Der Mann ist 76 Jahre alt, und natürlich sieht man ihm das bei dem Leben, das er geführt hat, auch an. Aber auf der Bühne ist Udo Lindenberg immer noch eine Sensation. Zusammen mit seinen Fans in der ausverkauften SAP-Arena feierte er am Samstagabend ein Riesenfest. Corona ist zwar nicht vorbei, war aber für zweieinhalb Stunden vergessen.
Es hätte so schön sein können: Wenn Udo zurück ist, dann ist auch dieses Drecksding mit Corona durch. Und dann feiern wir eine Party mit dem Altmeister des deutschen Rock, wie sie das Panik-Universum noch nicht gesehen hat, bei der selbst die Außerirdischen in ihren Ufos mithüpfen werden. Die haben Udo Lindenberg ja ohnehin längst als einen der ihren akzeptiert. Schließlich ist Udo ja auch viel zu groß für diese Welt.
Wir wissen alle, dass es anders gekommen ist. Udo ist zurück auf Tour, welcher er den treffenden Titel „Udopium“ gegeben hat. Das ist die beste Nachricht in diesen wahrlich dunklen Tagen. Der Titel klingt irgendwie nach einem Mutmacher, der auf gewisse Substanzen nicht verzichten kann. Udo als Droge, die uns hilft in diesen schweren Zeiten, die er ja fast schon prophetisch vorweggenommen hat. Das hilft, um das alles auch mal für zwei, drei Stunden in der ausverkauften SAP-Arena am Samstagabend zu vergessen. Ohne Maske natürlich.
Wenn man mit 45 Jahren schon so aussieht, wie andere mit 75, dann muss einem vor dem Alter nicht bange sein. Und wer ein Leben auf der Achterbahn geführt hat, wer immer wieder abgestürzt und immer wieder aufgestanden ist, den wirft vielleicht wirklich nichts mehr um. Da steht er, der Rocker aus Gronau, der Unverwechselbare, der Monolith der deutschen Rockgeschichte, und alles ist wie immer.
Man kann dies in seinem Gesicht und in den seltenen Augenblicken, wenn er die Brille abnimmt, auch in seinen Augen ablesen. Sein Leben hat Spuren darin hinterlassen. Aber dieses Gesicht ist auch eine Landkarte der deutschen Nachkriegsgeschichte, von den miefigen Adenauer-Jahren über den vermeintlichen Aufbruch der späten 1960er, frühen 1970er und die Wiedervereinigung bis ins neue Jahrtausend und die Gegenwart. Udo war immer da, auch wenn er öfters abgetaucht war. Und das ist gut. Deutschland braucht einen wie ihn, dessen politische Botschaft immer ganz klare Kante war, auch wenn mancher Text ziemlich naiv daherkommt. „Wozu sind Kriege da?“ lässt sich halt gerade nicht hören, ohne hinter dem Kinderchor die bösen schweinsäugigen Sehschlitze des russischen Präsidenten Putin aufblitzen zu sehen.
Udo-Fans gibt es generationenübergreifend, der Sohn an der eigenen Seite beim Konzert ist das beste Beispiel. Und die Entscheidung für Udo ist eine Lebenseinstellung, ein trotziges Aufbegehren gegen als Piefige, Spießige, aber auch gegen Hass und Nationalismus. Das Universum, das er sich mit seinen mitunter skurril-komischen, dann auch wieder leise-nachdenklichen Song singend erschaffen hat, sie ist eine andere. Eine bessere. Eine buntere.
Er ist eine Kult-, keine Kunstfigur. Denn Udo ist gelungen, was nur wenigen gelingt: Leben und Werk sind eins geworden. Das Leben ist Show, die Show inszeniertes Leben. Eben ein Gesamtkunstwerk, Wie jedes einzelne Konzert. Ein gigantisches Spektakel, eine Riesenfete, ein Taumeln in Erinnerungen, schönen wie weniger schönen. Panik als Antwort auf eine triste Welt. Vielleicht am Samstagabend mehr denn je.
„Ich trag dich durch die schweren Zeiten“ singt der Meister der Balladen. Und der Song schafft das, was man sich von einer guten Pop-Nummer nur wünschen kann: Er schießt mitten ins Herz. Es sind schwere Zeiten, und Udo spendet Trost, muntert auf, greift in seinen kurzen und manchmal dann doch zu vernuschelten Moderationen die katholische Kirche ebenso an wie den Kriegsverbrecher Putin. Man weiß, dass er dies schon immer getan hat, dass er einen Dreck darauf gegeben hat, was andere von ihm halten. Und deshalb verrutschen Nummern wie „Wir ziehen in den Frieden“ oder „Kompass“ auch nicht ins kitschige Pathos beziehungsweise in den pathetischen Kitsch – obwohl sie sich tatsächlich auf einem ganz schmalen Grat bewegen.
Er ist unter den deutschsprachigen Pop- und Rockmusikern bestimmt der beste Geschichtenerzähler, was mit einem Märchenonkel rein gar nichts zu tun hat. Weil seine Texte die besten sind. „Na und“ stammt aus einer Zeit, in der Homosexualität unter Männern im Grunde noch ein Tabuthema war. Im Jahr 1978 jedenfalls waren wir noch lange nicht so weit, wie wir es heute sind. Es ist die Geschichte von zwei Jungen Männern, die sich in einem Café kennenlernen, schöne Stunden miteinander verbringen, sich verlieben, bis dem einen plötzlich klar wird: „dass du ein Junge warst“. Das kommt auch heute noch so unverkrampft, locker und authentisch rüber, dass der Song nichts von seiner Faszination eingebüßt hat. Er kennt nur die eine, Udo-mäßige Botschaft aus dem Titel: „Na und“.
Wenn dieses Land seit Udos Anfängen bunter geworden ist, was natürlich all jenen nicht passt, die es gerne in einem bräunlich eingefärbten Schwarz-Rot-Gold sehen würden, dann hat er seinen Anteil daran. Dieser Mann singt nicht nur von Weltoffenheit und Toleranz, er lebt beides auch. Und tanzt mit seinen 76 Jahren zu Liedern wie „Bunte Republik Deutschland“ oder „Candy Jane“ noch immer so, wie wir das von ihm kennen: Im coolen Udo-Move, seine Arme und Beine irgendwie und irgendwo ebenso durch die Luft schleudernd wie das Mikrofon.
Die Show ist perfekt inszeniert, wie man das von seinen Touren 2017 und 2019, als er ebenfalls in Mannheim gastierte, kennt. Er landet mit seiner Präsidenten-Maschine „Panik 1“ in der Halle, und hebt dann am Schluss auch wieder ab Aber dazwischen liefert er. Zusammen mit seinem Panik-Orchester um Steffi Stephan, zusammen mit seinen Sängern, mit einer Bläser-Combo, einem Kinderchor, Tänzerinnen, Artisten. Das hat Überwältigungspotenzial bei höchstem Spaßfaktor, vor allem wenn dann das große Schlusspotpourri mit den alten Nummern wie „Sonderzug“, „Johnny Controlletti“ oder „Reeperbahn“ beginnt. Man weiß dann am Ende, was man vermisst hat, auch wenn das Konzert noch nicht die Panik-Orgie anlässlich des Endes der Pandemie war.
Text: Frank Pommer
Fotos: Tine Acke