Ich hab’ mein Leben in den Dienst des Rock’n’Roll gestellt“, erklärt er an diesem Abend seine Berufung, der Mann ist Arbeiter im Weinberg seines Herrn, und darf deshalb auch im biblischen Alter noch seine „Göttin“ besingen, ohne im geringsten albern zu wirken – und wahre Göttinnen tanzen und singen um ihn herum.

Stefanie singt Udo fröhlich nieder

Schon vor vielen Jahren, als Peter Zadek Shows für ihn einrichtete wie die „Dröhnland Symphonie“, gab es Gäste wie Eric Burdon und Peter Herbolzheimers Blechbläser, die damals so geheißenen Rockladies Ingeburg Thomsen, Jutta Weinhold und Ulla Meinecke. Jetzt haben er und das Publikum ihren Spaß mit der Soulröhre von Stefanie Heinzmann, die bei „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Fraun“ den kleinen Udo im Duett fröhlich niedersingt. Später kommen noch die phänomenale Gitarristin Carola Kretschmer, die schon in den Anfängen der seit den Siebzigern dauernden Panik-Attacke, da noch als Thomas Kretschmer, mit Lindenberg zusammenarbeitete, und Axel Prahl, der als Bruder vom grünen Outerspace-Man Gerhard Gösebrecht firmiert.

Auf seinem schönen Album „Stark wie Zwei“, acht Jahre vor dem aktuellen „Stärker als die Zeit“ erklärte Udo Lindenberg, „eigentlich bin ich ganz anders, ich komm’ nur viel zu selten dazu“. Was immer er ist, es macht ihn jedenfalls stark. In seiner Show, der ersten von zwei in der ausverkauften Frankfurter Festhalle, gibt er alles, mit Hingabe und mit unglaublicher Sorgfalt. Da ist diese hohe Achtung vor seinem Publikum, für die er dessen Respekt verdient und, warum nicht, Liebe. Drei Stunden lang ist er selbst ständig unterwegs auf der Bühne und ihrer Landebahn in die Zuschauer hinein; man kommt ja schließlich vom anderen Planeten und kehrt dorthin zurück.

Warum gehen die falschen Leute auf die Straße?

Und die ganze Zeit über ist phantastische Bewegung in diesem knallbunten verrückten Varieté. „Ich trag dich durch die schweren Zeiten“, einer wie er darf so ein Hoffnungslied singen, eine herrliche Variante mehr unter den unverbrüchlichen unhaltbaren Versprechen der Rockmusik. Wer freilich die Kondition dieses superelastischen Siebzigers betont, begeht einen Anstandsverstoß, wie ihn sich Lindenberg nie erlauben würde, scheinheilig und überheblich. Denn was er ausstrahlt, ist pure Energie, für die Älteren unter uns gute Schwingungen.

Dafür darf und soll Lindenberg auch weiterhin predigen gegen den Krieg und für ein solidarisches Europa, „warum gehen die falschen Leute auf die Straße, war mal anders gedacht“, kein so schlechter Satz. Um dreiundzwanzig Uhr entlässt er alle seine Altersklassen in die kürzeste Nacht des Jahres. Nichts Besseres könnte der Mann mit den Honigaugen unter dem Stetson mit dem Sternchen am Hutband und hinter seiner schwarzen Brille, die er immer wieder abnimmt – ich seh’ dir in die Augen, Kleines, ganz der Detektiv –, machen. Sagen wir es so: „Ich lieb’ dich nur ein bisschen, aber nicht zu viel“, das ist der Deal. Mehr jedenfalls, als sich von den meisten Leuten sagen lässt. Also kein „PlanB“, „lass uns neue Lieder singen“, es war ein großer Abend.

Text: Rose-Maria Gropp
Foto: Tine Acke